Zu-G-Jankowiak- Archidamos-Memoiren-eines-Königs-von-Sparta

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Jankowiak, G.: Archidamos oder: Der Krieg, der auch den Sieger verschlingt – Die Memoiren eines Königs von Sparta. Norderstedt (Books on Demand) 2025. 250 S., € 11,99 (ISBN 978-3-86971-206-2).

aus: FORUM CLASSICUM 68 (2025), S. 269-271

Die zu besprechenden Aufzeichnungen geben Gedanken und Erinnerungen des spartanischen Königs (469-427) Archídamos II. wieder, militärischen Befehlshabers des peloponnesischen Invasionsheeres in der ersten (431-421) und nach ihm benannten Phase des Großen Krieges mit Athen. Sie entstammen allerdings der Feder von G. Jankowiak (J.), primär entnommen aus der Monographie des Zeitzeugen Thukydides, fiktiv insbesondere, wo sich die Rekonstruktion weiterer, naheliegender Erwägungen anbot und diese den überlieferten hinzugefügt wurden. Selbst noch geerdet im bewährten, auf den Gesetzen des Lykurg fußenden Kosmos seiner Heimat, ist A. – Gastfreund des Perikles – als besonnener Warner vor den Folgen einer eskalierenden und damit nicht mehr beherrschbaren Auseinandersetzung, die seine Pólis ihrerseits überfordern würde, bezeugt (Thuk. I 79-85): in den Debatten vor Ausbruch setzt sich indes die Kriegspartei um den Ephoren Sthenelaídas durch. Und so ist sein Anliegen zum Ende seines Lebens an „nachgeborene“ Hellenen wie Nicht-Griechen aller Herren Länder und rund um „unser Meer“ (karthagische Punier, Ägypter, Perser) ein vorwiegend didaktisches: wie entstehen und wie entwickeln sich personale wie geopolitische Konstellationen, um schließlich in die für alle Seiten – gewollte oder ungewollte – Katastrophe einzumünden.

Diesem dient – im vertraulichen Ich-Du-Modus – ein Überblick über die hellenische Welt unseres Sprechers, von den Póleis Sparta und Athen zu deren Peloponnesischem bzw. Attischem Seebund (bemerkenswert seine Auslassungen zu Formen der Sklaverei 24 f. wie zu den Demokratietypen athenischer Spielart 32 f.); über die Pentékontaetie zwischen Perserkriegen und dem innergriechischen Konflikt; über den ‚Kleinen peloponnesischen Krieg‘ zwischen Korinth und Athen und die beiden Krisen zwischen den adriatischen Tochterstädten Epídamnos (Korinth) und Kerkyra (Sparta) sowie um Poteídaia (auf der Chalkidike) am Vorabend des Großen. Eingebettet Exkurse zu Personen (Themistokles und Archídamos, Kimon und Perikles) und Kampfesweisen (Hoplitenphalanx vs. Seeschlacht). Am Ende steht die Kriegskonferenz in Sparta (Thuk. I 67-87) – Athener gegen Korinther, Sthenelaídas gegen Archídamos; dessen Vermächtnis dann wie von Thukydides überliefert (168-173). Trotz seiner Einsicht in den Sinn von Schiedsgerichten zwischen ebenbürtigen Gegnern (192), trotz seiner nur zu berechtigten Kritik an ständigen Rückverweisen auf Taten und Wege früherer Generationen (195-198), trotz seiner Skepsis gegenüber dem Verhältnis von militärischem Erfolg und politischem Misserfolg (200) lässt er seiner Friedensrede vor dem ersten Feldzug eine Kriegsrede folgen, welche Thuk. II 11 erweitert (202-204). Die Pest in Athen ist für ihn (erwartbar) hygienische Nebenwirkung von Perikles‘ Taktik eines Abnutzungskrieges (206).

Ein Vermittler von außen, fehlende Werkzeuge für „Friedensführung“ – waren die bisherigen Überlegungen, die J. dem Spartanerkönig in den Mund legt, von frappierender Präsenz, so lassen sich seine résumierenden Aktualisierungen zum Handeln „heutiger amtierender Politiker“ und Staaten auf der Rückseite „des Archidamos“ (Stichwort: Exitstrategie) in einen noch weiteren Zusammenhang stellen und dort fortführen. Denn bei aller gebotenen Vorsicht mit solchen und ähnlichen Vergleichen werden strukturelle Parallelen aus der frühen griechischen Historie zu gegenwärtigen Vorgängen augenfällig: in der noch mythologisch behandelten Vorzeit der Palastkulturen mykenischer Zeit streckt eine Großmacht aus dem Osten kommend (Hethiter) ihre Fühler aus nach kleineren Herrschaften des achäischen Mutterlandes. Und nur ein geschlossenes Vorgehen der notorisch rivalisierenden, aus aktuellem Anlass aber unter einer starken Vormacht (Agamemnons Mykene) geeinten hellenischen Adelshäuser, exemplarisch dargestellt am gemeinsamen Feldzug gegen einen übergriffigen Vasallen (Troia) der genannten, kann sich gegen solchermaßen expansive Gelüste behaupten. Die Quelle (Homer) mag rein literarisch sein, entspringt gleichwohl einem historischen Kern. In geschichtlich fassbarer Zeit sind wir mit den versuchten wie realen Vorstößen des Persischen Großreiches auf die Griechenstädte an der Küste Kleinasiens wie auch (über Bosporus und Thermopylen) auf Kerngriechenland – wiederum ‚organisiert‘ in notorisch zerstrittene Póleis. Erst das unter Führung geeinte und geschlossene Vorgehen der demokratisch verfassten Stadtstaaten weist das autokratische Regime in seine Grenzen. Quelle hier allerdings ‚seriöse‘ Geschichtsschreibung (Herodot) – und für Archídamos das Urerlebnis der Hellenen (37) und ihrer Helden.

J.s ausführliches und kleinschrittiges Inhaltsverzeichnis macht Indices entbehrlich; dafür gibt er z.T. ausführliche Begriffserläuterungen (236-245). Die beiden (!) Karten könnten etwas größerformatig sein, und der Hinweis sei erlaubt, dass pólis und póleis (21, 142) nicht austauschbar sind und es weiterhin die Peloponnes (20, 88, 117, 142, 169) bleiben sollte. Was in der Tat vermisst wird, ist ein Verzeichnis der Primärquellen samt Zusätzen seitens J. – Mag der Ich-Autor gleich zu Beginn auf das Unerhörte eines schreibenden Spartiaten überhaupt hinweisen und klagen, vor dem labyrinthischen Charakter der historischen Situation mit lakonischer Ausdrucksweise (im Stile eines: molōn labé des Leonidas an den Thermopylen) nicht mehr auszukommen, so zeigt er sich doch weitgehend dem genus subtile verpflichtet; dies entspricht angemessen den Intentionen und kommt seinem weitgespannten Leserkreis auch sprachlich durchaus entgegen. Inhaltlich weniger Sach- denn Gesinnungsbuch, sind es die Gedankengänge eines führenden Vertreters seiner Zeit, welcher die kriegerische Auseinandersetzung nie suchte, sie andererseits nicht hatte verhindern können, in seinen durchdachten und nachvollziehbaren Mahnungen aber Wege bloßlegt, die man gerade nicht beschreiten sollte – wollte man nicht von den eigenen Siegen verschlungen werden.                                                            Michael  P.  Schmude, Lahnstein