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Geboren 1957 in Saarbrücken. Abitur 1976 am dortigen Ludwigsgymnasium. WS 1977/78 Studium der Klassischen Philologie, Evangelischen Theologie und Philosophie an der Universität des Saarlandes. 1983 Erstes Staatsexamen, 1987 Promotion, 1990 Zweites Staatsexamen. Gymnasiallehrer und Dozent an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.

Horaz-Oden

Hor-Od-I-15   [aus: Anregung 40 (1994), 179-185]

Horaz, Oden I 15 („pastor cum traheret …„) und Antonius und Kleopatra in der augusteischen Dichtung: ein Überblick.

 von   Michael P. Schmude

Horazens lyrische Version des Krieges vor Troja, eingelegt in das Bild von der Wegführung der Helena aus ihrer spartanischen Heimat und von ihrem Mann Menelaos durch den phrygischen Hirten und dardanischen Prinzen Paris, im Aufeinandertreffen mit dem wahrsagenden Meeresgott Nereus (od. I 15), steht nicht unbedingt im Vordergrund prominenter Behandlungen des Dichters – als jüngere Beispiele seien hier das Horazbuch von E. Lefèvre (München: Beck 1993) sowie die neu aufgelegte „Horazische Lyrik“ von V. Pöschl (Heidelberg: Winter 1991) genannt; sie kann für die schulische Lektüre gleichwohl in verschiedener Richtung von Interesse sein:

Im formalen Bereich ist es der kunstvolle Gesamtaufbau der neun asklepiadeischen Strophen, ihre Anordnung und Gliederung; im Inhaltlichen wird es für Schüler nicht ohne Reiz sein, neben den bekannten, berühmten Über-Figuren des Trojageschehens einmal Helden der ‚zweiten Reihe‘, auch sie im Aufeinandertreffen mit dem Verursacher der zehnjährigen Kämpfe, zu erleben; hinzukommen Berührungen mit früher griechischer Lyrik, insbes. Bakchylides. Und schließlich wirft das Gedicht als Ganzes die Frage auf, ob es sich hierbei um die Entwicklung eines ‚bloß‘ mythischen Motives handelt, welches der Augusteer dem Bereich des Epischen Kyklos entnommen und auch in diesem Sinne belassen hat, oder ob noch eine zweite, allegorische Ebene der Interpretation zu gewinnen ist, welches dem Anliegen in den übrigen mythologischen Oden des Horaz entspräche.

 Als der Hirte durch die Fluten fortschleppte auf Schiffen

vom Holz des Ida(gebirges) Helena, der Treulose die Gemahlin

des Gastfreundes, da hemmte in unerwünschter Ruhe die schnellen

Winde Nereus, um grausige Geschicke zu künden:

 

„Unter schlimmem Vorzeichen fährst Du die nach Hause,             5          

welche Griechenland mit starker Streitmacht zurückfordern wird,

verschworen, Deinen Liebesbund zu brechen

und das altehrwürdige Reich des Priamus.

 

Wehe, wieviel Schweiß steht den Rossen, wieviel den Reitern

bevor, wieviele Begräbnisse bewirkst Du dem dardanischen     10   

Geschlecht ! Schon nimmt Pallas Helm und Aigisschild zur Hand,

bereitet die Wagen (zur Ausfahrt) und Zornesmut (zum Kampf).

 

Vergebens auf den Schutz der Venus trotzig vertrauend

wirst Du Deine Lockenpracht kämmen und Weibern angenehme

Lieder auf weichlicher Harfe spielend verteilen,                              15   

vergebens wirst Du im Frauengemach schweren

 

Lanzen und den Spitzen kretischen Pfeiles (=aus Knossos)

ausweichen, dem Schlachtenlärm und dem in der Verfolgung schnel-

len Aias: Du wirst dennoch, wehe, zu spät die buhlerischen

Haare im Staub beschmutzen.                                                                 2o

 

Siehst Du nicht den Sohn des Laertes, Verderben für Dein

Geschlecht, nicht Nestor aus Pylos ?

Unerschrocken drängen Dich Teukros von Salamis

Dich Sthenelos, der kundig

 

der Schlacht, sei es, daß es nötig, Rossen zu gebieten,                   25

oder als Wagenlenker unverdrossen. Auch den Meriones

wirst Du kennenlernen. Sieh erst, da rast, Dich zu finden,

unbändig der Sohn des Tydeus, stärker noch als der Vater:

 

den wirst Du fliehen wie der Hirsch den Wolf, welchen er auf der

anderen Seite des Tales erblickt hat, vergessend der Weide,      30

weichlich, mit keuchend in den Nacken geworfenem Haupt:

das ist es nicht, was Du der Deinen versprochen hast.

 

Grollend wird aufschieben den Tag (des Unterganges) Ilion

und den Phrygerfrauen die Mannschaft um Achill:

die Winter sind schon gezählt, nach denen Achaierbrand           35

ilische Häuser in Asche legen wird.“(1)

Die erste Strophe (v. 1-4) führt in die äußere Situation des Gedichtes ein: das Schiff des Paris, welcher Helena als Bruch seines Gastrechtes bei Menelaos von Sparta wegfährt, wird durch den Meeresgott Nereus unvermittelt angehalten, indem dieser die ihm untergebenen Winde verstummen läßt, um dem trojanischen Räuber die schicksalsbestimmte Strafe für ihn wie für sein gesamtes Haus vorherzusagen: das Verhängnis über das Priamusreich wird im Ergebnis bereits im Folgenden (v. 5-8) vorweggenommen und taucht – ringförmig abschließend – erst in den Schlußversen 35/36 wieder auf. Die Einzellinien dorthin werden, in stetigem Wechsel zwischen Prophezeiung (Verben im Futur) und visionärem Bild (Verben im Präsens – Numberger 72), in zweimal drei Strophen verfolgt, an deren Ende jeweils (v. 19/2o und v. 31/32) ein jämmerliches Bild des schmählich untergehenden Hauptübeltäters steht.

 Inhaltlich reizvoll ist hierbei die Auswahl der Gegenspieler, welche Paris solchermaßen zusetzen: Nicht Achill, der große Aias, Agamemnon oder auch Menelaos (wie im 3. Buch der Ilias) sind die Rache Nehmenden, sondern – nach dem Auftakt auf der Ebene der Göttinnen – der kretische Bogenschütze Meriones (Gefährte des Idomeneus, Il. 13, 246 ff.; 23, 859-83 u.a.); der kleine, lokrische Aias (Il. 2, 527-35; 14, 52o-22); Teukros aus Salamis, der Halbbruder des großen Aias (Il. 13, 17o ff.; 15, 436 ff.; vgl. Soph. Aias); Sthenelos, Wagenlenker des Diomedes (Il. 5, 1o7-12; 241 ff.; 835-4o). Zuvor (v. 21/22) mit Odysseus und Nestor Männer, die sich in der Ilias stärker noch als durch kriegerische Taten durch Schlauheit bzw. Weisheit auszeichnen. Eine Steigerung, die dann aber auch zum abschließenden Höhepunkt führt, erfolgt freilich mit Diomedes, vor dessen Anblick Paris bereits von ferne wie der Hirsch vor dem Wolf (am anderen Ende des Tales !) die Flucht ergreift.

In v. 33/34 retardiert das Grundthema der homerischen Ilias noch einmal den Vollzug, mit welchem die Prophezeiung des Nereus – nicht das Gesamtbild der Ode ! – schließlich (v. 35/36) abgerundet und erfüllt ist: (2)

[Der Aufriß des Gedichtes wird hier nicht richtig angezeigt; eine untergliederte Ansicht haben Sie in der Download-Version]

A:  v. 1- 4  äußere Einleitung : Anhalten der Seefahrt durch Nereus.

B:  v. 5-36  Hauptteil : die von Nereus vorausgesagten Fata des

Dardanidengeschlechtes.

v. 5- 8:   (Binnen-)Einleitung zu den Fata: Gesamtschau.

v. 9-32: (Binnen-)Hauptteil: Einzellinien der Fata:

I. v.  9-2o:  v. 9/1o    einleitendes Bild des Schlachtfeldes.

v. 11-18  Gegenparteien:

A 11/12  Athene

B 13        Venus

b 14-16  Paris

a 17/18  achäische Helden

v. 19/2o  1. Höhepunkt:  Tod des Paris im Staub.

II. v. 21-32: v. 21-26 achäische Helden; gewisse

v. 27/28 Steigerung bei Diomedes.

v. 29-31 2. Höhepunkt:  Vergleich Paris – fliehender Hirsch

v. 32    Völlige Entehrung des Paris vor der Geliebten.

v. 33-36: (Binnen-)Schluß: Erfüllung der Fata:

v. 33/34 : Verzögerung der Fata ( – kurzes „Aufbäumen“ der

Handlung).

v. 35/36 : endgültige und totale Erfüllung der Fata

(- Zusammenfallen der Höhepunkte).

C :             äußerer Schluß:    fehlt !

Auffällig bleibt das Fehlen eines äußeren Schlusses, welcher zusammen mit den Einleitungsversen 1-4 das Bild von der Meeresfahrt nach Troja rundete und die Vorhersage des Nereus als Episode darin einbettete; im Rahmen der Konvention könnte dieser eine Reaktion des Paris, seiner Mannschaft und/oder Helenas sowie die Weiterfahrt unter geänderten Vorzeichen und Stimmungen bieten. Bei gleichem Umfang wäre mit einem solchen Rahmenschluß darüber hinaus eine Symmetrie im Aufbau der Ode hergestellt, welche formal bis zu den einzelnen Strophen hinab, inhaltlich bis in die Gliederung des Binnenhauptteils in zwei Unterabschnitte reichte: zeigt dieses Gedicht sich uns mithin als Fragment ? (3) Wir kennen weitere Oden, in welchen Horaz Themen des Mythos in lyrischer Form behandelt, und die nach einer Prophezeiung scheinbar abrupt enden (I 7, III 3; III 11 und 27); allerdings sind es dort die persönlichen Einleitungen, die am Ende nicht wieder aufgegriffen werden (4) – und in I 15 fehlt ein unmittelbarer Bezug auf Person oder Lebenswelt des Dichters. Vielmehr ist in diesem frühen (Fraenkel 226–28) Stück die Einleitung bereits ein mythologisches Bild, ist die Vorhersage am Ende schon ausgeführt, nach oben hin gewissermaßen abgeschlossen, bleibt ihre Einbettung hingegen unvollständig.

Auf weitere Parallelen zu dieser Form des Odenschlusses weist eine Notiz des Horazkommentators Pomponius Porphyrio (wahrscheinlich aus dem 3. Jh. n. Chr.): „hac ode Bacchylidem imitatur; nam ut ille Cassandram facit vaticinari futura belli Troiani, ita hic Proteum„(5). Dieser von Porphyrio als Anregung und Vorlage für Horaz angenommene Dithyrambos – Chorlieder, in welchen oftmals Episoden aus größerem epischem Zusammenhang thematisiert wurden und Rede und Dialog eine wichtige Rolle spielten, „in mancher Hinsicht … unseren Balladen nicht unähnlich“ (so Fraenkel 224/25) – ist verloren; freilich zeigt der (erhaltene) Dithyrambos ‚Die Antenoriden oder: Die Rückforderung der Helena'(6) Gemeinsamkeiten mit der Horazode I 15:

Er handelt von einer Gesandtschaft des Menelaos und Odysseus nach Troja, um dort die Auslieferung Helenas zu verlangen, als, noch vor dem eigentlichen Beginn des trojanischen Krieges, nach der Landung der Griechen von ihrem Heerlager auf der Insel Tenedos aus auf dem troischen Festland bereits zwei kleinere Gefechte stattgefunden hatten (7). Sie werden gastlich aufgenommen von Antenor, dessen Frau Theano Priesterin der Schutzgottheit der Sadt Pallas Athene ist, und der sie auch vor den Feindseligkeiten einiger Trojaner schützt.

Von Bakchylides wird dies freilich vorausgesetzt; sein Gedicht beginnt ohne Einleitung damit, daß Theano ihren Gästen auf der Akropolis von Troja den Athena-Tempel zum Gebet öffnet, und einer (verlorenen) Partie zwischen Odysseus und Theano. Kernstück und zugleich Höhepunkt bildet eine Rede des Menelaos vor der Volksversammlung auf dem Marktplatz; mit deren Aufruf zu Recht und Gesetzmäßigkeit sowie Warnung vor Hybris und Verschlagenheit (Giganten) schließt das Lied ebenso unvermittelt, wie es eingesetzt hatte, ohne Rückkehr zur Rahmenerzählung: keine ausgeführte mythische Episode, sondern ein situatives, episches Kleinbildchen, im Detail abgeschlossen, aber nicht in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Neben den offenkundigen Parallelen zu od. I 15 liegen Unterschiede besonders im Gewicht von erzählendem Teil und wörtlicher Rede; diese dominiert bei Horaz erdrückend, während sie im Munde des Menelaos eher eine Art Krönung der ausführlicher beschriebenen Situation darstellt. Bei beiden nehmen sie freilich den – ohnehin dem Leser bekannten – weiteren Verlauf der Dinge vorweg – sei es im faktischen (Horaz), sei es im sittlichen (Bakchylides) Sinne – , was sich wiederum zu den „inner-horazischen“ Parallelen (8) fügt.

Eine Frage, die in engem Zusammenhang mit der grundsätzlichen poetologischen Bewertung unseres Gedichtes stand und steht, ist schließlich diejenige nach einer Mythenallegorie oder ‚bloßer‘ lyrischer Version eines epischen Themas in od. I 15: bereits Plutarch (comp. Demetr. et Anton. 3 / Vit. Anton. 9o) weist auf die Gleichung Paris – Helena mit Antonius und Kleopatra hin, und Cristoforo Landino formuliert (in neuplatonischem Geist) den Gedanken einer Allegorie in seiner kommentierten Horazausgabe (Florenz 1482)(9). Andererseits ist dem Gedicht gerade von Kommentatoren, welche eine allegorische Auslegung ablehnen, der Vorwurf zu geringer Tiefenschärfe und des Fehlens eines paränetischen Elementes gemacht worden (1o), während der kunstvolle Gesamtaufbau durchaus Anerkennung findet (11).

Nun ist „pastor cum traheret …“ als Ganzes stets auf die Figur des (negativen) Helden Paris gerichtet, Helena direkt gar nicht angesprochen; dagegen steht der Dichter dort, wo er unverschlüsselt von den ägyptischen Ereignissen spricht, völlig in Übereinstimmung mit der offiziellen Kriegspropaganda Octavians, die alleine Kleopatra zur Kriegstreiberin und Gefahrenherd für Rom macht; ihr Liebhaber Antonius wird nirgendwo genannt (vgl. od. I 37, epod. 9, 11 ff.). Ein Bezug unserer Ode auf diese Vorgänge würde eine zur politischen Wirklichkeit des Horaz völlig entgegengesetzte Gewichtsverlagerung bedeuten (12); der Blick auf die augusteische Dichtung als Ganzes (13) soll dieses Argument stützen:

Im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Seeschlacht von Aktium stellt (nach der 1. Epode) das Stimmungsbild am Abend des Kampftages (2. Sept. 31 v. Chr.) in der 9. Epode des Horaz (s.o.) einen der ägyptischen Kriegsherrin völlig verfallenen Sklaven Antonius und die gesamte Auseinandersetzung als auswärtigen, nicht Bürgerkrieg dar. Bereits nach der Einnahme Alexandrias zeichnet die ‚Kleopatraode‘ I 37 (entstanden wohl im Spätsommer 3o) zum einen das fatale monstrum (v. 21) in Wahnwitz und Vermessenheit, zum andern aber auch den konsequenten Freitod der non humilis mulier (v. 31) im Sinne der attischen Tragödie, ergänzt darüber hinaus mit der Reaktion in Rom auf das gesamte Geschehen um Aktium die Epode 9 im Rückblick (14).

Properz widmet dem Thema zwei Elegien: in 3, 11 beschließt Kleopatra (v. 29 ff.) eine Reihe von sagenhaften Frauengestalten, welche über herausragende Männer ihre Macht auszuüben verstanden; auch in der 6. Elegie des 4. Buches (aus dem J. 16 v. Chr.), in welcher die entsprechende Passage der vergilischen Schildbeschreibung (Aen. 8, 675-713) nachgestaltet wird, läßt der Dichter –  stärker noch als sein Vorbild – Antonius völlig zurücktreten: es ist die Hand der Frau, welche römische Speere lenkt (v. 22)(15). Auch bei Ovid geht (met. 15, 826-28) allein von Kleopatra die aktive Bedrohung für Iuppiters Capitol aus, wenngleich sie als die Romani ducis coniunx eingeführt wird (16). Nicht anders schließlich das Bild in der nachaugusteischen Literatur; stellvertretend (aus dem 1. Jh. n. Chr.) ps.-Seneca, Oct. 518-22 (Nero über Antonius) und (besonders heftig sowie mit Verweis auf Helena) Lukan, b.c. 1o, 59-72 für die durchgängig ebenso negative Sicht der ägyptischen Seite wie bereits bei Properz.

Es war in der ersten Zeit nach Aktium von Staats wegen zu einer allgemeinen damnatio memoriae des Antonius gekommen; die Kämpfe selbst wurden zudem nicht als innerer Krieg (gegen Antonius um die politische Führung), sondern als Sieg über eine fremde Macht, als Verteidigung gegen das Ägypten der Kleopatra (17), und die Auseinandersetzung Octavians mit Antonius als eine private Fehde angesehen; die Bürgerkriege enden mit der Niederlage des Sext. Pompeius i.J. 36 v. Chr. Die augusteischen Dichter zeigen das allmählich milder werdende Bild eines eher fehlgeleiteten Opfers denn frevelhaften Usurpators Antonius in den Fängen der orientalischen Zauberin (des Horaz) bis zur ägyptischen Hure (des Properz). Mit dieser dominierenden und für die Ereignisse alleinverantwortlichen Kleopatra aller Augusteer ist aber die passive, stets im Hintergrund bleibende Helena der Ode I 15 ebensowenig vereinbar wie der horazische Hauptübeltäter Paris mit einem Antonius, welcher als Person (literarisch) gänzlich verschont bleibt, und dessen Handeln zumindest teilweise Verständnis – auch bei Lukan natürlich keine Billigung ! – findet.

Ohnedies ist die allegorische Deutung von od. I 15 letztlich das Ergebnis einer Art der Interpretation, die von einem Gedicht – hier aufgrund einer ohne Not geforderten Konformität der Aussageabsicht – etwas verlangt, was der Dichter offenkundig gar nicht bieten will, anstatt vor allem nach dem, was sie vorfindet, dessen poetischen Stellenwert zu bemessen. Unsere Ode ist eine lyrische Ballade, ist gewiß kein schweres Gedicht; und wenngleich die alten Stücke der frühen griechischen Lyrik vorwiegend einer (ethischen) Paränese verpflichtet sind, so finden sich auch unter diesen Gedichte, in welchen epische Episoden allein um ihrer Darstellung selbst willen behandelt werden (18). Mit diesen griechischen Verwandten und im angesprochenen Rahmen steht „pastor cum traheret …“ als freie, im Einzelnen wie im Gesamtaufbau höchst kunstvolle Zeichnung aus dem Mythos um Troja bei aller Eigenständigkeit auf ein- und derselben hohen poetischen Stufe.

Anmerkungen:

1)                 Als Textausgabe ist zugrundegelegt die Teubneriana von Fr. Klingner, Leipzig 3. Aufl. 1959 (Nachdrucke). Die Übersetzung beansprucht keine literarische Qualität, sondern versteht sich allein als Arbeitsgrundlage für die Interpretation; vgl. auch W. Willige, in: Gymnasium 64 (1957) S. 1oo-o2. – Umfassender Forschungsbericht zu Horaz (1957-1987) von E. Doblhofer, (Darmstadt 1992) [Erträge der Forschung 279]; s. zuletzt E. Lefevre, Horaz – Dichter im augusteischen Rom (München 1993) , S. 346-53.

2)                 Es kann und soll hier keine Einzelinterpretation der Verse gegeben werden; diese ist längstens und erschöpfend geleistet in dem nach wie vor unentbehrlichen und bequem zugänglichen Kommentar von A. Kießling / R. Heinze (Berlin 7193o von A. Mauersberger) [Nachdrucke], mit einem Nachwort und bibliographischen Nachträgen von E. Burck, sowie von R.G. Nisbet / M. Hubbard, A commentary on Horace: Odes b. I, Oxford: University Press 197o. Auf die Bedürfnisse der Schule ausgerichtet der Lehrerkommentar (zu den lyrischen Gedichten des Horaz) von K. Numberger (Münster 1972); mit Arbeitsaufträgen und Zusatztexten (Il. 3, 15-72 / 428-48) in: Quintus Horatius Flaccus – Carpe diem: eine Einführung in die Welt der horazischen Lyrik, für den Unterricht bearbeitet von K.H. Eller (Frankfurt a.M. 1986) [Modelle für den altsprachlichen Unterricht, Latein], S. 16-21 (auch zur Kleopatraode – s.u. S. 6 – ib. S. 27-32).

3)                 Zur Gesamtinterpretation vgl. vor allem Ed. Fraenkel: Horaz (Darmstadt 1963 [original Oxford 1957], Nachdrucke), S. 223-28 und H.-P. Syndikus: Die Lyrik des Horaz (eine Interpretation der Oden), Bd.1 (Darmstadt 1972) [Impulse der Forschung 6], S. 171-79.

4)                 In der Ode I 7 empfiehlt Horaz seinem Freund Plancus nach einer Gegenüberstellung glanzvoller Stätten Griechenlands bzw. Asiens und des heimischen Tibur (laudabunt alii … – Priamel) anhand des mythischen Loses des Teukros aus Salamis Unverzagtheit auch vor Schicksalsschlägen; III 3 preist Roms glänzende Zukunft im Munde der versöhnten Iuno, solange es nicht seine frevlerische Ahnstadt Troia wiedererstehen lassen wolle: beide Oden laufen in direkter Linie auf einen paradigmatischen Ausblick hinaus, welcher die Einleitung aus der Gegenwart des Autors nicht wieder aufzunehmen braucht. In der Danaidenode III 11 wie in der Europaode III 27 bleibt der Mythos Hauptsache, mündet die Erzählung von der Verweigerung des Gattenmordes durch die eine Danaostochter ebenso wie die Klage der phönikischen Königstochter am Strand von Kreta in eine Weissagung, welche die Zukunft der Heldin andeutet, noch nicht aber – wie in I 15 – ausführt, und damit das Gedicht nach oben hin offen läßt: auch hier wird die Sphäre des Dichters als äußerer Rahmen zum Schluß entbehrlich.

5)                 Proteus, der Robbenhirt Poseidons (vgl. Hom. Od. 4, 363-57o), wohl wie der Triton Pindars (4. Pythie) von Porphyrio dem Nereus des Horaz gleichgesetzt.

6)                 15(14) = dith. 1 der Bakchylides-Ausgabe von Snell/Maehler, Leipzig 1o197o, S. 52-54; deutsche Übersetzung in: Bakchylides – Lieder und Fragmente, griechisch-deutsch von H. Maehler, Berlin 1968, S. 87 [Schriften u. Quellen zur Alten Welt 2o].

7)                 Quelle für Bakchylides sind hier die Kyprien, ein Epos spätestens aus dem 8. Jh. v. Chr., benannt nach seinem (vermeintlichen) Autor Stasinos von Kypros (Zypern) und in Umrissen bekannt aus der Chrestomathie, Auszügen des Grammatikers Proklos vermutlich aus dem 2. Jh. n. Chr., vgl. auch den Bakchylideskommentar von Jebb, Cambridge 19o5 [ND Hildesheim], S. 218-21. Sie stellen im Rahmen des sog. ‚Epischen Kyklos‘ die Vorgeschichte der homerischen Ilias dar.

8)                 S.o. Anm. 4, zu beachten auch die Warnung Fraenkels 1963, S. 225 vor einer Einengung des Blickwinkels allein auf Bakchylides. In Verwendung und Akzentuierung übernommener formaler (wie inhaltlicher) Elemente bleibt Horaz eigenständig. F. Cairns (AJPh 92,1971, S. 447-52) weist als „parallel not in subject-matter but … in literary form“ auf Simonides fr. 543 Page hin (ib. auch zur Wahl des Nereus – nach Hes. theog. 233-36 – als Sprecher sowie zum Verhältnis Rom – Troja in od. I 15 und III 3).

9)                 „Ego autem puto poetam nostrum … admonere M.Antonium, ne Cleopatrae amore ductus adversetur Octaviano …“ Kießling-Heinze 193o, S. 75 f. gewichten die nicht zu leugnenden Unstimmigkeiten in Details im Sinne einer Mythenanalogie, ziehen diese zudem für eine Datierung der Ode auf den Winter 31/3o v. Chr. und die Aussageabsicht des Dichters heran, in Nereus‘ allegorischer Prophezeiung den Fall des Antonius und den Sieg des Westens über den barbarischen Osten zu künden. Entschiedene Zurückweisung als Überinterpretation aufgrund von ‚Systemzwang‘ innerhalb der übrigen mythologischen Oden des Dichters (mit früherer Literatur) bei Fraenkel 1963, S. 223f.; vorsichtige Zustimmung gemäß einer ganz allgemeinen Analogie der Charaktere und Schicksale noch einmal bei Numberger 1972, S. 73.

10)             Nisbet-Hubbard 197o, S. 189/9o sprechen von naiver Balladendichtung im Stile mancher Umgestaltung epischer Erzählung bei frühgriechischen Lyrikern in weitschweifige, in die Breite gehende Trivialszenen wie die Hochzeit Hektors mit Andromache bei Sappho (fr. 44 Lobel-Page), die sketchartigen Lieder auf den trojanischen Krieg bei Ibykos (fr. 282a Page) und Alkaios (fr. 283 L-P), sowie die oben (S. 5 f. mit Anm. 6/7) behandelte Antenoridenepisode des Bakchylides. Diese sei von einer ethischen Homerauslegung ebensoweit entfernt wie von der Orakelbehandlung alexandrinischer (etwa Lykophrons ‚Alexandra‘), aber auch römischer Poesie (die Vorhersagen der Parzen in Catulls carm. 64 oder der Thetis bei Statius, Achill. I 31 ff.).

11)             Syndikus 1972, S. 174 f. hebt neben der meisterhaften Handhabung der künstlerischen Mittel bei der Einzelausführung des Gedichtes besonders die zu Beginn in geradezu neoterischer Manier in Antithesen geformte äußere wie innere Gedichtsituation (Hirte – Meer, treulos – Gastfreundin, Winde – Meeresstille  …) hervor. In der Nereusrede ist Paris dementsprechend bis v. 2o als der Alles in Bewegung Setzende, im zweiten Teil als der nur noch Erleidende gezeichnet.

12)             So Syndikus 1972, S. 175 f.; vgl. zuvor auch Nisbet-Hubbard 197o, S. 19o. O.L. Smith macht (C&M 29,1972, S. 67-74) vor allem die Charakterzeichnung des Paris in I 15 zum Kriterium für seine Ablehnung der allegorischen Auffassung.

13)             Literatur: (neben den bereits Genannten insbesondere) F. Wurzel: Der Krieg gegen Antonius und Kleopatra in der Darstellung der augusteischen Dichter (Diss. Heidelberg 1941); I. Becher: Das Bild der Kleopatra in der griechischen und lateinischen Literatur (Berlin 1966).

14)             Weitere Anspielungen auf die Ereignisse in der Römerode 3, 6, 13-15 sowie in der späten Ode 4, 14, 34-4o; nur noch indirekt im Musengedicht od. 3, 4, 65-67.

15)             Bei Properz vgl. weiter Buch 2, 1, 31-34, ib.15, 43-46 und 16, 37-4o.

16)             In den Fasten 1, 711 bleiben beide namentlich ungenannt, während in der (pseudovergilischen und mit der Appendix Vergiliana überlieferten) Elegia in Maecenatem 1, 53 f. wiederum Kleopatra Rom als Mitgift für ihr stuprum begehrt; dieser Gedanke wird (vielleicht noch in augusteischer Zeit) von Manilius, astron. 1, 914-18 auf die dotalis acies in den Actia bella eingegrenzt.

17)             Entsprechend die Ausdrucksweise des Augustus, Monum. Ancyr. 25 und Sueton, Div. Aug. 22 sowie die Einbettung in frühere außenpolitische Auseinandersetzungen bei den Augusteern.

18)             Dabei mag Horaz durchaus an allen anderen Stellen den Mythos unter dem Gesichtspunkt des Ethos behandelt haben, und wir brauchen hier auch nicht der Frage weiter nachzugehen, ob und inwieweit od. I 15 ein früher lyrischer Versuch des Dichters ist, von welchem er sich später dann hin zu (sittlich–)ernsthafterer Behandlung abgewandt hat.

 

Zusammenfassung:

Horaz, Oden I 15 … und Antonius und Kleopatra … – M.P. Schmude

Mit der Ode I 15 („pastor cum traheret …„) wird ein Gedicht behandelt, welches im Rahmen der Horazbetrachtung eher ‚im zweiten Glied‘ steht ebenso, wie es hier Helden ‚zweiten Ranges‘ sind, die innerhalb des Trojageschehens dem Hauptübeltäter des zehnjährigen Krieges, dem phrygischen Hirten Paris, gegenübertreten. Neben dem kunstvollen, bewußt fragmentarischen (?) Aufbau des Gedichtes im Großen wird seine Verwandtschaft mit Erzeugnissen früher griechischer Lyrik (Bakchylides) aufgezeigt und in einem Gesamtüberblick auf entsprechende zeitgenössische Behandlungen die Frage gestellt, ob das homerische Paar Paris – Helena im Sinne einer Mythenallegorie auf die Gegenwart des augusteischen Dichters und die Auseinandersetzung des Princeps mit Antonius und Kleopatra übertragen werden will und kann.

 

Die-Apostelgeschichte-des-Lukas

Die-Apostelgeschichte-des-Lukas

Übergangslektüre(n)  –  Die Apostelgeschichte des Lukas*

von  Michael P. Schmude,  Boppard  

aus: Pegasus VIII/1 (2008), S. 30-41

 

A. Die Frage stellt sich stets aufs Neue, welche Textsorten geeignete Übergangslektüre(n) im Anschluss an den griechischen Sprachlehrgang und vor Beginn der eigentlichen Lektürephase zu bieten vermögen, und die Kolleginnen und Kollegen wissen um das allgemein bekannte Problem beim Übergang von Lehrbuch zu Lektüre, um den sog. ‚Lektüreschock‘: die Schülerinnen und Schüler haben durchweg brav und tapfer die Grammatikpensen ihres Lehrbuchs durchgearbeitet, müssten eigentlich über die sprachlichen Gesetzmäßigkeiten verfügen. Es kommt der erste (geschlossene) literarische Originaltext – und bleibt für (zu) viele Schüler ein Buch mit (zu) vielen Siegeln …

Man hat dem zu begegnen versucht durch den möglichst frühen Einsatz von möglichst eng am Original anliegenden Lehrbuchtexten, was aber wiederum für die Spracherlernung Schwierigkeiten aufgeworfen hat: kein originaler Text ist von seinem Autor zu Lehrbuchzwecken verfasst worden, also auch nicht zu einer möglichst aus dem (begrenzten) Text(abschnitt) heraus ableitbaren Einführung bestimmter grammatischer Erscheinungen wie Satzkonstruktionen, Modusgebrauch oder Deklinationsformen. Und so finden sich für das neu einzuführende sprachliche Phänomen im Lektionstext meist zu wenige aussagekräftige Beispiele, und man ist doch wieder entweder auf künstliche Übungen oder gleich auf entsprechend ausgerichtete und zugeschnittene Gebrauchstexte verwiesen.

Welche literarischen Gattungen sind nun geeignet, einen ‚weicheren‘ Übergang von notwendigen Kunsttexten in der Spracherlernungsphase und darauf folgend angestrebter Originallektüre zu ermöglichen ? Geeignet ggfs. auch schon als Interims-Lektüre an bestimmten Stellen der Lehrbuchphase und darum sinnvollerweise einem Lehrgang wie beispielsweise dem KANTHAROS bereits als Anhang beigegeben – zumal ein Lesebuch wie im Fach Latein der materialreiche PEGASUS von Friedrich Maier im Griechischen noch aussteht ?

 

B. Lektürebeispiele und –reihe: denkbar wäre eine Auswahl aus

1.) Anekdoten, kleinen, für sich eingrenzbaren Geschichten, wie etwa Kleobis und Biton (Herodot, Historien 1, 31, 2-5); Solons Gesetzgebung (Aristoteles, Staat der Athener 5, 1-2; 6, 1; 7, 1; 11, 1) oder die Fahrt zum Mond (Lukian, Verae historiae 1, 9–12); die 1. Lysias-Rede; Episoden aus der Bibliothek Apollodors um Herakles, Theseus u.a. oder auch Partien aus Longos’ Daphnis und Chloe.

2.) Fabeln: „Schlau wie ein Esel oder dumm wie ein Fuchs ? Wie bitte ? Nein, Fuchs und Esel dürfen niemals ihre Rollen tauschen: Die tierischen „Helden“ der antiken Fabel bleiben sich immer gleich und scheinen unverwüstlich. In der späteren Literatur, bis in die Gegenwart hinein, wurden sie immer wieder gerne aufgegriffen: Die einfachen Charaktere, die formale Schlichtheit und die klaren moralischen Lehren der Fabel reizen zur Nachahmung, zum Widerspruch, zur Travestie – und sie machen die Fabel zur idealen Anfangslektüre in der Schule“ (aus den RAAbits II/C1, Autoren 2). Daneben ist reizvoll auch einmal eine ganz untypische Fabel, in welcher die Tiere eben nicht Träger feststehender Eigenschaften sind, sondern ihr Handeln sich aus unterschiedlichen Lebensräumen ergibt: Aesops Adler und Fuchs, die Auftaktfabel der Hausrathschen Sammlung; eine Auswahl weiterer aesopischer Fabeln (33 III; 49; 60 II; 71; 177 Hausrath; 177; 179 Halm) im Textanhang des Kantharos S. 159.

3.) ‚Kleinere‘, einführende philosophische Themen: Solon und Kroisos zum ‚glücklichsten‘ Menschen (Herodot, Historien 1, 29-33); Sokrates über sein Nichtwissen und seinen Dienst an der Stadt (Chairephon und das Orakel von Delphi)1.

Nun sind Fabel und Anekdote als ‚kleine Gattungen’ schon im Lateinischen für eine Interims- und/oder Übergangslektüre unstrittig. Neben weiteren von den Kolleginnen und Kollegen eingesetzten oder denkbaren Partien sind im Besonderen auch sinnvolle und mögliche Zeitansätze zu diskutieren, denn es  liegt auf der Hand, dass das Interesse der Schülerinnen und Schüler hieran nach einer Weile dann auch seine Grenzen erreicht. Und so bietet dieser (keineswegs einheitliche) Punkt der Lektüre Anlass und Gelegenheit, zu einem ersten geschlossen fortschreitenden Textcorpus hinzuführen, der

4.) Apostelgeschichte des Lukas: diese berührt mit ihrem Inhalt, ihren zumindest in Umrissen bekannten Gestalten und Geschichten die eigene Lebenswelt der Schüler durchaus und nicht zuletzt auch im Kontrast mit heute fremdartigen Gepflogenheiten und Lebensverhältnissen2 und kommt ihnen zugleich durch ihre sprachlich eher schlichte (dabei nahe am Attischen und alle Phänomene bietende) Gestalt der Koiné noch ein Stück weit entgegen.

 

C. Zur Einführung: Die Apostelgeschichte wird von Lukas selbst (Apg 1, 1) als zweites Buch seines Geschichtswerks bezeichnet. Das Evangelium schließt mit der Himmelfahrt Jesu in Bethanien; die Apostelgeschichte beginnt mit dem gleichen Ereignis – freilich auf dem Ölberg (Apg 1, 12) in der Nähe von Jerusalem. Sie dürfte um 90 n. Chr., etwa zehn Jahre nach dem Evangelium, abgefasst sein; der Entstehungsort lässt sich für beide Schriften nicht bestimmen.

1.) Der (uns ansonsten gleichfalls unbekannte) Heidenchrist Lukas3 adressiert das zusammenhängende Gesamtwerk an einen nicht genauer fassbaren Theophilus, eine zu ihrer Zeit möglicherweise hochgestellte Persönlichkeit, welchem der Autor die neue Lehre nahe bringen und über dessen Einfluss ihre Verbreitung weiter befördern möchte. Er schreibt ein quellenkritisch recherchiertes und geordnetes, (ursprünglich) selbständige Einzeltraditionen und –nachrichten in einen Zusammenhang stellendes und ausrichtendes, damit nahe an seine und seines Lesers Theophilus erlebte Gegenwart heranreichendes, literarisch abgeschlossenes Werk aus theologischer Lehrabsicht für außenstehende, aber nicht ohne Kenntnis interessierte Nichtchristen. Dieses gibt sich als geschichtliche Darstellung – man hat sogar an eine Verteidigungsschrift des (Juristen) Lukas für Paulus’ Prozess in Rom gedacht; es ist mit seinen Formelementen hellenistischer Geschichtsschreibung literarisch am ehesten der antiken historischen Monographie zu vergleichen, trägt aber erkennbare Züge der Heldenlegende im Stile etwa des Alexanderromans4. Das Geschichtsbild des Lukas folgt dabei einem dreiteiligen Heilsplan Gottes:

  • die Zeit Israels und seiner Propheten (→ AT) endet als Zeit der Erwartung mit Johannes dem Täufer (Lk 3)
  • die Zeit Jesu (← Lukas-Evangelium) als „Mitte der Zeit“ (Conzelmann; Löwith) ist angekündigt und vorbereitet im AT und bildet idealtypisch die zukünftige Gotteswelt vorweg ab, indem der Satan hier keine Macht über Menschen hat (vgl. Lk 4, 1-12)
  • die Zeit der Kirche beginnt mit dem Pfingstereignis (Apg 2) und endet mit der (verzögerten) Parusie.

In dieser ‚Choreographie’ des Heiligen Geistes behandelt das Lukas-Evangelium Wirken und Schicksal (Leiden5, Auferstehung und Himmelfahrt) Jesu sowie die Apostelgeschichte deren Bezeugung durch die Jünger. Johannes der Täufer verheißt Rettung Israels durch Sündenvergebung, Jesus ruft im Evangelium (insbes.) die Sünder, die Apostel alle Völker zur Umkehr und verkünden den Glaubenden die Generalamnestie ihrer Sünden: die Wiedererrichtung der „Hütte Davids“ wird somit Grundlage der Heidenmission (Apg 15, 16 f.). Der Grobaufriss unterteilt die Apostelgeschichte in die Zeit der Urgemeinde und Mission Antiochias (c. 1-14) sowie das Wirken des freien (c. 15-21) und des gefangenen (c. 21-28) Paulus; eine Gliederung der Apostelgeschichte gibt indes Jesus bereits 1, 8 mit dem Auftrag an die Apostel, Zeugen zu sein a) in Jerusalem (Apg 1-5 Gemeindebildung), b) in ganz Judäa und Samaria (Apg 6-12 Mission ebda.) und c) bis zum Ende der Erde (Apg 13-28)6. Das Buch endet mit dem ‚Triumph’ des Paulus (Apg 28, 30 f.) in Rom – sein Martyrium war bereits Apg 20, 22-25 angekündigt worden: die Apostelgeschichte findet ihr Ziel mit dem ungehinderten Wirken des gefangenen Paulus in der Welthauptstadt7, das Programm (Apg 1, 8) richtet das Geschehen „bis ans Ende der Erde“.

 2.) Aufriß:

c. 1 – 12   Die Zeit der Urkirche (Zentrum: Petrus und Jerusalem)

1 – 2   Himmelfahrt; Pfingstereignis (2, 14-36: Predigt des Petrus); Anfänge der Urgemeinde

3 – 5   Worte und Taten der Apostel in Jerusalem

6 – 7   Predigt und Martyrium (Steinigung) des Stephanus; Verfolgung der Gemeinde (Saulus)

8 – 12   Beginn der Heidenmission als Folge der Christenverfolgung in Jerusalem: Samaria und Antiochien ( Philippus 8, 4 ff.; Damaskus-Erlebnis des Saulus 9, 3 ff.; Petrus und Cornelius 10; Gründung der Gemeinde in Antiochien durch versprengte Jerusalemer Christen und Barnabas 11, 19-26)

c. 13 – 28   Die Weltmission des Paulus (13, 9: Saulus → Paulus) (Zentrum: Paulus, die Völkerwelt und Rom)

13 – 14   Erste Missionsreise (Antiochien und Kleinasien; Steinigung des Paulus in Lystra 14, 19)

15   Apostelkonzil: Anerkennung gesetzesfreier Heidenmission (Zerwürfnis mit Barnabas 15, 39; ← Silas)

16 – 18   Zweite Missionsreise (Kleinasien, Griechenland = Übergang 16, 11 nach Europa. 16, 19 ff.: Verhaftung in Philippi; 17, 22-31: Areopagrede des Paulus)

19 – 21   Dritte Missionsreise (Kleinasien, Griechenland; 19, 23 ff.: Aufruhr der Silberschmiede in Ephesus)

21 – 28   Über Jerusalem und Caesarea nach Rom; Gefangenschaft ( 21, 27 ff.: Festnahme in Jerusalem; 22, 1-21: Begründung seines Auftrags vor den Juden; 23, 11: Auftrag zum Martyrium in Rom [27, 24]; 24: Prozess in Jerusalem vor Hananias und dem römischen Statthalter Felix; 25, 10-12: in Caesarea bei Festus Antrag auf Appellation vor dem Kaiser in Rom; 27 – 28, 15 Seereise).

 3.) Literarische Eigenart(en): Lukas arbeitet mit modellhaft gestalteten und wiederkehrenden Szenen: a) Apg 2 Pfingsten: Wunder – erklärende Missionsrede – Reaktion der Adressaten; b) Apg 10 Bekehrung eines Nicht-Juden, hier: des römischen Hauptmanns Cornelius – durch Petrus !8; c) Missionsreisen (Apg 13 f.): in der fremden Stadt besucht Paulus zuerst die Synagoge und verkündet den Juden aus dem Alten Testament Jesus als den Christus – dagegen erfolgt nach einer gewissen Zeit Widerspruch der Juden, zugleich Zustrom heidnischer Hörer – Paulus wendet sich von den Juden ab und den Heiden zu; d) Apg 4, 1-23 hat eine mirakulösere ‚Parallelfassung’ in Apg 5, 17-42 (Rezension B, s.u.). Die Damaskusgeschichte Apg 9, 3-19 wird noch zweimal (Apg 22, 5-16; 26, 12-19) wiederholt – mit Variationen entsprechend der beabsichtigten (apologetischen) Botschaft9.

In der Quellenfrage10 bieten historisch wohl zuverlässige Berichte eine jerusalemisch-cäsareensische Quelle für Apg 3, 1 – 5, 16; 8, 5-40; 9, 31 – 11, 18; 12, 1-23 (der Evangelist Philippus ?) sowie eine antiochenisch-jerusalemische Quelle für Apg 6, 1 – 8, 4; 11, 19-30; 12, 25 – 15, 35 (Silas ?), die sogen. „Rezension A“ (Harnack). Im ersten Teil seines „Geschichtswerks“ (Apg 1-12) verwendet Lukas etwa ein Dutzend selbständiger Geschichten (aus Antiochia ?), die er aber nicht einfach sozusagen parataktisch miteinander verknüpft, sondern durch umfassende ‚Summarien’ (s.u.) ins Grundsätzliche erhebt. Die Partie Apg 16-28 enthält zwar die „Wir-Berichte“, welche Augenzeugenschaft vermitteln wollen, den ‚roten Faden’ insbes. für Apg 13-21 dürften Aufzeichnungen eines oder mehrerer Begleiter des Paulus, möglicherweise zusammengefasst zu einem ‚Itinerar’, vorgegeben haben11, Quellencharakter besitzen die Reiserouten gleichwohl nicht.

Kompositorische Verknüpfungen, z.B. die Einfügung weniger Bemerkungen über Saulus in das Stephanus-Martyrium (Apg 8, 1.3) zur Vorbereitung der Damaskus-Episode (Apg 9, 1-30) – darin spannungserzeugende (9, 9) wie retardierende (9, 13 f.) Momente –  sollen ebenfalls einen ‚historischen Zusammenhang’ stiften, mit dem Apostelkonzil des c. 15 als Dreh- und Angelpunkt zweier Perioden: derjenigen der Urgemeinde des Petrus und Jakobus (historisch einmalig und damit abgeschlossen in Himmelfahrt Christi, Apostelkreis, Mosegesetz und Gütergemeinschaft), welche diejenige der Heidenmission des Paulus (weltoffen und gesetzesfrei) vorbereitet und hier legitimiert, beide in der Kontinuität der Herrschaft des Heiligen Geistes und des Wirkens des Paulus. Neben dem Apostelkonzil leisten Verzahnungen auch die eigentliche Begründung der Heidenmission durch die Hellenistenführer Stephanus (Apg 6, 5.8 in Jerusalem) und Philippus (Apg 8, 5 f./40 in Samaria), ihre erste Übernahme durch Petrus (Apg 10, 34 f.) sowie die Gemeinde in Antiochia als Ausgangspunkt für Paulus12.

Die Einlage von Reden an Stellen ohne unmittelbaren situativen Bezug oder Notwendigkeit, aber zur Deutung des Geschehens im Ganzen wie die Areopagrede, Stephanus (Apg 7, 2-53) oder Paulus in Milet (s.u. ,Testament’) entspricht bester historiographischer Tradition (← Thukydides). Sie stammen also vom Autor selbst und folgen festen Typen:

  1. Missionsansprachen des Petrus an Juden: Anknüpfung an das AT, christologisches Kerygma, Schriftbeweis und Heilszuspruch mit Bußruf (vgl. Paulus in Apg 13).
  2. Stephanusrede Apg 7 (Synagogenpredigt) – ein kritischer Überblick über die Geschichte Israels zur Begründung der Heidenmission.
  3. Areopagrede (Apg 17, 22-34): eine paulinische Missionsansprache vor Heiden.
  4. Eine typische Abschiedsrede des Paulus (Apg 20, 17-38) vor den ephesinischen Gemeindeältesten in Milet als Abschluss seiner Mission („der ideale Gemeindeleiter“).
  5. Verteidigungsreden des gefangenen Paulus: Christentum und römischer Staat stehen in keinem Widerspruch.

Das missionarische Anliegen der dem Petrus (Apg 2. 3. 5. 10) oder Paulus (Apg 13) in den Mund gelegten Predigten indes ist bei antiken Historikern nicht zu finden; es entspricht der Absicht ihres Verfassers, literarisch für den neuen Glauben zu werben. So wird in der Areopagrede durch absichtsvolle Parallelen das Mittel der ‚indirekten Aussage’ angewandt, um den Werdegang des Paulus in eine Linie mit dem Schicksal des Sokrates zu setzen; Paulus wie sein ‚Vorgesetzter’ Petrus sind keine individuellen Figuren, sondern entsprechen dem Idealbild des theíos anēr13. Die Gefangenschaft des Paulus in Jerusalem und Caesarea gibt Gelegenheit zu drei Apologien des Christentums: vor der Volksmenge in Jerusalem (Apg 22, 1-21), vor dem Hohepriester Hananias und dem römischen Statthalter Felix (Apg 24, 10-21) sowie vor dessen Nachfolger Festus und König Agrippa (Apg 26, 1-23). Die Verstocktheit14 des Volkes Israel gegenüber Moses und den Propheten (← Stephanus) wiederholt sich gegenüber dem Messias Jesus und seinen Aposteln15, wenngleich man sich mit der strengstgläubigen jüdischen Richtung der Pharisäer in der Auferstehungshoffnung trifft16. Zwischen den örtlichen römischen Behörden und der christlichen Gemeinde wiederum besteht Einvernehmen – römische Beamte werden als korrekt handelnde gezeigt17, sprechen Paulus und damit auch die Christen von den Vorwürfen der jüdischen Priester und Ältesten frei18; die Einheit unter dem Imperium Romanum dient der weltweiten Verbreitung der Heilsbotschaft, und bis zur Parusie (Apg 1, 11; 3, 20 f.) muss mit diesem ein Auskommen gefunden werden (Apg 28, 31)19. Auch heidnische Kultur, insbes. griechische Philosophie20 und Dichtung21 finden durchaus Aufnahme. Buße und Bekehrung (Apg 3, 19) sowie Vertrauen auf den Herrn22 sind Voraussetzung für Taufe und Sündenvergebung (Apg 2, 38), um von Christus, welcher den Heiligen Geist ausgießt (Apg 2, 33)23 und Herr über das Leben ist (Apg 3, 15; 5, 31), im Jüngsten Gericht (Apg 10, 42; 17, 31) als Glaubender (Apg 15, 11) dessen im AT angekündigte24 Auferstehung zu erlangen.

Die heilsgeschichtlichen Zusammenfassungen, verallgemeinernde Sammelberichte zu paradigmatischen Einzelereignissen, „Summarien“25 zeichnen ein idealisiertes Bild der frühen Urgemeinde (‚Goldenes Zeitalter – Motiv’), so etwa der Eigentumsverzicht des Barnabas (Apg 4, 36 f.) zugunsten der „Schar der Glaubenden“ als Ausdruck des Jerusalemer ‚Liebeskommunismus’ (Apg 4, 32-35). Volksversammlungen, Gerichtsszenen, Wirtschaftskämpfe und Handwerk, Tempeldienst und Philosophenschule, aber auch Vertreter aller sozialer Schichten sollen der Darstellung realistische, lebensnahe Züge verleihen: im Ganzen vermittelt die Apostelgeschichte das Bild, welches man sich am Ende des 1. Jh. von der Zeit der Apostel machte26.

Eine verlässliche Historie des Urchristentums, offenbar kein Bedürfnis der jungen Gemeinde, ist mithin aus der Apostelgeschichte nicht zu gewinnen, sie bleibt in ihrer literarischen Eigenart wie in ihrer Geschichtsversion ohne Nachahmung. Der Darstellung der paulinischen Mission in drei Missionsreisen – einzig Apg 27/28 schildern eine tatsächliche27 Seereise (mit Schiffbruch bei Malta28 Apg 27, 41 – 28, 2) – widersprechen die Paulus-Briefe, welche der Verfasser der Apostelgeschichte auch sonst nicht benutzt: der Theologe Paulus aus den Briefen (Gesetzeslehre) und der Missionar der Apostelgeschichte erweisen sich als zwei Personen29. Andererseits erhält die Apostelgeschichte im Verlauf der Kanonbildung des NT den Charakter einer (späteren) Klammer zwischen Evangelien und Briefen30.

Zusammen mit dem Lukas-Evangelium legitimiert die Apostelgeschichte die junge Gemeinde mittels ihrer apostolischen Tradition und Sukzession als Vertreterin Gottes auf Erden; das lukanische Doppelwerk gibt so „der Kirche in Form einer Historie ihrer Vergangenheit den Mythos ihrer Autorität“31.

 

*Arbeitskreis „Griechische Übergangslektüre(n)“ des DAV-Bundeskongresses vom 25.-29. März 2008 in Göttingen (dazu auch im Kongressbegleitheft S. 81). Der Einführungstext C. ist um einige Binnenpartien sowie den wissenschaftlichen Apparat (Belegstellen, Anmerkungen, Literatur) erweitert; die Ergebnisse von Diskussion und Gruppenarbeit sind aufgenommen.

 

Anmerkungen:   1Platon, Apologie 20e 6 – 23c 1; je nach ‚Kurslage‘ kann die Partie 21e 3 – 22e 5 auch von Schülerseite aus einer Übersetzung oder als kurze Inhaltsparaphrase gegeben werden. – 2Gesellschaftsaufbau, Gedankenfreiheit, Einstehen für die eigenen Erkenntnisse und Überzeugungen, um nur wenige zu nennen. Die Behandlung der Apostelgeschichte mit den Schülerinnen und Schülern steht unter historischen und literarischen Gesichtspunkten; theologische Gedankengänge der folgenden Einführung C. richten sich allein an die Lehrperson. – 3Diskussion bei O. Stählin 1180-83. Er spricht etwa in Apg 16, 9 f./16; 20, 13-15; 21, 1-18; 27 f. als zeitweiliger Begleiter des Paulus in der ersten Person (Norden 483), kaum quellentauglich; der in Phlm 24 erwähnte Lukas kommt als Verfasser ebenso wenig in Frage wie der „Arzt Lukas“ (noch bei Norden 482) aus Kol. 4, 14 und 2 Tim 4, 11, mit welchem der Lyoner Bischof Irenäus Ende des 2. Jh. die kirchliche Tradition begründet hatte (Haenchen 504). – 4Res gestae …; der seit dem Ende des 2. Jh. bezeugte Titel práxeis apostólōn (Norden 481) stammt nicht vom Verfasser. – 5Gottgewollt (← AT) Apg 4,28; 13, 27; 17, 3; 26, 22 f. – 6Weltmission des Paulus: Apg 13 f. „Vorspiel“ – Paulus und Barnabas, Apg 15 theologische und „kirchenrechtliche“ Basis für die Heidenmission, Apg 16-28 Paulusreisen. – 7Haenchen 502. – 8Auf dem Apostelkonzil erklärt sich Petrus selbst zum ersten Heidenmissionar (Apg 15, 7-11), die Befreiung der Nichtjuden vom Mosegesetz wird von Jakobus unter Auflagen (Apg 15, 20/29; 21, 25) bestätigt, das junge Christentum emanzipiert sich erstmals als eigene Religion neben dem Judentum (Wilckens 447). – 9Haenchen 502; Ereignisse des c. 10 werden in c. 11, 1-17 berichtet, teils wörtlich wieder aufgenommen (Apg 10, 9-16 = 11, 5-10). – 10Norden 482-85; O. Stählin 1179-83; Wilckens 391; Vielhauer 385-93; Conzelmann/Lindemann 271-73; Rengstorf/Stählin 265 f.; Dihle 224; zur Textüberlieferung Haenchen 501, Vielhauer 381 f. – 11Dibelius 64; Haenchen 504; Vielhauer 71, 388. – 12Wilckens 392. – 13Haenchen 503; Wilckens 456 f.; Scholl 101; „auch wir sind Menschen“ Apg 10, 26 (Petrus); Apg 14, 15 (Paulus u. Barnabas). – 14Gottgewollt Apg 28, 26-28. – 15Sie führt in der Folge zur Hinwendung zu den Heiden (Apg 13, 46; 18, 6; 19, 9; 28, 25-28). – 16Apg 23, 6-9; 24, 15; 26, 5-8. – 17Apg 16, 37-39; 18, 14-16; 22, 25-29; 23, 23-30; 24, 22 f.; 25, 4 f./18-21. – 18Apg 24, 24-26; 25, 25; 26, 30-32; 28, 18. – 19Dihle 223; auch die Katastrophe des J. 70, die Zerstörung des Tempels durch die Römer unter Titus, ist selbstverschuldete Folge der Unfähigkeit des Volkes Israel, die mit Jesus einsetzende Friedenszeit zu erkennen (Lk 19, 41-44). – 20Etwa Apg 7, 48-50; 17, 25 das stoische Ideal in der Bedürfnislosigkeit Gottes. – 21Apg 26, 14 = Eur. Bacch. 795; Apg. 17, 28 = Arat Phain. 5. – 22Apg 10, 43; 11, 17; 16, 31; 20, 21; 26, 18. – 23Vom Heiligen Geist erfüllt Apg 2, 2-4; 4, 31; 10, 10-16/44-46; 11, 5; 13, 9; 19, 6 – oder noch nicht Apg 8, 16. – 24Apg 1, 3; 2, 31; 13, 35. – 25Apg 2, 42-47; 4, 32-35; 5, 12-16. – 26Haenchen 505. – 27Möglicherweise aber doch auch nach einer außerchristlichen literarischen Vorlage: Norden 483; Dibelius 64; Vielhauer 392; Conzelmann/Lindemann 273. – 28Hierzu H.C.R. Vella: Quintinus (1536) and St. Paul’s shipwreck in Malta, in: Melita historica 8 (1980) 61-64. – 29O. Stählin 1181; Vielhauer 391 f.; Conzelmann/Lindemann 275 f. – 30Wilckens 391, anders Vielhauer. – 31Wilckens 392 f.; Vielhauer 406.

 

Literatur: KANTHAROS: Griechisches Unterrichtswerk, von W. Elliger, G. Fink, G. Heil, Th. Meyer (Stuttgart/Klett 1982 [ND]); PEGASUS: Das lateinische Lesebuch der Mittelstufe, bearb. von F. Maier (Bamberg/Buchners 2002 [Antike u. Gegenwart]); RAAbits – Impulse u. Materialien Latein, II: Übergangsphase/C: Lektüren 1 – Autoren 2: Phaedrus, Fabeln von S. Duscha (Stuttgart/Raabe 2007).

Novum Testamentum Graece, edd. E. Nestle et K. Aland (Stuttgart 251975); Lukas: Evangelium u. Apostelgeschichte, griechischer Text (Aland) mit Übersetzung [Lk: H. Rengstorf, Apg: G. Stählin] (München 1977); Das NT übers. u. komm. von U. Wilckens (Hamburg 1970); A. Harnack: Die Apostelgeschichte, in: Beiträge zur Einleitung in das NT III (1908); Ed. Norden: Die antike Kunstprosa vom 6. Jh. v. Chr. bis in die Zeit der Renaissance, Bd 2 (Leipzig/Berlin 21918 [ND]); GGrLit, bearb. von W. Schmid u. O. Stählin, Teil 2: Bd 2 (München 61924 [ND; HdA VII 2, 2]); M. Dibelius: Aufsätze zur Apg, in: Forschungen zur Religion u. Literatur des AT und NT 60 (1951); H. Conzelmann: Die Mitte der Zeit. Studien zur Theologie des Lukas, in: Beiträge zur historischen Theologie 17 (1954); E. Haenchen s.v. <Apostelgeschichte>, in: Die Religion in Geschichte u. Gegenwart, Bd 1 (Tübingen 31957); K. Löwith: Weltgeschichte u. Heilsgeschehen – die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie (Stuttgart 41961 [ND 2004]), 168-174; Ph. Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur (Berlin/New York 1975 [ND 1981]); H. Conzelmann, A. Lindemann: Arbeitsbuch zum NT (Tübingen 21976); A. Dihle: Die griechische u. lateinische Literatur der Kaiserzeit – von Augustus bis Iustinian (München 1989); N. Scholl: Lukas u. seine Apg – die Verbreitung des Glaubens (Darmstadt 2007).

 

Glossar:

Damaskuserlebnis: dem Saulus, welcher im Zuge der ersten systematischen Christenverfolgung diese über Jerusalem hinaus bis nach Syrien verfolgt, erscheint Christus, wirft ihn nieder und blendet ihn. Saulus erkennt seinen Herrn und erhält Anweisungen zur Taufe in Damaskus als künftiger Herold Jesu (Apg 9, 3 ff.).

Gesetz: Bezeichnung für die im Pentateuch, den 5 Büchern Mose, gesammelten, auf die Gottesoffenbarung am Sinai begründeten Weisungen, allgemeiner auch für die Mosebücher als Ganzes.

Hebräer: ursprgl. die Vorfahren Israels in Ägypten bis zum Auszug (Exod 5, 3), aber auch die Völkerschaften, die sich unter Saul gegen die Philister stellen (1 Sam 14, 21), später archaisierender Ehrenname für die Israeliten, welche die väterliche Lebensweise gegenüber dem Hellenismus bewahren; in Apg 6, 1 die in Palästina geborenen und ansässigen, aramäisch sprechenden Juden, im Unterschied zu den

Hellenisten: aus der Diaspora nach Jerusalem zurückgekehrten, griechisch sprechenden Juden mit eigener Synagoge (Apg 9, 29), die auch innerhalb der christlichen Urgemeinde eine Gruppe bilden (ihre Führer sind Stephanus und Philippus, Apg 6, 5).

Heidenchristen: im Unterschied zu den Judenchristen, welche sich den Weisungen des (Mose-)Gesetzes weiterhin verpflichtet sehen, stellen sich die Heidenchristen in die Linie der Gesetzeskritik Jesu und sehen das Gesetz für neu bekehrte Heiden nicht als verbindlich an. Nach Paulus (Röm 10, 4) ist Christus das Ende des Gesetzes als Heilsweg, an dessen Stelle Glaube und Freiheit treten (Gal 5, 1).

Heilsgeschichte: Heilshandeln Gottes an seinem Volk innerhalb der Weltgeschichte, im Judentum der Bund Jahwes bis zur Landnahme der Väter und Kultstiftung (um 1200 v. Chr.), im NT das Christusgeschehen bis zum Kommen des Menschensohns (Löwith).

‚Hütte Davids’: gemeint ist der jüdische Tempel in Jerusalem.

Itinerar: Aufzeichnungen der Paulusreisen mit Notizen über Reisestationen (Landschaften, Städte), Gastfreunde, Dauer oder Erfolge der Mission.

Jerusalemer ‚Liebeskommunismus’: nicht ganz unumstrittene (Haenchen 505) Charakterisierung des Zusammenlebens der frühen Urgemeinde mit Verzicht auf Eigentum, Gütergemeinschaft und  Verpflichtung zu wechselseitiger Fürsorge.

Kerygma: Predigt / Verkündigung der heilsschaffenden Botschaft von Jesus Christus.

Parusie: Wiederkunft Christi als Richter am Ende der Weltzeit (Mt 24; Lk 12, 35-48).

Pharisäer: jüdische Religionspartei seit dem 2. Jh. v. Chr., welche die strengen Reinheitsgesetze des AT auch im Alltag praktizierte, geführt von der Gruppe der Schriftgelehrten (‚mündliche Tora’ als Auslegung des Gesetzes für die Gegenwart mit Berufung auf Mose); auch in der Urgemeinde vertreten (Apg 15, 5), mit Messiaserwartung, Hoffnung auf Auferstehung der Toten (Apg 23, 6-9; 24, 14 f.) und auf Bestehen im Jüngsten Gericht durch Gesetzestreue und gute Werke.

Rezension: in der Textkritik das Bemühen, durch Abgleich unterschiedlicher überlieferter Lesarten wieder eine möglichst nahe an die Originalversion heranreichende Fassung eines antiken Textes zu erstellen.

Schriftbeweis: Erklärung von Gegenwärtigem aus seiner Ankündigung im AT.

Urchristentum: die neue Bewegung in ihren ersten beiden Generationen zwischen 30 und 100, noch unter dem zumindest indirekten Einfluss der Gründerfiguren und im Entstehungszeitraum der wichtigsten Schriften des NT. Der noch ganz im jüdischen Kult verankerten Urgemeinde unter der Leitung des Petrus und der Zwölf in Jerusalem (Apg 2-6) steht bald eine Gruppe von Griechisch sprechenden, gesetzeskritischen Diasporajuden gegenüber. Angehörige dieser ‚Hellenisten’ (Apg 6, 1, s.o.), Opfer der ersten Christenverfolgung unter Saulus nach dem Stephanus-Martyrium (Apg 8, 1 ff.), missionieren sodann in Judäa und Samaria (Philippus) und bis nach Antiochia in Syrien (Apg 11, 19 ff.), wo es zu einer gemischt juden- und heidenchristlichen Gemeinde und damit einem zweiten, hellenistischen Zentrum kommt. Dieses wird, endgültig abgesegnet im Jerusalemer Apostelkonzil d. J. 48, zum Ausgangspunkt der Heidenmission des Paulus und Barnabas.

 

D. Leitfragen – Leitaspekte einer Lektüre der Apostelgeschichte, mit Vorschlägen aus der arbeitsteiligen Sichtung und gemeinsamen Diskussion im Arbeitskreis; diese können den Bedürfnissen der Lerngruppe und den zeitlichen Vorgaben entsprechend zu einer je ‚individuell’ strukturierten Lektüresequenz ausgewählt und kombiniert werden:

  • Judenchristen – Heidenchristen – Hellenisten

Apg   6 : Trennung Hebräer – Hellenisten.

Apg  10, 34 ff.: Petrus zu den Heidenchristen (s.u.).

Apg  15 : Apostelkonzil – ta éthnē (12) – Beschluss mit Brief und Minimalforderung als Kompromiss (23-29).

Was interessiert (möglicherweise) die Schülerinnen und Schüler ?

Integration von ‚Fremden’ – Wie wichtig sind uns unsere eigenen Traditionen ? Wie gehen wir damit um, wenn Andere etwas für „unverzichtbar“ halten (z.B. Kopftuch) ? – Wie hältst Du es mit der Religion ?

  • Gemeindestrukturen – Gemeindeverfassung  

Apg 2, 44-47 Eigentumsverzicht; Apg 6, 1-6 Fürsorgepflicht; Apg 15, 6-22 Konzil.

  • Reden: a) Einbettung und Funktion für den Kontext – b) verschiedene Typen – [optional] c) ihre Theologie.

Pfingstpredigt des Petrus – Areopagrede (Missionspredigt) des Paulus – Paulus vor den Juden in Jerusalem (Apg 22, 1-21, Apologie).

  • Persönlichkeitszeichnung und –entwicklung(en)

Damaskuserlebnis Apg 9, 1-9: vom Saulus zum Paulus;

Apg 10, 34-48: Petrus’ Annahme (auch) der Heidenmission.

  • Neben-‚Helden’ der Apostelgeschichte. Frauen und ihre Rolle  

Philippus – Barnabas – Silas. Lydia (Apg 16, 13 ff.); hochgestellte Frauen unter der Zuhörerschaft des Paulus (Apg 17, 4. 12): Drusilla – Frau des römischen Statthalters Felix (Apg 24, 24), Berenike – Schwester des Königs Herodes Agrippa II. (Apg 25, 23 / 26, 30); Prophetinnen – Töchter des Hellenisten Philippus (Apg 21, 9).

  • Welche Wege nimmt die Mission (‚Schaltstellen’)  

Übergang nach Europa (Apg 16, 11 f.) → Griechenland, Malta → Rom (Apg 28).

  • Vertreter Roms und die neue Gemeinde  

Apg 10 Bekehrung des Centurio Cornelius; Apg 18, 1-17 in Korinth hält sich der Statthalter Gallio aus den innerjüdischen Streitigkeiten heraus.

Apg 22, 25-30 Gefangennahme und Prozess des Paulus: Bürgerrechtsfrage; Apg 25, 11 f.: Appellation an den Kaiser → Überstellung nach Rom.

  • Neue Religion („Der neue Weg“) und Altes Testament → Reden.
  • Heilungswunder der Apostel und Wunderzeichen Gottes, Visionen 

Apg 3, 1-10: Petrus und der Gelähmte; Apg 9, 36 ff.: Auferweckung der Tabitha – relativ ausführlich narrativ und ‚spektakulär’, darum exemplarisch.

Apg 12, 6-10: Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis in Jerusalem durch den Engel des Herrn; Apg 16, 25 ff. des Paulus und Silas in Philippi durch ein Erdbeben.

Apg 9, 10-16 Vision des Hananias (zu Paulus); Apg 10, 9-16 des Petrus (zu Cornelius).

 

 E. Vorschläge für eine Lektüre-Reihe:

Apg. 1, 1-14:   Himmelfahrt Christi.

15-26:   Ansprache des Petrus an die Jünger (Tod  des Judas) und Erneuerung des Zwölferkreises durch Zuwahl des Matthias.

Apg. 2, 1-14:   Pfingstwunder.

14-36:   Pfingstpredigt des Petrus an die Juden von Jerusalem (Auferstehung und Erhöhung Jesu, Ausschüttung des Heiligen Geistes – als Erfüllung der at-lichen Joel- und David-Prophetie).

37-47:   Wirkung auf die Juden: erste christliche Gemeinde in Jerusalem.

Apg. 6, 8-15:   Auftreten und Wirken des Stephanus (7, 2-53 Predigt des Stephanus wider das Judentum zur Väter- und Prophetenzeit des AT – ohne Bezug zur aktuellen Situation, der Anklage vor dem Hohen Rat, dem Synhedrion).

7, 54-60:   Stephanus erster Märtyrer: Steinigung (mit Billigung des Saulus).

8, 1-3:    Erste Christenverfolgung durch Saulus in Jerusalem.

Apg. 9, 1-30:   Damaskuserlebnis: von Saulus zu Paulus; Beitritt zum   Apostelkreis.

Apg. 10, 34-47:   Bekehrung des ersten Heiden – des römischen Centurio (10, 1) Cornelius – durch Petrus: Erkenntnis der gottgewollten Heidenmision auch bei Petrus und gegenüber den anwesenden Judenchristen.

11, 1- 4a:   Verteidigung des Petrus vor den Judenchristen in Jerusalem und

11-18:   Bekenntnis zur Heidenmission.

Apg. 15, 6-33:   Apostelkonzil in Jerusalem: ‚Absegnung’ der gesetzesfreien Heidenmission.

Apg. 17, 22-31:   Areopagrede: christlicher Glaube und griechische Philosophie.

Apg. 22, 1-21:   Verteidigungsrede des Paulus vor den Juden in Jerusalem und Begründung seines Auftrages zur Heidenmission.

Apg. 25, 7-12:   Antrag des Paulus auf Appellation vor dem Kaiser in Rom.

Apg. 27, 39 – 28, 6:   Schiffbruch vor Malta, Rettung und ‚Schlangenwunder’ – Ankunft im Abendland.

 

Homerische-Motive-in-Vergils-Aeneis

Homerische-Motive-in-Vergils-Aeneis  [überarbeitete und fortlaufend ergänzte Fassung aus: Der Altsprachliche Unterricht 49, 2+3 (2006), 104-107; → auch Scrinium 55, 3 (2010), 23]

Homerische Motive und Entsprechungen in Vergils Aeneis

von   Michael P. Schmude,   Boppard

 [Die vollständige Fassung des hier nur angerissenen Artikels findet sich unter obenstehendem (grünen) Link → auf der ‚Innenseite‘ …]

Vergil sucht durchgängig in der Odyssee- wie Iliashälfte seiner <Aeneis> zugleich Berührung mit seinem Vorbild Homer wie Kontrast: Stationen der <Odyssee>, auch wo die eigene Route dies nicht unbedingt verlangt (Insel der Kyklopen), Bauteile der <Ilias>, auch welche die Handlungsführung der <Aeneis> nicht zwingend fordert (Nisus/Euryalus-Episode – Homers ‚Dolonie‘), Personen- und Handlungskonstellationen mit (mehr oder minder) unmittelbarem homerischen Hintergrund, um sie dann aber eben gerade anders als das offenkundige Vorbild, ganz auf seine eigene Weise zu gestalten.

Eine Sammlung solcher Textpassagen, in denen Vergil Homer bzw. den <Epischen Kyklos> zitiert und seinen Darstellungsabsichten verfügbar macht, möchte die folgende Übersicht bieten, als Grundlage und für eine mögliche Auswahl eines Lektüreganges unter dem Gesichtspunkt „Vergil und Homer – Vorbild und Neugestaltung“. Eine Unterrichtsreihe in diesem Sinne ist grundsätzlich in jedem altsprachlichen Oberstufenkurs denkbar, vor Allem aber wohl auf Leistungsniveau, und ideal, wenn dieser Latein-Leistungskurs mit möglichst vielen auch Griechisch-SchülerInnen besetzt ist. Der Überblick kann aber ebenso den KollegInnen einen bequemen Zugriff auf Einzelsequenzen an die Hand geben, um mittels der Lektüre ausgewählter, begrenzter Beispiele (ggfs. auch in Übersetzung) Vergils Vorgehensweise im Ganzen zu erarbeiten.

Von Eris zu Fama zu Gloria   [aus: Scrinium 55, 3 (2010), 23]

Die rastlos suchende Zwietracht, des männermordenden Ares leibliche Schwester und Gefährtin, die zuerst noch klein sich erhebt, darauf aber das Haupt an den Himmel drängt und auf der Erde wandelt – die warf ihnen auch jetzt den Streit ohne Unterschied mitten unter, das Schlachtgetümmel abschreitend, das Stöhnen der Männer nährend“ – so beschreibt Homer (Il. 4, 440-45) das Aufsteigen der Dämonin Eris aus kleinen Anfängen zum wahllos verderbenden Monstrum (die in den Kyprien mittelbar schon den Anlaß zum trojanischen Krieg liefert). Ebendieses homerische Motiv überträgt und wandelt Vergil in der für ihn ganz typischen Weise1 ab, um das schneeballmäßig-geschwinde Anschwellen der Gerüchteküche um Dido und den fremden Ankömmling und potentiellen Geliebten Aeneas im neuerstehenden Karthago (Aen. 4, 174-77) für seinen eigenen Zweck zu veranschaulichen: „Fama […] mobilitate viget virisque adquirit eundo; parva metu primo, mox sese attollit in auras ingrediturque solo et caput inter nubila condit“ – entsprechend die lithographische Darstellung der Gigantin „Das Gerücht“ von A. Paul Weber (1943/53)2, und auch in Ovids Metamorphosen wächst sie wie die Eris Homers aus kleinstem Beginn durch ihr Werk – eine Mélange von Lügen – an (9, 137-39; auch 12, 54 und Aen. 4, 190), „quae veris addere falsa gaudet et e minimo sua per mendacia crescit3.

Ihr zwiespältiges Wesen noch bei Isidor von Sevilla (Etym. 5, 27, 26 f.: fama felicitatismalarum famanomen certilocum non habet, adiciens multa vel demutans de veritate)4 ‚spezialisiert‘ sich in der Folgezeit gleichwohl in eine Allegorie des Ruhms und mündet insbes. im 18. Jh. synkretistisch in die Verwandtschaft einer Curiosità oder Gloria. Mit dem Aufkommen des Mediums Presse kehrt das sensationslüsterne Moment zurück, und der Bogen spannt sich im 19. und 20. Jh. wieder hin zur dämonischen Seite in der Sensationsnachricht von Zeitung und Internet – wie unlängst die Literaturwissenschaftlerin Uta Kornmeier in einem Vortrag im Berliner Museum für Kommunikation nachgezeichnet hat5.

 1Vgl. AU 49, 2+3 / 2006, S. 104-107.

2In der Aeneis-Ausgabe von E. Bury (Stuttgart/Klett 1987 ff. [Rote Reihe]), S. 45.

3Val. Flacc. Arg. 2, 116-20; Stat. Theb. 3, 426/30; Lucr. Rer. nat. 6, 341.

4Weiter Etym. 2, 30, 2; Diff. 1, 218 gloria … virtutum est, fama vitiorum.

5Vgl. FAZ vom 08.12.2010, S. N3.

 

 

Rhetorik-und-Komoedie

Rhetorik-in-der-Neuen-Komoedie  [aus: RhM N.F. 133 (1990), 298-310]

Rhetorik in der Neuen Komödie

von: Michael P. Schmude

[Die vollständige Fassung des hier nur angerissenen Artikels findet sich unter obenstehendem (grünen) Link → auf der ‚Innenseite‘ …]

 Die pädagogische Grundsatzrede, mit welcher Micio zu Beginn von Terenz‘ Adelphen die Bühne betritt, ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: inhaltlich bietet sie Überlegungen zu Fragen der Erziehung im Besonderen, der Lebensführung im Allgemeinen, die für die Geisteswelt der römischen Komödie unüblich sind; aber auch im Formalen stellt sie eine für diesen Dichter eher singuläre Erscheinung dar: denn wenn wir eine differenziertere Haltung zu Grundproblemen des Komödienlebens auch in den übrigen Stücken des Terenz allenthalben beobachten können, so entspricht der lange, geschlossene und – wie gezeigt werden soll – nach Regeln der téchnē rhētorikḗ gestaltete Auftrittsmonolog kaum der sonst zu beobachtenden Vorgehensweise des Autors.

Wohl ist Terenz die Bildung formal wie inhaltlich geschlossener Redeeinheiten durchaus nicht fremd, doch bezeugt Donat bereits für die Andria (zu v. 14), dass aus dem Eingangsmonolog der menandrischen Vorlage durch Hinzufügen einer weiteren Person ein Dialog wurde, und dem entspricht der Befund in den übrigen Stücken: die Handlungsgrundlagen werden jeweils in Form eines Zwiegesprächs gegeben, meist freilich mit deutlichem Übergewicht auf selten des Erzählers.

Anders in den Adelphoe: hier legt die Rede […] Unter rhetorischem Aspekt rückt die Tatsache, dass auch die Gegenseite zu Wort kommt (mit dem Publikum als ‚Richterkollegium‘), diese Passage dem genus iudiciale näher als dem genus demonstrativum oder (trotz starker adhortativer Elemente) dem genus deliberativum.