Zu-R-Oniga-Latin-A-Linguistic-Introduction

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Renato Oniga: Latin – A Linguistic Introduction, edited and translated by Norma Schifano. Oxford: University Press 2014. XVIII, 345 S. (Oxford Linguistics)

[gekürzte Fassung in: GNOMON 88 (2016), S. 556-559]

Mit vorliegendem Buch, einer überarbeiteten Neuausgabe des italienischen Originals Il Latino. Breve introduzione linguistica (Mailand 2007), unternimmt R. Oniga (O.), Professor für Latein an der Universität Udine, eine umfassende Einführung in die lateinische Grammatik, wobei er aus linguistischer Sicht Lehrsätze der Generativen Grammatik mit den Grundlagen Klassisch-Philologischer Tradition verbindet. O. spricht selbst von einem Textbuch für Studierende des Lateinischen und der Romanischen Linguistik, aber auch für Lehrende auf der Suche nach neuen Wegen ihrer Vermittlung. Seine synchrone Beschreibung lateinischer Sprachgestalt stellt diese also von einem traditionellen Ansatz her zugleich in den Referenzrahmen eines (maßvoll) generativen Ansatzes modernerer linguistischer Theoriebildung; gemeinsame Zielsetzung beider ist es, auf dem Wege von Abstraktion und Generalisierung wesentliche Eigenarten einer universalen Grammatik zu klären.

Ausgangspunkt für O.s generativen Blick auf die lateinische Grammatik ist die Unterscheidung zwischen Sprachkenntnis und Sprachfertigkeit beim Erlernen moderner Fremdsprachen: sich in England sprachlich realiter zu bewegen, erfordert praktische Fertigkeit, nicht Kenntnis der Werke Shakespeares; lateinisch zu sprechen in einem nicht mehr vorhandenen Lateinland, losgelöst von den Schriften Ciceros, ist sinnfrei – Latein zielt auf Lesen, um zu verstehen, nicht auf Reden, um damit zu handeln, und lenkt den Blick auf Grammatik als autonome wissenschaftliche Disziplin (und Grundlage der Linguistik): dies schafft Raum für die sprachliche Durchdringung literarischer Texte durch Verständnis ihrer linguistischen Strukturen. Die Schwierigkeiten der Linguistik indes, Erkenntnisse eigenständiger Ableitung und Entwicklung einem breiteren Publikum zu vermitteln, sowie die Unzulänglichkeit herkömmlicher Grammatik, ein zunehmend als künstlich oder willkürlich empfundenes Regelsystem grammatischer Phänomene präskriptiv zu erklären, verstellen bisher den Weg zu einer gemeinsamen theoretischen Beschreibung, wie Sprache in einem allgemeinen Sinne funktioniert. Und damit kommt O. zum Grundanliegen der Generativen Grammatik, zu entdecken – nicht vorzuschreiben –, aufgrund welcher mentaler Anlagen linguistisch, also sprachwissenschaftlich erfaßbare Abläufe generiert werden. Mittels eines so gewonnenen Sprachvermögens läßt sich Latein als natürliche Sprache, läßt sich eine lateinische Grammatik als erneuerte scientia recte loquendi Quintilians (inst. orat. I 4, 2) in einem Rahmenwerk moderner Linguistik entwickeln, <as an open working laboratory on language>, nicht zuletzt im Vergleich mit weiteren Fremdsprachen und deren je eigenem Potential, welches eine jede als historisch nicht begrenztes System von Sprachmöglichkeiten besitzt.

Bereits für antike Autoren wie Varro (ling. Lat. 9, 23-29) und Lukrez (rer. nat. 5, 1028-90) ist Sprachfähigkeit naturspezifisch und im Unterschied zu den übrigen Lebewesen dem menschlichen, zumal kindlichen Geist eingeboren und bildet sich dort von selbst weiter. An diese Überlegung knüpft seit der 2. Hälfte des 20. Jh. der amerikanische Linguist Noam Chomsky an: die Beobachtung, daß Kinder fähig sind, ohne jede besondere Unterweisung eine vollständige Beherrschung ihrer Muttersprache zu entwickeln, erfordert von einer Reihe angeborener geistiger Fertigkeiten aus ein innerliches Verständnis für Sprache. Dieses läßt ihren Sprecher / Hörer im Weiteren auch eine unendliche Zahl von Sätzen erzeugen wie verstehen, welche sie zuvor nie gehört haben, geregelt im Sinne einer eingeborenen Universalgrammatik, von welcher die Grammatiken der einzelnen Sprachen abgeleitet sind. Aufgabe linguistischer Forschung ist nun die formale Beschreibung eines endlichen Kreises allgemeiner wie besonderer Regeln, welche diese innere Sprecher-Grammatik ausmachen. O. weist ältere Auffassungen zurück, nach denen natürliche Sprachen historische Kunstprodukte seien, voneinander abweichend und dem menschlichen Geist sozusagen übergestülpt. Dies habe zu einem verbreiteten Mißtrauen geführt gegenüber Grammatik ihrerseits als Kunstprodukt und nicht vergleichbar mit der Logik formaler Sprachen: (auch) diese entwickeln bekanntlich aus einem begrenzten Reservoir an Regeln unbegrenzte – etwa mathematische – Vorgänge. Die Abkoppelung der Grammatik von wissenschaftlicher Theorie führe zur Aufgabe aktiver Analyse und zu einer bloß passiven Hinnahme zu memorierender Phänomene. Gerade der Übersetzungsvorgang aber erfordere eine vorangehende Klärung grammatischer Gegebenheiten der Ausgangssprache, um sie sodann angemessen in die Zielsprache übertragen zu können.

Worte sind Zeichen, und sie haben ihre Entsprechungen in der realen Welt (F. de Saussure) – die Linguistik unterscheidet zwischen (phonetischem) Bezeichner und damit gemeintem Bezeichneten, die Grammatik zwischen Form und Bedeutung. Die kleinsten lautlichen Einheiten, die silbenbildenden Phoneme, führen über Stamm, Vorsilbe, Endung zur morphologischen Struktur des Wortes; seinen jeweiligen Gehalt bekommt ein Wort aber erst aus dem Zusammenspiel mit anderen Wörtern innerhalb einer Phrase als Struktur des Satzganzen. Auf allen drei Ebenen, der phonologischen, der morphologischen, der syntaktischen, sorgt ein System von Regeln für die sprachgerechte Kombination von Phonemen (Lauten) zu Lexemen (Worten) zu Phrasen (Satzgliedern), und dieser für jede natürliche Sprache gültigen Unterscheidung folgt auch O.s traditionell-klassische Beschreibung der lateinischen Grammatik.

Die Abbildung eines sprachlichen Inhalts erfolgt über die Schrift, und hierfür stehen am Anfang jeder Lautlehre verschiedene Systeme (9 f.): die Bildbotschaft eines prähistorischen Piktogramms enthält keine Klangform im linguistischen Sinne; das Chinesische und Japanische repräsentiert mit dem Ideogramm pro Schriftzeichen ein je einzelnes gesprochenes Wort. Die antiken Silbenschriften des Nahen Ostens verwenden ihre Zeichen für ebendiese kleinste wortbedeutungsfähige sprachliche Einheit, namentlich im Linear-B der mykenischen Epoche. Die Phönizier schließlich verbreiten um die Jahrtausendwende v. Chr. im Mittelmeerraum eine Schrift, deren jedes einzelne Zeichen (Segment) einem Laut (Phonem) entspricht, und zwar einem Konsonanten; die Griechen fügen diesem System bei der Übernahme dann Vokalsegmente hinzu, aber der Weg ist konsequent: die Anzahl von Zeichen wird ebenso begrenzt wie die Anzahl ihrer Kombinationsmöglichkeiten grenzenlos. Aufgrund dieser sprachlichen Effektivität verbreitet sich das phönizische Alphabet rasch über die griechischen Kolonien Unteritaliens und die Etrusker ins Rom des ausgehenden 8. Jh. v. Chr.

O. legt seiner Phonologie eine klare Begrifflichkeit zugrunde (13-15): der <Laut> ist ein physisches Phänomen (samt Phonetik als diesen behandelnder Disziplin und phonetischer Umschrift als Darstellungsmittel), das linguistische Phonem ein abstrakter Begriff als kleinstes zwischen zwei Worten bedeutungsunterscheidendes Element; beiden gegenüber steht als (näherungsweises) Zeichen der Buchstabe, für das Phonem der eines Alphabets, für den Laut je ein Symbol des <International Phonetic Alphabets>. Er zeigt anhand moderner Beispiele und Vergleiche, wie a) natürliche Sprecher über die gleiche Anzahl von Lauten, ihre Sprachen nicht unbedingt von Phonemen verfügen; b) dasselbe Phonem in einer Sprache phonetisch verschieden realisiert werden kann (Allophone), etwa entsprechend seiner Stellung im Wort; c) ein Buchstabe zwei Lautwerte abbildet oder der gleiche Laut sich in zwei Buchstaben ausdrückt. Eine differenzierende Betrachtung der Phoneme des Lateinischen steht jedenfalls im Vordergrund, und das gilt ebenso für die Frage nach der ‚richtigen‘ Aussprache: hier tritt der humanistischen, spätantik-spätmittelalterlichem Latein (italischer Sprechart) folgenden pronuntiatio ecclesiastica eine p. restituta jüngerer Zeit gegenüber, welche mittels historischer Linguistik das Klassische Latein des 1. Jh. wiederzubeleben sucht. <Prosody and Metrics> setzt in Silbe und Ton, Fuß und Metron die quantitierende Versstruktur der lateinischen Dichtung in Kontrast zur akzentuierenden der europäischen.

<Wort> als linguistische Einheit zielt in zwei Richtungen (41): auf seine innere, durch (ihrerseits wieder binnengegliederte) Silben gebildete Struktur, unterteilt in Wurzel, Stamm und Endung, sowie auf seine äußere Verwendung, seine Verbindung mit weiteren Worten zu Satzgliedern. Beide, Morphologie wie Syntax, beobachten die Regeln des Zusammenspiels der Einheiten, welches neue Worte bzw. Aussagen generieren kann. Die Frage, ob eine (abstrakte) Einheit, welche dem Flexionsparadigma der Wortart zugrundeliegt (und in stark flektierten Sprachen wie dem Lateinischen und Italienischen nicht mit der Grundform des Lexikoneintrages übereinstimmen muß), als theoretische Erfordernis bereits im mentalen Lexikon des Sprachenlernenden angelegt ist, führt O. zur Definition der <Wurzel> als semantisches Basiskonzept für die Wortfamilie (lexikalisches Morphem). Diese wird, ergänzt durch Kennzeichnung ihrer lexikalischen Klasse (Substantiv, Verb) sowie den Themavokal (grammatikalisches, zumeist auch phonetisch umgesetztes Morphem) als Hinweis auf das Flexionsverhalten (o-Deklination, a-Konjugation), zum <Stamm> als morphologischer Grundeinheit des Lateinischen, nach wie vor abstrakt, weil ohne Flexionsendung, aber in sich mit den für die Anwendung der Bildungsregeln nötigen Hinweisen (Genus nominis, transitive Valenz).

Wortarten und ihre Beugungsregeln führen zu Deklination und Konjugation (den Endungssystemen als solchen folgen ihre Einbettung in die Flexionsparadigmata); die klassische Aufgliederung bezieht die linguistische Sichtweise (samt moderner Beispiele zum Vergleich) stets mit ein – stellvertretend hierfür die hierarchische, nicht länger lineare Betrachtung bei Wortableitung durch Affixe sowie die Differenzierung der Komposita. Adjektiv und Kardinalzahl bilden eigene Klassen, das Partizip nicht mehr; umso nützlicher Übersichten zum nominalen Gebrauch der Verbalstämme in Infinitiv, Partizip, Gerundialia und Supin (128, 137). Syntaktische Funktionen (Demonstrativa, Modusgebrauch der Verben [entsprechend den Satzmodi]) sind in die Behandlung der Wortformen bereits mit integriert [O. unterscheidet nicht ausdrücklich zwischen Verb- und Satzmodus bzw. überhaupt nicht zwischen einzelnen Satzmodi; er spricht allein von indicative und subjunctive als (Verb)modi… s.u.].

Die geregelte Kombination von Wörtern als kleinsten Teilen der Rede (Varro, ling. Lat. 10, 77) zu Sätzen ist Gegenstand der Syntax (Teil 3), Spiegel des wechselweisen Zusammenspiels von Wörtern unterschiedlicher Eigenschaften zu von diesen bestimmten Satzstrukturen. Ausgangspunkt für unser mentales Lexikon ist die Verbvalenz (L. Tesnière 1959), also wie viele grammatische Einheiten eine Verbform an sich bindet, sowie die Unterscheidung, welche semantische Wertigkeit (<Theta-role> [= arguments / positions – Satzteile/-glieder, O. 176 f.]) das Verb seinen einzelnen Ergänzungen jeweils zuweist. Nicht außer acht bleiben sollte, daß bestimmte mehrdeutige Verben (contendere, ducere, petere) ihre jeweilige aktuelle Bedeutung überhaupt erst durch ihre unmittelbare Ergänzung (Objekt, Subjekt) erhalten (et viceversa Substantive wie animus, ratio, res von ihren Verben her). Strukturen kommen nicht als ‚Konstruktionen‘ quasi von außen über den Satz, sondern werden von den Eigenarten der Wörter und ihrer Funktion füreinander, von der Valenz aller Wortarten erzeugt, und Grundeinheit des Satzbaus ist die Wortgruppe oder <Phrase> (182-202). Dies führt über die <Konstituentenanalyse> (L. Bloomfield 1933) zur Phrasenstruktur als nächsthöherer, hierarchisch organisierter Einheit des Satzganzen [und ersetzt die ‚klassische‘ Frage nach den Satzteil-/-gliedfunktionen]; sie ist segmentiert (und benannt nach ihrem Oberbegriff) in eine <Nominal-> und eine <Verbalphrase>, welche sich grundsätzlich aus Hauptkonstituent und dem am engsten mit ihm verbundenen <complement> bilden, und – neben loser angeschlossenem <specifier> – erweiterbar durch <Adjektiv-> wie <Präpositionalphrase>. Die Abfolge der Konstituenten, also die lineare Wortstellung, ist bewußt-variabel, nicht zufällig; Tiefenstruktur ergibt sich aus ihrer hierarchischen Anordnung. Das Satzmodell schließlich sieht O. (als Art Super-Konstituent) in Parallele zu einer komplexen Phrase, und so orientiert es sich auch nicht an der flacheren Struktur der Generativen Semantik, sondern in seiner differenzierten Tiefenschärfe an der von Chomsky begründeten Transformationsgrammatik – sei es in der Kasus-Syntax, in seinen Spielarten als Haupt- und eingebetteter, als Objekt-, Attribut- oder Adverbialsatz, in seinen Bauweisen als Parataxe oder Hypotaxe oder in der Wiedergabe von satzwertigen Infinitiv- und Partizipialkonstruktionen.

Sinnvoll erscheint zum Abschluß eine knappe Synopse der wichtigsten syntaktischen Funktionen im ‚klassischen‘ gegenüber O.s generativem grammatischen System:

 

Klassisch Oniga
Subjekt agent – subject
Genitiv-Attribut
Dativ-Objekt benefactive – indirect object
Akkusativ-Objekt theme – direct object
Adverbiale Bestimmung adjunct – prepositional phrase
Adjektivisches Attribut adjunct – adjective phrase
Praedikat verb phrase

 

Satzteilfunktionen können generell übernommen werden von:

  • Satzgliedern = einzelnen Wörtern oder Wortgruppen
  • Gliedsätzen = Subjekt- / Objekt- / Attribut- / Adverbialsätzen.

Diese ergeben sich bei O. unmittelbar aus der Valenz, der Ergänzungsnotwendigkeit oder –möglichkeit aller einzelnen Wortarten.

Der generative Ansatz, daß sich die Satz- oder besser: Phrasenstruktur aus der Wortvalenz (insbes. des Verbs) heraus entwickelt, führt zur Aufgabe u.a. der Satzmodi (s.u.) als eigenes Thema.

 

Abhängige Aussage

Abhängiger Begehrssatz

infinitival clause (AcI, NcI)

embedded clause

Fragesatz    – Wortfrage

– Satzfrage

wh – questions

yes–no – questions

Dreiteilung:    Aussage – Frage – Begehrssatz

[direkt – indirekt]

nicht eigens thematisiert

[zu dieser Übersicht s. auch die PDF-Version]

 

Es bleiben wenige, offene Fragen:

a) Adjektive (und Adverben) entsprechen den <adjuncts> (187): O. spricht nirgendwo von einem Attribut; Subjekt- und Objektsätze sind <substantive clauses>: wozu gehören dann die Relativsätze als Attributsätze ?

b) Die indirekte Rede wird ausgedrückt (320 f.) durch <infinitival clauses> (AcI) oder durch abhängigen Begehrssatz / Aufforderung – zumal ihre Einordnung als Adverbialsätze erscheint fragwürdig.

c) Satzmodi als eigenständiges Thema fehlen:

  • Realis / Potentialis / Irrealis werden ansatzweise bei den Konditionalsätzen (316) behandelt.
  • Hortativ / Iussiv / Prohibitiv fehlen ebenso wie der erfüllbare / unerfüllbare Wunsch.

Es liegt auf der Hand, daß bei unterschiedlichen Herangehensweisen nicht alle grammatischen Kategorien miteinander kongruent bleiben können. Für die Entwicklung eines eigenen, nativen sprachlichen Systems ist dies ohne Bedeutung, für die Aneignung eines fremden (dort gegebenen) im Zweifelsfalle hilfreich. Entscheidend bleibt aber die Frage, auf welchem Wege sprachliche Strukturen zustande kommen – natürlich, im Zuge einer intrinsischen Entwicklung aus dem sprachenlernenden Subjekt heraus oder extrinsisch, durch Direktiven wie „richtig – falsch – muß …“. Und aus dieser Blickrichtung bietet O.s Einführung in summā mit ihrer sinnvollen und überzeugenden Verknüpfung von Generativem Ansatz und Klassischer Konzeption eine authentische Grammatik des Lateinischen als Form einer natürlichen Sprache, welche nicht von außen als vorgegebenes Werk starrer Regeln aufgesetzt wird, sondern sich aus sich selbst heraus aktiv entwickeln läßt.

 

Michael P. Schmude,  Boppard

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