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Zu-J-Kepler-Vom-wahren-Geburtsjahr-Christi

Zu-J-Kepler-Vom-wahren-Geburtsjahr-Christi

Johannes Kepler: Vom wahren Geburtsjahr Christi – ins Deutsche übersetzt von Otto und Eva Schönberger, Rahden/Westfalen (Verlag Marie Leidorf) 2016 [Itinera Classica, hg. v. H.-J. Horn u. Chr. Reitz, Bd. 10]. 187 S., € 34,80 (ISBN 978-3-86757-106-7).

Johannes Kepler ist uns spezieller bekannt als Kalendar und Kosmograph der ausgehenden Renaissance bzw. frühen Neuzeit, allgemeiner aber als Begründer einer durchaus bahnbrechend neuen astronomischen Weltsicht. Einen gar nicht einmal so geringen Teil seines Oeuvres nehmen allerdings auch theologische Fragestellungen ein, mit denen er sich bereits an der Lateinschule in Leonberg sowie den Klosterschulen Adelsberg und Maulbronn zu befassen begonnen hatte und die auch seinem ursprünglichen Berufswunsch als lutherischer Pfarrer eher entsprachen. So weisen denn seine wissenschaftlichen Anfänge 1586 als Stipendiat des höheren (evangelischen) Seminars in Maulbronn und als Baccalaureus der Artes Liberales an der Universität Tübingen 1589 zunächst in die Theologie; doch führt das Studium bei dem dortigen Astronomen Michael Mästlin zu seiner persönlichen ‚kopernikanischen Wende‘ (die 1618-21 in der Epitome von dessen Lehre und Keplers eigener Weltharmonik von 1619 münden wird). 1594 empfiehlt die Fakultät den jungen Magister der Theologie als Mathematiklehrer an das evangelische Stiftsgymnasium nach Graz. Unter dem Druck der Gegenreformation kommt er 1600 nach Prag und wird dort Mitarbeiter und Nachfolger des Astronomen und kaiserlichen Mathematicus Tycho Brahe. Planetentafeln (Tabulae Rudolphinae) und die (heliozentrische) Astronomia Nova (1609) sind Früchte jener Zeit. Mit der zu besprechenden, von O. und E. Schönberger (Sch.) nach der Ausgabe J. K.: De vero anno quo aeternus Dei filius humanam naturam in utero benedictae virginis Mariae assumpsit (Frankfurt 1614), in: Gesammelte Werke. Band V – Chronologische Schriften, hg. v. F. Hammer (München 1953) sorgsam übersetzten ‚fächerübergreifenden‘ Schrift, die er ab 1613 inzwischen als Landschaftsmathematiker und Gutachter für Kalenderfragen im österreichischen Linz zuerst – analog zur reformatorischen Predigt – in deutscher, sodann für das akademische Publikum in lateinischer Sprache vorlegte, präzisiert er den Ansatz des skythisch-römischen Mönchs Dionysius, welcher um 525 das Jahr der Geburt des Herrn 754 Jahre ab urbe condita datiert und mit dem Jahr 1 die christliche Zeitrechnung ab incarnatione domini begründet hatte, um „fünf volle Jahre vor Beginn der heutigen Zeitrechnung“ (Sch., S. 155).

Die Datierung des Dionysius war bereits (S. 183 f.) zu Keplers Zeit von Gelehrten (u.a. dem polnischen Chronologen Laurentius Suslyga und dem Leipziger Thomas-Kantor Sethus Calvisius) mit dem Verweis auf die Geburt Christi unter Herodes d. Gr. (Mt. 2, 1) und dessen Tod wenig später um 4 v. Chr. widerlegt worden, zumal der Mönch dabei der Notiz des Evangelisten Lukas (2, 2) gefolgt war, Jesus sei während einer Volkszählung unter Kyrenios = P. Sulpicius Quirinius geboren worden, welche nach Flavius Iosephus allerdings erst anlässlich der Annexion Iudaeas in die Provinz Syrien 6 n. Chr. stattfand. Ein reger Schriftwechsel seit etwa 1605 zum ‚wahren Geburtsjahr‘ insbesondere zwischen Kepler, Calvisius und dem pfalzgräflichen Leibarzt und Haguenauer Stadtphysicus Helisaeus Röslin führte zu der bis heute gültigen These, dass dieses fünf Jahre vor dem Ansatz des Dionysius Exiguus zu datieren sei – in Verbindung mit einer Mondfinsternis im Jahre 4 v. Chr., welche Josephus wiederum für die Zeit von Herodes‘ Krankheit bezeugt. Zugleich stellte Kepler (Sch., S. 119 f.) einen Zusammenhang her zwischen einer – periodisch alle 800 Jahre sich ergebenden – Konjunktion (Stellung im gleichen Längengrad) der Planeten Jupiter und Saturn ‚im Widder‘ und dem Kometen, dem die chaldäischen Astrologen nach Bethlehem nachgezogen waren (Mt. 2, 1-12). Aus der Dienstfolge der Priesterklasse Abia, welcher Zacharias, der Vater Johannes d. T. angehörte (Lk. 1, 5), bestätigte Kepler als Geburtstag des Herrn den 25. Dezember im 40. Jahr des Julianischen Kalenders (S. 142).

Sch.s Übersetzung geht mit Zueignung und Proöm unmittelbar und medias in res; die Einführung in Leben des Autors, Ziel und Anlage der Schrift leistet ein kurz gehaltenes Nachwort (S. 179-187). Kepler entwickelt seine eigentliche Argumentation in 15 Kapiteln, deren jedem eine ausführliche Art Überschrift vorangestellt ist, welche an sich je einem Inhaltsaufriss gleichkommen und die Leserschaft über seine Darlegungen hinweg ‚an die Hand nehmen‘ – in knappest möglicher Form einer Kopfzeile (neben der Kapitelzahl) könnte dies in einer künftigen Neuauflage einen weiteren Leserservice bieten, zumal auch das Inhaltsverzeichnis nur die bloßen Kapitelzahlen nennt. Der Umfang der einzelnen Untersuchungen variiert, thematisch laufen sie nicht ohne Umwege und unter Einbezug weiterer zeitgenössischer Beiträge auf den übergeordneten Gegenstand zu: Kernpartie dürften die cap. VIII bis X zum prominenten Quellenwert von Josephus‘ ant. Iud. / bell. Iud. neben Evangelisten, Kirchenvätern und Apologeten sein. Eine Schlussrede „wiederholt die Hauptergebnisse“ (S. 155 f.) und verwirft entschieden und – wie zuvor häufig (S. 63, 98 f., 125 f., 129, 134 f.) – in direkter Ansprache die Kritik des Calvisius an der deutschen Ausgabe des Werkes, welche erst die lateinische „herausgefordert“ habe (vgl. S. 9).

„Kepler schreibt ein ausgezeichnetes Latein“, und Sch. übersetzen ausgewogen zwischen Nähe zum Original und Verständlichkeit in der Zielsprache, wobei sie die maßgebende lateinische stets auch mit der deutschen ‚Ur‘-Fassung abgleichen (S. 185 f.). Ihre Würdigung von Keplers Stilqualitäten und Charakteristika seines Berichts hätte noch durch das eine oder andere Beispiel an Anschaulichkeit gewinnen können. Keplers reichhaltige Übernahmen aus seinen – namentlich antiken – Quellen: sind hier (wie schon bei ihm selbst) kursiv gesetzt, ohne dass allerdings zum Ende Autoren, Begriffe, Realien per Indices aufgeschlüsselt würden (auch dafür wird auf die Ausgabe Hammers [s.o.] verwiesen). Immerhin sind recht detailliert und alphabetisch wohlgeordnet ‚Namen und Sachen‘ (S. 157-173) verzeichnet, gefolgt von einer Literaturauswahl. Zu wünschen wäre dieser komplexen Schrift in ihrer verdienstvollen Übersetzung eine noch stärker strukturierte editorische Einbettung.                                                                                                                Michael P. Schmude, Lahnstein

 

aus: FORUM CLASSICUM 60 (2017), S. 42-43.