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Homerische-Frage-und-Epischer-Kyklos

Homerische-Frage-und-Epischer-Kyklos

Die ‚Homerische Frage‘ und der Epische Kyklos

Ausgangssituation … Stichpunkte … offene Lösungsansätze – mps –

 

Bereits zur Person Homers stehen zwei Thesen einander gegenüber:

Abbé d’Aubignac (1604-46): Homer (ὅμηρος = Geisel, Bürge) ist als Person eine Fiktion, eine Kollektivbezeichnung für eine Vielzahl von Rhapsoden [ῥαψ-ῳδός [ἀοιδός] = Wandersänger [vgl. u. oral poetry]), welche „Gedichte Homers“ verbreiteten [→ etwa Volker von Alzey aus dem Nibelungenkreis oder die mittelalterlichen Minstrels].

  1. v. Wilamowitz-Moellendorff († 1928): den antiken, stark legendenhaften Nachrichten über das Leben des Dichters Homer liegt ein historischer Kern zugrunde.

Für uns heute ist Homer (8. Jh. v. Chr.) eine Chiffre als Verfasser dreier Epenkomplexe – der Ilias, der Odyssee und der homerischen Hymnen, von denen letztere sicher nicht von Homer / vom Verfasser der Ilias oder Odyssee stammen.

Aus antiken Notizen lässt sich erschließen, dass Homer (mit ‚bürgerlichem‘ Namen Melesígenes) aus der Gegend von Smyrna (Westküste Lydiens) stammte und an den Fürstenhöfen des westlichen Kleinasien (Ionien) verkehrte; Hauptwirkungsfeld dürfte die Insel Chios gewesen sein, sein Grab soll auf der Kykladeninsel Ios liegen. Die Nachricht von seiner Blindheit ist wohl Legende (vgl. die blinden Sänger Demódokos bei den Phäaken oder Phēmios auf Ithaka).

Erstmals von Gelehrten des ausgehenden 5. vorchristlichen Jahrhunderts (den Chorizónten Xenon und Hellanikos) zur Diskussion gestellt (von Aristarch v. Samothrake [216-144 v. Chr.], dem Schüler und Nachfolger des Aristophanes v. Byzanz als Vorsteher der alexandrinischen Bibliothek und [mit] bedeutendstem alexandrinischen Grammatiker, aber zurückgewiesen und für das weitere Altertum unterdrückt) und vom Abbé d‘ Aubignac (s.o.) in der modernen Philologie erneut vertreten, herrscht heute die Auffassung vor, dass Ilias und Odyssee nicht vom gleichen Dichter stammen: Unterschiede im sozialen Milieu der Handlung (die Ilias spiegelt die Adelsgesellschaft mykenischer Zeit [1600-1200 v. Chr.], die Odyssee die Gesamtgesellschaft der Zeit Homers [8. Jh.]), in der Wesensart der Haupthelden, in der Handlungskonzeption im Großen (die Ilias eine Episode, von welcher aus der gesamte Krieg um Troja betrachtet wird – die Odyssee Erzählung eines linearen Geschehens mit kunstvoller Verflechtung der Handlungsstränge [z.B. Nachreichung von umfangreichen Passagen der Handlung in Form der Ich-Erzählung in den Phäakenbüchern]) wie in den zahlreichen, märchenhaft-novellistischen Elementen der Odyssee im Kleinen, sowie jüngere Stadien der Sprachentwicklung (in Morphologie wie Syntax) in der Odyssee lassen diese als das (um eine Generation?) spätere Werk erscheinen, während der Dichter der Ilias zumeist mit Homer identifiziert wird.

 

Die Homerische Frage: mit diesem Problem verbinden sich verschiedene Theorien zum Zustandekommen der epischen Gedichte Ilias und Odyssee in der uns heute vorliegenden Gestalt:

 

  1. a) Liedertheorie: die Ilias besteht aus vielen einzelnen, dem dichtenden Volksgeist entstammenden und von fahrenden Sängern = Rhapsoden mündlich weitergetragenen Liedern, welche in der Regierungszeit des Peisistratos v. Athen (560-27 v. Chr.) erst schriftlich fixiert, zusammengefügt und redigiert wurden (vgl. Cic. de or. 3, 137: Pisistrati? qui primus Homeri libros confusos antea sic disposuisse dicitur, ut nunc habemus).

 

  1. b) Kompilationstheorie: selbständige Kleinepen (behandelnd etwa die Heim- u. Irrfahrten der Trojakämpfer [Nóstoi – s.u. Epischer Kyklos]) wurden von einem Kompilator (lat. compilare – zusammenraffen; ausbeuten, plündern) oder Redaktor zur Odyssee

 

  1. c) Entwicklungstheorie: Eine Ur-Ilias geringen Umfanges wurde durch Einschübe und Hinzufügungen erweitert. In der Odyssee wäre eine solche denkbare ‚Interpolation‘ die Telemachie. Möglicherweise sind der Verfasser einer Ur-Ilias und einer Ur-Odyssee

 

  1. d) Unitarische Theorie: die Ilias ist das Werk eines Dichters; diese These wird bekräftigt durch die Beobachtung strukturähnlicher Szenen (Heeresversammlung, Botenszenen, Begrüßung / Ansprache o.ä.) in Ilias wie Odyssee, welche auf eine einheitliche Konzeption wie Komposition beider Gedichte jeweils hinweisen (← Strukturanalyse).

 

Der Epische Kyklos: umfasst einen Kreis von weiteren epischen Dichtungen, welche den gesamten Mythos (außer Ilias und Odyssee) von der Entstehung der Welt bis zum Tod des Odysseus behandeln, in einem engeren Sinne allerdings den Sagenkreis um den trojanischen Krieg ergänzen, ausgestalten und abrunden. Zeitlich anzusetzen sind sie wohl zwischen 800 und 500 v. Chr., verschiedene Dichter sind auch namentlich bekannt (Arktinos, Hegesias v. Salamis, Lesches v. Mytilene, Stasinos, Kinaithon u.a.), eine sichere Zuordnung einzelner Werke aber kaum möglich. Erhalten sind uns einzelne Fragmente oder bloße Titel, daneben Testimonien = (längere oder kürzere) Nachrichten jüngerer antiker Autoren aus bzw. über verschiedene Dichtungen, außerdem spätere Bearbeitungen des gleichen Stoffes in Lyrik und Drama sowie in der Bildenden Kunst. Auf trojanischer Seite tritt die Aenéis Vergils – eine Art Odyssee und am Ende auch nóstos (s.u.) des überlebenden Helden und seiner Gefährten – in der römischen Literatur als paralleler Erzählstrang hinzu.

 

Als Sagenkreise sind zu unterscheiden:

  1. a) Göttergeschichte: Theogonie (Hesiod um 700 v. Chr.), Titanomachie (vgl. [Ps.-] Aischylos‘ Prométheus [desmōtes]);

 

  1. b) der thebanische Sagenkreis: Oidipodeía (vgl. Sophokles‘ König Ödipus sowie Ödipus auf Kolōnós), Thébais (Zug der Sieben gegen Theben, vgl. Aischylos; Euripides‘ Phoenissen und Hiketiden, Sophokles‘ Antigone) und Epígonoi (Zug der Söhne der Thebenfahrer [aus Argos] gegen Theben);

 

  1. c) der trojanische vor dem Geschehen der Ilias:

 

  • Kyprien (Vorgeschichte: Hochzeit des Peleus und der Thetis [vgl. Catull, c. 64], Parisurteil, Entführung Helenas, Werbung des Menelaos zum Kriegszug, Ereignisse in Aulis [Iphigenie, vgl. Euripides] und Geschichten aus dem in der Ilias nicht behandelten Kriegsabschnitt (1.-9. Kriegsjahr; vgl. etwa Bakchylides‘ Dithyrambos Die Antenoriden oder Die Rückforderung der Helena);

 

nach dem Geschehen der Ilias:

 

  • Aithíopis: Kampf des Aithiopenfürsten Memnon (Sohn der Eos) gegen Achill, beider Tod, Kampf um Achills Leiche [wie auch später um seine Waffen], seine Bestattung, Selbstmord des Aias (vgl. Sophokles); dazu Kampf Achills mit der Amazonenkönigin Penthesileía (→ Camilla in Vergils Aeneis).
  • Kleine Ilias: Ereignisse nach Hektors Tod bis zur Einnahme Trojas (→ Fortsetzung der Ilias; teilweise inhaltliche Überschneidung mit der Aithíopis).
  • Iliupérsis: Eroberung und Zerstörung Trojas mit Hilfe des Hölzernen Pferdes (vgl. Euripides‘ Hekabe, Troerinnen, Helena, Andromache), Schicksal des Laokoon und Flucht des Aeneas (→ Vergils Aeneis, B. II).
  • Nóstoi: Heimkehr weiterer trojanischer Helden, insbes. Agamemnons Schicksal und Orests Rache (Aischylos‘ Orestie [Agamemnon, Choephoren, Eumeniden]; Sophokles‘ Elektra; Euripides‘ Elektra, Orest, Iphigenie bei den Taurern).
  • Telegonie und Thesprōtis: Schicksale des Odysseus nach seiner Heimkehr – Versöhnung mit Poseidon; Aufeinandertreffen mit (→ Hildebrandslied) und (versehentliche) Ermordung durch seinen Sohn von Kirke = Telegonos, dessen Verbindung mit Penelope und die des Telemach mit Kirke

sowie

Wanderung des Odysseus nach Thesprōtien (NW-Griechenland/Epiros), zweite Ehe und Kampf gegen die Bryger (ursprünglich ein thrakischer Stamm, in W-Makedonien und Illyrien ansässig).

 

  1. d) von den Epen außerhalb des trojanischen und thebanischen Sagenkreises dürften die Argonautiká (vgl. Euripides‘ Medéa), die Herakléis (vgl. Euripides‘ Herakles sowie Sophokles‘ Trachinierinnen) und die Theséis (vgl. Euripides‘ Hippólytos) am bekanntesten sein.

 

Von den obengenannten ist der thebanische Stoff dem der Ilias zeitlich vorgeordnet (unter den Sieben gegen Theben ist Týdeus, der Vater des Trojafahrers Diomédes); auch die Helden der Argonauten- (und Theseus-)Sage gehören einer früheren Generation an als die iliadischen Helden (die Brüder Télamon und Peleus nehmen an der Kalydonischen Jagd wie der Argonautenfahrt teil und sind Väter von Helden vor Troja – Aias bzw. Achill; Philoktet ist Bindeglied: Argonaute und Trojafahrer, vgl. Sophokles. Herakles ist [kurzzeitig] Argonaute, befreit Theseus [gleichfalls Argonaute] nach dessen versuchter Entführung der Persephone aus der Unterwelt; Aigeus, der Vater des Theseus, gewährt Medea Asyl in Athen [← Eur. Medea], Theseus selbst wiederum dem verbannten Greis Oidipus in Attika [→ Soph. Oidipus auf Kolōnós]). Hesíone, die Schwester des Priamos, Sohnes des (dritten) trojanischen Gründerkönigs Laómedon, heiratet Telamon, Bruder des Peleus (= Achills Vater) und seinerseits Vater des großen Aias → damit ist Priamos als Vater von Hektor und Paris zugleich Onkel von Achill und Aias und sind mithin die führenden Kämpfer auf griechischer wie trojanischer Seite Cousins. Über die gleiche Linie (Laomedons Schwester Themis – vgl. in der Aeneis die Bezeichnung Laomedóntia pubes für die nach der Zerstörung verbliebenen Trojaner) ist Priamos Vetter des Anchises und Großcousin (sowie durch seine Tochter Kreüsa Schwiegervater) des Aeneas. Dessen Sohn Askánios = Iulus wiederum wird über die Königsliste von Alba Longa (in Latium) und darauf Romulus und Remus Gründungsahne von Roma aeterna und Namensgeber aller Iulier = der gens Iulia (→ das sidus Iulum im Unterweltsbuch von Vergils Aeneis).

 

Literarisch stehen die Dichtungen des Kyklos der Ilias und Odyssee – natürlich in unterschiedlichem Maße – recht nahe; allerdings ging bei ihnen (nach dem Urteil der Antike) das Streben nach stofflicher Vollständigkeit und Abrundung der homerischen Epen offenbar auf Kosten der künstlerischen Gesamtkomposition.

 

Oral Poetry (begründet von Milman Parry 1928 ff.): eine feste Tradition der soeben angesprochenen mythischen Erzählkomplexe reicht bis in das 14. vorchristliche Jahrhundert, in mykenische Zeit (die homerischen Epen geben ja gleichfalls ein Bild der Adelsgesellschaft dieser Zeit, auch für Homer selbst also bereits ‚Geschichte‘, Vergangenheit) und damit in eine Epoche der Nicht-Schriftlichkeit zurück.

Homers Leistung besteht nun darin, dass er einerseits den mündlich gebundenen Überlieferungsstand seiner eigenen Zeit mit Hilfe des (spätestens) zu Beginn des 8. Jh. von den Phöniziern übernommenen Alphabets festgehalten hat, andererseits aber den chronologisch fortschreitenden Erzählaufbau durch eine Komposition ersetzt, welche von einem Leitmotiv (Zorn des Haupthelden; Irrfahrten) aus ein umfassenderes Geschehen (Krieg um Troja; Heimkehr des Odysseus) darstellt.

  1. a) Formeln, stehende Wendungen, zu wiederholende Verse sind unverzichtbare Hilfsmittel des Extemporierens, des (weiterhin improvisierend-kreativen) mündlichen Vortrages aus dem Gedächtnis.
  2. b) Kunstvolle Verflechtungen der Handlungsanlage (Rückblicke in Form der Ich- oder Botenerzählung, Schauplatzwechsel mit Überleitungen, Hintergrunderzählungen), Zentrierung der Geschehnisse auf ein Leitmotiv, vielfältige Bezüge und Anspielungen kennzeichnen ein Dichten, welches ohne Schriftlichkeit nicht mehr

Homer‘ hat Ende des 8. Jh. v. Chr. einzelne, umfangmäßig begrenzte Stränge vorgefundener, mündlich tradierter Volksdichtung unter dem von ihm angestrebten Kompositionsprinzip zu einem (umfangreichen und) großangelegten Ganzen, der Ilias, schriftlich zusammengefügt, wobei unsicher bleiben muss, welche Bestandteile er umlaufender oral poetry entnommen und welche er selbst (hinzu-)gedichtet hat.

Eine analoge Abfassungsgeschichte mit einem (wenig) jüngeren Dichter aus dem Umfeld Homers ist für die Odyssee anzunehmen; und in die gleiche ‚homerische Schule‘ gehören schließlich auch die sogenannten Homerischen Hymnen, Preislieder auf olympische Götter (mit Episoden aus ihrem Leben) und auf Heroen und Halbgötter unter Verwendung von Charakteristika der homerischen Großepen (Sprache, Formeln) seit dem 7. Jh. v. Chr.

Zu-E-Stein-Hölkeskamp-Das-archaische-Griechenland

Zu-E-Stein-Hölkeskamp-Das-archaische-Griechenland

Elke Stein-Hölkeskamp: Das archaische Griechenland – Die Stadt und das Meer, München (Beck) 2015 [C.H. Beck Geschichte der Antike]. 302 S., € 16,95 (ISBN 978-3-406-67378-8).

Der anzuzeigende Band bildet den Auftakt einer sechsteiligen Reihe des Beck-Verlages zur antiken Geschichte, welche den Bogen vom archaischen über das klassische Griechenland sowie den Hellenismus zur römischen Republik und Kaiserzeit bis in die Spätantike spannt. In acht Kapiteln entwickelt Stein-Hölkeskamp (StH.) hierin die Geschichte des vorklassischen Griechenland zwischen dem 12. und 6. Jh. v. Chr. und erweitert damit den konventionellen Epochenansatz um das Ende der mykenischen Zeit bis über die ‚Dunklen Jahrhunderte‘ hinweg. Die Vorstellung von einer Primitivisierung nach dem Niedergang der Paläste und einer Renaissance im 8. Jh. wird im Lichte anwachsenden archäologischen Materials aus der nichtliterarischen Zwischenzeit ebenso aufgegeben wie die Annahme eines linearen und überall parallel laufenden Prozesses, der bruchlos und im Sinne einer Kausalkette notwendig von den homerischen Helden über Solon zu Sokrates, von Adelsherrschaft und Tyrannis zur attischen Demokratie, von der Archaik als Vorgeschichte zur Klassik als Höhepunkt und Abschluß führte; vielmehr zeigen sich in regional versetzten Phasen Kulturkontinuitäten wie -brüche, geht der Weg vom Fürstenpalast Homers zur Polis, vom ansässigen Bauern zum Kolonisten und Bürger in einem Nebeneinander von Handlungssequenzen, welche vormals in kontinuierlicher Abfolge gesehen wurden (S. 12-14).

Die einzelnen Kapitel fügen sich einer gemeinsamen Ordnung: nach einer einleitenden Passage, welche durchweg die frühe griechische Dichtung, aber auch Philosophie oder Herodot sprechen läßt, wird der systematische, Groß-Hellas zusammenschauende Hauptteil der Darstellung durch Fallstudien unterlegt, die am Beispiel der Mikrogeschichte einzelner Poleis Entwicklungen diachron nachzeichnen und – über die bestbezeugten Athen und Sparta hinaus – den geographischen Rahmen auf das ‚andere Griechenland‘ hin weiter abstecken, abgeschlossen wiederum durch ein Fazit, welches die Eingangs- bzw. Grundüberlegungen unterstreicht und dabei Ergebnisse der Fallstudien mit einbindet. Überdies werden die auf die Kapitel verteilten gesellschaftlichen Gruppen in den Fallstudien zusammengeführt, in deren Rahmen sie wiederum als kooperierende oder konkurrierende dramatis personae den Werdegang ihres Gemeinwesens auf je eigene Weise gestalten. Die ersten beiden Abschnitte nehmen einen gemeinsamen Bezugspunkt und beleuchten ihn aus unterschiedlicher Quellensituation und zeitlicher Perspektive: die Palastanlagen, für welche namengebend diejenige des festländischen Mykene wurde, erlebten ihre Blütezeit im 14./13. Jh. und standen ihrerseits unter dem Einfluß der jüngeren minoischen Zivilisation auf Kreta (17.-15. Jh.). Neben den architektonischen Zeugnissen etwa von Pylos und Tiryns auf der Peloponnes, Theben in Boiotien, Jolkos in Thessalien sowie zahlreicher ‚mykenischer‘ Siedlungen außerhalb dieser Zentren (und von unterschiedlicher Ausdehnung) geben insbesondere die Tontäfelchen des Linear-B Einblick in die hierarchische Struktur dieser den vorderasiatischen Stadtmonarchien ihrer Zeit verwandten, dazu untereinander wie ‚international‘ bestens vernetzten Gesellschaften, ihren sozialen Aufbau, ihr Wirtschafts- und Abgabensystem, ihr Gefolgschaftswesen (S. 25 f.). Mit dem Untergang der zentralistischen Hochkultur wurde eine Schrift offenbar entbehrlich, die Paläste verfielen unwiederbringlich, die Herrscherfiguren erhielten ihren Platz im Mythos. Gleichwohl ist eine submykenische Tradition und gar postpalatiale Blüte lokal wie politisch begrenzter, aber weiterhin auch überregional agierender Fürstentümer bis Mitte des 11. Jh. durch Keramikfunde und Grabbeigaben belegt. Erst ab etwa 1075 kann man aufgrund des Fehlens materieller wie schriftlicher Zeugnisse tatsächlich von ‚Dunklen Jahrhunderten‘ sprechen (S. 37), durch welche hindurch wiederum und entgegen einem kontinuierlichen kulturellen Fortschrittsprozess auf der Ebene der Grundstrukturen bescheidenere autonome Einheiten überdauerten und zum Fundament des gemeinsamen Polissystems werden konnten.

Die ‚Welten des Homer‘ auf der anderen Seite sind durch Alphabet und Schriftlichkeit geprägt, die Palastzeit Geschichte, ihre epische Darstellung in den spätmykenischen Lebensverhältnissen bereits durchzogen von den gesellschaftlichen Umbrüchen des 8. Jh.: Gegenstand indes sind noch die Machthaber der früheren Epoche in ihrem Ringen untereinander, gesehen mit den Augen einer neuen Zeit und ihres Aufbruchs. Im Vordergrund steht hierbei die Frage, ob und in welchem Maße diese literarisierten Textzeugen einer mündlichen Erzähltradition Aussage- und Quellenwert für die zeitgenössischen Gesellschaftsstrukturen haben, zu deren Legitimation sowohl eine Vergangenheit schaffen als auch eine gestalterische Zukunftsprojektion entwickeln (S. 60). Jedenfalls spielen Ilias wie Odyssee innerhalb der Polisrealität späterer Jahrhunderte und damit zur Zeit ihrer Verschriftlichung (S. 67), ist „in den Epen die Polis bereits allgegenwärtig“ (S. 79). Dies bestätigt sich in der Fallstudie der phäakischen Königsstadt Scheria (Od. 6 ff.), welche bereits das Verschmelzen monarchischer und polisdemokratischer Elemente zeigt (S. 95). Im Unterschied zur konventionellen Herangehensweise zieht StH. (S. 14) die Behandlung der frühgriechischen Kolonisation derjenigen der Polis vor, indem sie – literarische (Texte) und archäologische (Steine) Quellen gegeneinander abwägend – Migration nicht als Folge von demographischen und/oder ökonomischen Schwierigkeiten im Mutterland sieht, sondern das beidseitige Ringen der Gemeinschaften um auskömmliche Siedlungsstrukturen herausstellt: Kreativität im Aufbau und – phasenverschobene – Innovationserfahrungen in den einzelnen Neugründungen konkurrieren mit Reorganisationsprozessen, die sie bei den ‚Zurückgebliebenen‘ erst anstoßen, ein Lernfortschritt, welcher die Verbreitung neuer sozialer und politischer Modelle in der alten wie neuen Welt beförderte (S. 119 f.). Motive mögen Stáseis (Bürgerkriege), Streben nach neuen Handlungsspielräumen, bloße Abenteuerlust gewesen sein, von der Heimatgemeinde geplante Unternehmungen homogener Gruppen indes nur in Einzelfällen – die von StH. dann aber eingehend charakterisiert werden (S. 102 ff.). Der durchweg aristokratische Anführer (Oikístes) besorgt zugleich die kultische Legitimation in einem Gründungsmythos, und die Erwartungen dieser höchst mobilen (und zahlenmäßig kleinen) Gruppen wie ihre Erfahrungen jenseits der heimischen Oíkoi im Westen, an der Schwarzmeer- und nordafrikanischen Küste seit der Mitte des 8. Jh. dürften in den idyllischen nicht weniger als in den Horrorgeschichten der zeitgleichen homerischen Odyssee ihr poetisch-verschriftlichtes Echo gefunden haben.

Die stadtstaatliche, in sich geschlossene und mit je eigenen Institutionen, Normen und Identität ausgestattete Polis als Kult- wie politische Gemeinschaft (sowohl oligarchischer als auch demokratischer Variante) teilt sich mit anderen Poleis einen gemeinsamen geographischen wie kulturellen Raum; innerhalb dessen wettstreitet sie zugleich wirtschafts- und machtpolitisch – was Kriege als eine „typische Form der Interaktion zwischen Poleis“ miteinschließt (S. 124). Nach innen ist sie wiederum verzahnt mit einem bewohnten ländlichen Raum bzw. Hafenumland als unabdingbarem wirtschaftlichen Einzugsgebiet und binnenuntergliedert in Phylen, Demen und weitere Kleineinheiten (S. 135). Im Unterschied zu den hierarchisch aufgebauten und ständisch gegliederten frühen Hochkulturen findet die souveräne und selbstbestimmte Polisbürgerschaft ihren gemeinsamen Raum im urbanen Zentrum mit Agora, Verwaltungsgebäuden, Heiligtümern und Feststätten, wie sie sich (von der Autorin an zahlreichen Beispielen im Einzelnen belegt) seit dem 8. Jh. insbesondere in den Siedlungsgebieten des Westens herausbilden und von dort aus erst in die Poleis des Mutterlandes zurückwirken – nicht zuletzt im Zeugnis der schreibenden Zeitgenossen (S. 126 f.). Entwicklungslinien dieser autonomen soziopolitischen Einheiten mit periodisch wechselnden, aber sachbezogen zuständigen Ämtern, mit vorberatenden, geschäftsführenden und kontrollierenden Ratsorganen sowie mit beschlussfassenden Versammlungen der Vollbürger samt „geregelter Interaktion“ in der Öffentlichkeit der Agora vollzieht StH. in aller Vielfalt von der Königszeit in Ilias und Odyssee an (S. 140 ff.).

Auf das Konzept der Polis folgen in der Behandlung konsequent die tragenden Bevölkerungsgruppen: Bauern – Aristokraten – Bürger, eingelegt: die Tyrannis (S. 221-55). Das archaische Griechenland war ein bäuerliches, das von den Bauern bewirtschaftete Umland bildete Rückgrat und Basis der Kernsiedlungen (S. 159 f.). StH. beschreibt detailliert und in Anbindung an deren literarischen Widerhall soziale Strukturen sowie Lebens- und Arbeitsverhältnisse zunächst Regionen übergreifend, um sie dann für die überschaubare Umgebung des dichtenden Landwirts Hesiod (S. 170 f.) anhand einer Interpretation von dessen Werken und Tagen in der Fallstudie Askra (Böotien) punktgenau zu verifizieren. Krise und Bedrohung dieser Welt bereits seit dem 8. Jh. durch Erbrecht, Demographie und Klima, durch das Fehlen eines nennenswerten exportfähigen Handwerks wie Handels finden ihr Echo um 600 in den Reformen Solons, der Umgang der lokalen Führungsschicht (Basileís) damit in seinen Elegien (S. 182-84). Die als Gruppe offene, durch individuelle – ökonomische, soziale, moralische – Überlegenheitsmerkmale definierte (S. 188) Aristokratie maß sich untereinander in permanentem Wettbewerb, nach innen auf dem kultivierten und ‚netzwerkenden‘ Symposion, nach außen bei den panhellenischen Agónen – Fallstudie natürlich: Olympia – , die in den Siegerskulpturen künstlerische, in den Epinikien (Pindar) poetische Verarbeitung fanden (S. 201-04). Die Umbrüche der adligen (Fernhandel, Kriege, Stáseis), mit der bäuerlichen durchaus verwobenen Schicht spiegelt StH. in der Lyrik des 7./6. Jh. (Alkaios, Theognis), und Dichter wie Archilochos, Tyrtaios und Xenophanes bereiten (S. 218 f.) in ihren auf den Gemeinnutz zielenden Wertmaßstäben für eine bislang selbstbezogene Prominenz und deren tyrannischen Superlativ (S. 254) den Übergang zu einem Polisbürgertum vor. Neue Strukturen von Zugehörigkeit und Teilhabe an Entscheidungsprozessen auf kommunaler Ebene – so in Attika (S. 270-73) die Demen- und Phylenreform des Kleisthenes (509/08) – bereiten den Boden für das Zusammenspiel der politischen Einheiten in klassischer Zeit.

Ein ganz großes Plus dieses Buchs ist die konsequente Gliederung und der überall klare Aufbau. Der trotz zahlreicher Fachtermini auch für Nicht-Fachleute stets gut erklärte und flüssig aufzunehmende Text, von Karten, Zeichnungen und Abbildungen passend unterstützt, ist nicht ganz frei von Wiederholungen in Einzelnem, und mancherorts lässt ein ‚behagliches‘ „dieses … aber jenes auch“ eine wünschenswerte Klärung offen, doch vielleicht ist das in einem einführenden Handbuch nicht anders angebracht. Ein knapper Anmerkungsapparat (S. 279-82) belegt nahezu ausschließlich die in allen Kapiteln zahlreichen Textzeugen der (meist) zeitgenössischen griechischen Originale. Das Literaturverzeichnis ist gleichfalls kapitelweise aufgefaltet und stellt den Titeln (durchweg neueren Datums) jeweils einen kurz gefassten, informativen Forschungsbericht voran. Ein Namens- und Ortsregister beschließt diesen kundigen und lesenswerten Gang durch die frühe, eigenständige Phase hellenischer Geschichte zwischen Stadt und Meer.

Michael P. Schmude, Boppard

aus: FORUM CLASSICUM 58 (2015), S. 194-197.

Zu-Schulz-Walter-Griechische-Geschichte

Zu-Schulz-Walter-Griechische-Geschichte

Raimund Schulz / Uwe Walter: Griechische Geschichte – Bd. 1: Darstellung; Bd. 2: Forschung und Literatur. Berlin (de Gruyter) 2022 [Oldenbourg Grundriss der Geschichte Bd. 50]. 278 und 378 S., jeweils € 24,95 (ISBN 978-3 486-58831-6 und 978-3-11-076245-7).

aus: FORUM CLASSICUM 65 (2022), S. 393-395.

Diese Neubearbeitung des ersten Bandes zur Griechischen Geschichte von W. Schuller (1980 – dazu P. Siewert: HZ 236 [1983], S. 134; 62008) behält zum Einen die bewährte, dreigeteilte Konzeption der seit 1978 kontinuierlich wachsenden Reihe OGG bei: Darstellung – Grundprobleme und Tendenzen der Forschung – Quellen und Literatur. Zum Anderen betrachtet sie die weiträumigen Verflechtungen innerhalb des mediterranen Raumes und Griechenland im Rahmen wechselnder Großreiche der Antike (innerhalb der Reihe → Bd. 25 Geschichte Altvorderasiens 22011); Hauptstichworte sind Mobilität, Migration und Kolonisation, Krieg und Bundessysteme sowie die Entwicklung des Polis-Begriffes in seinen regionalen Modellen und Varianten. Dabei wird mit der Zeitspanne von ca. 800-322 v. Chr. die Epochengrenze zum Hellenismus gewahrt, welchen schon in der ursprünglichen Bandaufteilung H.-J. Gehrke (1990, 42008) fortgeführt hatte; voraufgehend Bd. 46 Die Entstehung Griechenlands (2020) – geplant 52 Die ägäische Welt. Troja, Kreta und Mykene – und ‚nach vorne‘ abrundend Bd. 22 Byzanz 565-1453 (42011). Zugleich führen die beiden zu besprechenden Teilbände die Entwicklung der Reihe von einem eher eurozentrierten Standpunkt zum Einbezug des auch außereuropäischen sowie prähistorischen Umfelds konsequent fort. Unter diesem Aspekt sollten gesellschaftliche Sachthemen wie Religion, Wirtschaft, Haus und Familie nicht unberücksichtigt (integriert in c. 2.2/3, s.u.), aber z.T. ausgeklammert bleiben und für sie auf die parallel angelegte Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike EGRA verwiesen werden, um die übergeordneten politischen Strömungen in ihren – nicht zuletzt gedanklichen – Voraussetzungen, wechselseitigen Bedingt- und Abhängigkeiten umso profilierter herauszuarbeiten.

Der thematische Aufbau entspricht sich (bis auf Details – wichtig: Bd. 1, S. 175 ff. Ein bipolares Hellas?; Bd. 2, S. 130 ff. Konstruierte Identitäten = Mythen, Vergangenheitsfiktionen, Barbaren, Hellenen) in den Kernteilen von Band 1 und 2. Am Anfang stehen Traditionen und Lebensumwelt einer griechischen Geschichte hier, methodische Kategorien in Forschung und Studium dort. Danach gliedern vier Hauptkapitel, im Umfang beiderseitig abnehmend, den beschreibenden wie den problemorientierten Teil: Grundstrukturen und Basisprozesse – Facetten der griechischen Staatenwelt – Die Griechen machen große Politik (550-400) – Neue Machtkonstellationen und Transformationen des Politischen (400-322). Eine umfassende chronologische Übersicht, stimmig gegliedert in Naher Osten und Kleinasien – Griechische Halbinsel und Ägäis – Großgriechenland und der Westen (vertieft durch eine detailliertere zu Athen S. 129-131), ein den Kapiteln sachlich folgender Kartenteil (ohne den Alexanderzug), ein elementares Auswahlglossar sowie dieses ergänzende Namens- und Sachregister, ferner ethnische und geographische Indices machen bereits den ersten Teil zu einem auch eigenständig verwendbaren Handbuch. Den Forschungsüberblick des 2. Bandes beschließt als dritter Teil ein ausführliches Literaturverzeichnis, welches den Aufbau der ersten beiden nachvollzieht und begleitet, dazu erneut das o.g. dreifache Register mit gemeinsamen wie modifizierten Einträgen.

Der Erzählfaden setzt ein mit den bronzezeitlichen Ägäis-Kulturen am Rande des ‚Fruchtbaren Halbmonds‘ der Großmächte Ägypten, Babylon und der Hethiter. Dezentral, also ohne übergeordnete Führung in ihrem Binnenverhältnis zueinander organisiert, werden die minoisch-mykenischen Paläste als wirtschaftliche und politische Leitstruktur (mit der Verwaltungsschrift Linear B) nach 1050 von den sogen. ‚Dunklen Jahrhunderten‘ abgelöst. Deren Wechsel zwischen wandernd-pastoralen und sesshaft-agrarischen Lebensformen (und dem Übergang von Kupfer und Zinn zum Eisen als Gebrauchsmetall) mündet schließlich in die gemeinschaftlich verfassten Personenverbände der Archaischen Epoche (ab dem 8. Jh.). Der transregionalen Migration begrenzter Gruppen (nicht: ‚Stämme‘ im Sinne etwa einer ‚Dorischen Wanderung‘) entspricht die Ausbildung unterschiedlicher Dialekte eines früheren Griechisch sowie die adaptierende Übernahme der phönikischen zu einer griechischen Alphabetschrift. Bei aller Vielfalt lokaler Ausprägungen unter dem gemeinsamen Dach von Sprache, Schrift und sozio-kulturellen Praktiken, aber auch von Selbstdeutungen im Mythos – literarisiert im Epos – sprechen Texte ab dem 7. Jh. von ‚Hellenen‘. Demgegenüber werden im Forschungsband die Archaik als Epoche in Frage gestellt und chronologisch-lineare Narrative zugunsten kultureller Sachfelder dekonstruiert. In solche gliedert sich sodann auch die Darstellung: so der Oíkos als ordnungspolitischer Baustein eines sich ab 600 institutionalisierenden Gemeindekollektivs; Handelsnetze und Marktorientierung als ökonomischer Rahmen für Migration und Expansion; Schichtungen innerhalb der Pólis als soziale Distinktionen (Solon um 580 in Athen) zwischen aristokratischen Híppeis, bäuerlichen Zeugiten und besitzlosen Theten (darunter unfreie Schuldknechte und Sklaven). Der Polis in ihren Spielarten als Tyrannis, Oligarchie oder Demokratie (Syrakus, Sparta, Athen) stehen alternative Organisationsformen wie das Éthnos (Phoker), der Bundesstaat (Boiotien, Arkadien, Thessalien) oder kultisch zentralisierte Amphiktyonien (Delphi, Paniṓnion) gegenüber; zum Anderen und ohne eigene Staatsqualität hegemonial begründete Kampfbündnisse (Symmachien), so der Peloponnesische Bund (ab Mitte des 6. Jh.), der Attische Seebund (nach Salamis 480) oder (unter Philipp II. 337) der Korinthische Bund. Parallel dazu hier wie im Folgenden Forschungsbericht(e) in Bd. 2 aus Sicht des aktuellen historischen Diskurses.

Gestaltungsräume für Hellenische Geschichte sind Großregionen: für die Magna Graecia (Unteritalien und Sizilien), den „Mittleren Westen der griechischen Welt“ (S. 91), stehen Syrakus und Massilia. Das Mutterland (mit Delphi als religiösem Bezugspunkt) entwickelt im Athen des Kleisthenes und Perikles, in Sparta von Kleomenes I. bis Agesilaos II. (520-359) und während Thebens Dekade zwischen Leuktra und Mantíneia unter Epameinondas († 362) seine politisch-militärischen Triebkräfte. Korinth am Isthmos hat sich als Drehscheibe für Handel wie für Siedlungsbewegungen (insbes. gen Westen) zwischen wechselnden Ambitionen expansiver Mächte zu behaupten, während im Süden Kreta als Umschlagplatz in den Nahen Osten und Nordafrika von Beginn an eine relative Selbständigkeit und nach innen gerichtete Eigenentwicklung wahrt. Ein Netzwerk namhafter Poleis des Ostens, die im Rahmen mutterländischer Kolonisation seit ca. 1000 v. Chr. an der Küste Kleinasiens gegründet werden, repräsentiert Milet, Hafenstadt am Mäander und Knotenpunkt maritimer Verkehrsrouten: über das ionische „Venedig“ (S. 92) laufen die Wirtschaftsbeziehungen von Ägypten und der Levante durch den Bosporus bis zu den Apoikíen rund um das Schwarze Meer. Die mediterrane Weltbühne bestimmen griechische Poleis noch mit der gemeinsamen Abwehr einer Aggression aus dem Osten in den Perserkriegen, bevor sie sich in den innergriechischen Konflikten des Peloponnesischen Krieges und seiner nachfolgenden Parteiungen selbst ‚zerlegen‘ und nach dem Korinthischen Krieg einem wiedererstarkten Persien im allgemeinen ‚Königsfrieden‘ von 386 fügen müssen. Die Ausbreitung des Makedonenreiches seit etwa 350 unter Philipp II. führt die noch einmal auf Initiative Athens vereinten Griechenstädte in die Niederlage bei Chaironeía (338). Mit dem Zug seines Sohnes Alexander seit 334 gegen das Persische Großreich (Granikos, Issos, Gaugamela) – auch er ‚im Auftrag‘ des Korinthischen Bundes zur Sühnung der einstigen Verwüstungen an den Heiligtümern Griechenlands – sowie nach Ägypten und Indien und einem „letzten Aufbäumen“ griechischer Poleis im Lamischen Krieg unter Hypereides und Demosthenes († 322) schließt auch der hier skizzierte historische Abriss.

Mithin bieten Darstellungs- wie Forschungsteil – gemäß der Zielsetzung der gesamten Reihe – den angekündigten struktur- und grundlagenorientierten Epochenüberblick. In durchweg anregendem Sprachduktus wird hier ein kompakter, gleichwohl für Studierende wie Lehrende jederzeit gut verständlicher und angenehm lesbarer Zugriff auf den unterschiedlichen Werdegang griechischer Gesellschaften von der Bronze- und Palastzeit bis zu ihrer Neuausrichtung unter makedonischer Hegemonie vorgenommen.

Michael P. Schmude,  Lahnstein