Abiturrede-2011

Abirede-26-03-11

Liebe Abiturientia, liebe Eltern, Angehörige und Verbundene,

liebe Kolleginnen und Kollegen

 

„Unsere Jugend liebt den Luxus, sie hat schlechte Manieren, mißachtet Autorität und hat keinen Respekt vor dem Alter. Die heutigen Kinder sind Tyrannen, sie stehen nicht auf, wenn ein älterer Mensch das Zimmer betritt, sie widersprechen ihren Eltern, schwätzen beim Essen und tyrannisieren ihre Lehrer …“ – nein, kein Klageruf eines geplagten Studienrats im frühen 21. Jahrhundert, sondern – nach Ausweis seiner Stimme Platon [sinngemäß in Politeia, Buch VIII, 563 a4-b2 – soviel Fußnote muß sein in diesen Zeiten …]* – der eines gewissen Sokrates von Athen, und dieser wurde bekanntlich bereits im Jahre 399 vor Christus angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet – nicht von seinen Schülern, allerdings von deren Eltern …

Kaum ein anderes Miteinander oder Zusammenspiel, pädagogisch korrekt „Interaktion“, scheint sorgsamer umhegt von guten Ratschlägen und noch besserem Wissen als dasjenige von Schülern und Lehrern, was und wie der Eine zu handeln, was und wie die Anderen zu erleben haben – aber das sei der geballten Fachkompetenz der Talkshows, Expertenrunden und der theoretischen Journale anheimgestellt. Das Spannungs- und Wechselverhältnis zwischen Beiden hat nachfolgender Altmeister der Beredsamkeit zum Gegenstand einer launigen rhetorischen Fingerübung gemacht: als der Reformator Melanchthon, als Philipp Schwarzert seines Zeichens eigentlich ordentlicher Griechisch-Professor in Heidelberg, um das Jahr 1530 vor Scholaren der Universität Wittenberg De miseriis paedagogorum deklamierte, bemühte er (cap. 1) zu seiner heiter-ironischen, gewiß nicht ganz ernst gemeinten Darstellung von Leben, Arbeit und Erfolg des Standes der Schulmeister eine Fabel des lydisch-griechischen Sklaven Aesop, in welcher (196) der Esel vor Zeus tritt, um diesem sein wie seiner Genossinnen und Genossen hartes Los zu schildern, wie er unter der täglichen Arbeit in der Tretmühle zuammenzubrechen und aufgezehrt zu werden droht – aber welcher Esel habe in welcher Tretmühle jemals solche Mühsal zu ertragen gehabt wie der durchschnittliche paedagogus am Mühlstein der Lehre und Unterweisung.

Was hat das nun mit Eurer Schulzeit zu tun ? – Zunächst einmal … natürlich eher weniger bis rein gar Nichts.

Und da fährt unser praeceptor Germaniae doch tatsächlich und wörtlich fort (cap. 2): “Wenn Jemand gezwungen wird, ein Kamel das Tanzen zu lehren oder einen Esel, auf der Flöte zu spielen, wird man den nicht schon in besonderer Weise ‘arm dran‘ nennen, der sich vergeblich damit größte Mühe gibt ? Und doch ist dies erträglicher, als unsere Jungen zu lehren: denn wie Du keinen Fortschritt erzielst im Unterrichten eines Kameles oder Esels, so vergrößern Dir jene doch wenigstens nicht noch die Plage durch Ungezogenheit. Aber diese schönen Jungen da …“ – von Mädchen war noch keine Rede, und ich breche hier auch mal ab.

In der Unterwelt muß der große Lügner Sisyphus zur Strafe einen Felsen den Abhang hoch wälzen, der ihm dann kurz vor dem Gipfel wieder entgegenkommt und umso schneller zurück ins Feld hinunterrollt (cap. 3) – ein Sinnbild vergeblicher Liebesmüh vieler Sterblicher, und für unseren Lehrmeister eben auch des paedagogus und seines ganz besonderen Felsen: nur unter Zwang nehme der Schüler ein Buch zur Hand, und allein bei seinem Anblick wie beim Vortrag des Lehrers übermanne den Sorglosen der Schlaf der Gerechten, so daß eine ganz neue Kompetenz vonnöten ist – discipuli expergefaciendi – die des Aufweckens des Schülers. Die Abwesenheit jeglicher Gedächtnisleistung komme geradezu der Goldenen Regel bei Gastmahl und Gelage gleich, nach welcher am meisten verhaßt der sich erinnernde Mit-Zecher sei … Auch andeutungsweise Ähnlichkeiten mit real existierenden Elèvinnen und Elèven können hier nur der bare Zufall sein.

Mit der Räumung des Augias-Stalles, welche einem Herkules schon solche Last bereitet habe, vergleicht der Humanist und Professor für Poetik Gregor Bersmann (1537-1611) eine Generation später dann De calamitate et miseria docentium in ludis litterariis die Beschwerlichkeiten der Schullehrer, die rohen Sitten der lieben Jugend mit wacher und stetiger Sorge zu bereinigen: gut wohl die Kunst – doch im Magen der Hunger, selten der Dank – gewiß nur die Plage … Aber nicht, daß wir damit etwa Eurer Schulzeit bereits wirklich nähergekommen wären (Irrealis !):

Für Einige von Euch ist diese verbunden gewesen mit dem gleichfalls mühevollen Aufstieg in Platons Höhle zu den wahren Dingen der Erkenntnis, mit facta notabiliora wie Herodots Novelle vom Meisterdieb oder den Geschichten um Solon und Kroisos, aber auch um die Brüder Kleobis und Biton, welche wir dann auch noch vor Ort in Delphi bestaunen konnten – auf einer Griechenlandfahrt, die Anstrengendes geboten hat wie Akropolis und Nationalmuseum in Athen, Idyllisches wie die Insel Aigina und Sportliches in Olympia. Die Schrecken des modernen Athener Innenstadt-Chaos ließen Euch des Abends in einem Hotelzimmer für Alle zusammenrücken – und durch die geschlossene Zimmertür den Rauchmelder auf dem Flur in Gang qualmen. Was allerdings nicht verhindert hat, daß ich dieses Mal die 1000 Stufen der Feste Palamidi in Nauplia wieder in Begleitung besteigen konnte – wir haben das fotographisch dokumentiert und durften den traumhaften Ausblick von der Burgzinne gemeinsam genießen: es gab auch schon Griechenlandfahrten, da bin ich alleine da hoch, und unsere letzte Tour nach Rom, auf welcher wir die Urbs aeterna nach allen Regeln der Kunst epochen- und flächendeckend durchmessen haben, stand ja noch aus …

Ob man mit Platons Ideenlehre die jüngere Koblenzer Verkehrsführung oder den Bürokratismus der Bachelor- und Masterstudiengänge leichter bewältigt, das sei jetzt mal dahingestellt; das Bewußtsein um unsere europäische kulturelle Identität, die Antwort darauf, „wohin der Stier Europa trug“, ist keine Frage technokratischer Alltagsbewältigung. Aber wenn Ihr nunmehr den behüteten Bezirk ‚Schule‘ mit dem Schutzraum ‚Elternhaus‘ im Hintergrund verlaßt und in die freie Wildbahn ‚Leben‘ hinaustretet, werden Euch die homerischen Charakterbilder dort wieder begegnen, und Ihr werdet gut daran tun, wenn Ihr auf Euren beruflichen und auf Euren privaten, auf Euren ganz persönlichen Wegen die Agamemnons und die Thersites‘, die Hektors und Odysseus, die Achills und Paris wiedererkennt und angemessen einzuordnen wißt – und seien es auch nur ihre Parodien aus dem großen Krieg der Frösche gegen die Mäuse, im Ernst:

Ab sofort sagt Euch – vielleicht – keiner mehr: „mach‘ dies, mach‘ das, laß‘ es sein“, Ihr müßt von nun an alleine laufen. Euch eine Reihe von Wegen aufzuzeigen, diesen Mühlstein haben im Laufe der Jahre Viele und gerne gedreht, und am Ende habt Ihr gezeigt, daß Euch davor auch gar nicht bange zu sein braucht. Ihr habt jetzt alle Freiheit, aber Ihr wißt, daß es nichts Schwierigeres gibt als ebendiese. Neben dem kunstfertigen Daedalus, der seine Fähigkeiten zur Befreiung zu nutzen verstand, steht sein Sohn Ikarus, welcher den richtigen Pfad verpaßt hat. Gebraucht sie also angemessen.

Wie bleibt Ihr in Erinnerung, abgesehen von einem geschlossenen Studio und davon – die Erfahrung lehrt es – daß Ihr in aller Regel, Einige jedenfalls, die „üblichen Verdächtigen“, und das ist auch schön so, gelegentlich wiederkommen werdet ? Nach Allem was man hört, liest, und ich kann das aus eigener Beobachtung und Diskussionen nur bestätigen, seid Ihr eine durch und durch ‚pragmatische‘ Generation, von weltanschaulichem Ballast auf Euren Wegen erfreulich unbeschwert. Der Blick geht dabei stets nach vorn, und die magischen Epochenschwellen 20 – 50 – 80 habt Ihr alle noch vor Euch, also: macht ‘was ‘draus, abituri abituraeque und – abeatis.

 

*Der genaue Wortlaut dieses dem Sokrates zahllose Male von Schülerzeitung bis Bischofsrede in den Mund gelegten Bonmots ist bei Platon selbst freilich nirgendwo belegbar.

 

Koblenz, 26. März 2011                                                   Michael P. Schmude

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