Platonismus-und-christliche-Philosophie-in-den-ersten-Jahrhunderten-ein-Seminar

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Platonismus und christliche Philosophie in den ersten Jahrhunderten

von  Michael P. Schmude, Lahnstein

Der Seminarverlauf soll die Teilnehmenden in die Lage versetzen, Grundaussagen christlicher Philosophie und paganer Philosophenschulen (insbes. des Platonismus) mit Hilfe ausgewählter Texte aus NT und Kirchenvätern sowie Textquellen der umgebenden philosophischen Schulen (u.a. Neuplatonismus, Stoa) zu interpretieren und gegebene Beziehungen zueinander zu klären. Das Proprium frühchristlicher Philosophie in Spätantike und Übergang zum MA wird herausgearbeitet und für den Fortgang des philosophisch-theologischen Dialogs grundgelegt.

Einleitung

Zum Begriff: Philosophie ist ein denkbar weiter Begriff … unter Christlicher Philosophie ist ein Philosophieren auf der Grundlage christlicher Glaubensgegebenheiten zu verstehen nach Maßgabe der christlichen Offenbarung. Zugleich ist sie historisch wie kulturgeographisch eingebettet in die Tradition abendländischer Denk- und Geistesgeschichte namentlich des mediterranen Raumes, mithin in den Lauf der großen hellenistischen Philosophenschulen seit der Gründung der Akademie Platons. Im Rahmen dieser Einbettung nimmt eine Symbiose christlicher Philosophie und paganem Umfeld ihren Ausgang mit der Patristik des 2. und folgender Jahrhunderte, griechischen und römischen Kirchenvätern – namentlich Klemens von Alexandria, Origenes, Augustinus von Hippo.

Fortgeführt wird die Auseinandersetzung im Mittelalter insbesondere mit der Scholastik Thomas von Aquins (13. Jh.) oder den Franziskanern Bonaventura († 1274) und Wilhelm von Ockham († 1347).

Einstiegs-Impuls: [Zitate nach H. Diels / W. Kranz: Fragmente der Vorsokratiker (Griechisch und Deutsch), 2 Bde. (Berlin1903 ff.)]

VS 80 B 1: Aller Dinge Maß ist der Mensch – der Seienden, dass sie sind, der Nicht-Seienden, dass sie nicht sind.

Der berüchtigte Homo-mensura-Satz des Sophisten Protagoras von Abdera (5. Jh. v. Chr.).

  • Wenn der Mensch das Maß aller Dinge ist – wer gibt IHM das Maß, setzt IHM die Grenzen?
  • Der Mensch als Maß aller Dinge vs Der Mensch als Krone der Schöpfung – sagen die beiden Sätze das Gleiche aus oder sehen Sie Unterschiede.
  • Nehmen sie zu Beidem aus christlicher Sicht Stellung.

VS 80 B 4: Über die Götter allerdings habe ich keine Möglichkeit zu Wissen – weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind, noch, wie sie etwa an Gestalt sind; denn Vieles gibt es, was das Wissen hindert: die Nichtwahrnehmbarkeit und dass das Leben der Menschen kurz ist. → Eusebius, Praeparatio Evangelica XIV 3, 7.

VS 21 B11-16: der Vor-Sokratiker Xenophanes von Kolophon (6. Jh. v. Chr.) zu allzu menschlichen Gottesvorstellungen

11: Alles haben den Göttern Homer und Hesiod angehängt, was nur bei Menschen Schimpf und Tadel ist: Stehlen und Ehebrechen und einander Betrügen.

14: Doch wähnen die Sterblichen, die Götter würden geboren und hätten Gewand und Stimme wie sie. → Clemens Alexandrinus, Stromateis V 9 (II 399, 19 St.)

15: Doch wenn die Ochsen und Rosse und Löwen Hände hätten oder malen könntenmit ihren Händen und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse rossähnliche, die Ochaen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper bilden, wie jede Art gerade selbst ihre Form hätte. → Clemens Alexandrinus, Stromateis V 110 (II 400, 1 St.)

16: Die Äthiopen behaupten, ihre Götte seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und rothaarig. → Clemens Alexandrinus, Stromateis VII 22 (III 16, 6 St.)

  • Charakterisieren Sie das Gottesbild, welches diesen Aussagen zugrundeliegt.
  • Werden ggfs. in Erzählungen des AT auch dem Gott der Juden quasi-menschliche Züge beigefügt (→ Hiob-Geschichte)?

Zielsetzung:

wenn Sie dieses Thema bearbeitet haben, können Sie:

  • Grundaussagen christlicher Philosophie und paganer Philosophenschulen (insbes. des Platonismus analysieren, interpretieren und ins Verhältnis zueinander setzen.
  • Darauf aufbauend das Proprium frühchristlicher Philosophie in Spätantike und Übergang zum MA herausarbeiten und für den Fortgang des philosophisch-theologischen Dialogs grundlegen
  • Formen der Aneignung, Übernahme, Auseinandersetzung mit den vorangegangenen wie mit den umgebenden philosophischen Systemen einordnen und beurteilen.

Inhalt

  1. Einstiegsimpuls: das vorsokratische Gott-Menschen-Bild
  2. Vom personalisierten Gott zur göttlichen Idee –Platon und der Platonismus
  3. Christentum und antike Philosophie (1): Clemens von Alexandria
  4. Christentum und antike Philosophie (2): Origenes
  5. Christentum und antike Philosophie (3): Augustinus von Hippo
  6. Ausblick ins MA – Scholastik: Bonaventura
  1. Vom personalisierten Gott zur göttlichen Idee – Platon und der Platonismus

Im seinem Dialog Phaidros (370/360 v. Chr.) entwirft Platon eine mythische Prozession der Seelenwagen aus den Tiefen der physischen Welt (Immanenz) hinauf zum Rücken des Himmels, von wo aus der Blick in die transzendente Welt der Ideen möglich wird.

Dazu lässt er seinen Lehrer Sokrates eine Erzählung vortragen, welche den Werdegang der menschlichen Seele versinnbildlicht. Zu Beginn lebt diese in Gemeinschaft mit den Göttern und nimmt darum auch an deren Himmelsfahrt teil. Während die Wagen der Götter von durchgängig edlen Pferden gezogen werden, wird der menschliche Seelenwagen zwar von der Vernunft (Noús) gesteuert, gezogen aber von einem himmlischen Ross, dem Gemüt (Thymós), und einem irdischen, unberechenbaren, dem Trieb (Epithymía). Die gemeinsame Fahrt reicht ans obere Ende, den ‚Rücken‘ der physischen Welt, und von hier aus kann der – allein philosophisch geschulte und gesonnene – Wagenlenker zwar in das überirdische Reich der gestaltlosen, nicht-stofflichen, allein wahrhaft Seienden Ideen schauen. Gestört und unterbrochen aber wird seine Ideenschau durch die Widerspenstigkeit des irdischen, triebhaften Pferdes. Aufgrund ihrer Anzahl, unterschiedlich auf den unterschiedlichen Höhen ihrer Himmelfahrt, sind Zusammenstöße mit anderen, menschlichen Rossegespannen nicht zu vermeiden, und dadurch brechen die Federn aus den Flügeln der Seelenwagen, und diese sinken wieder nach unten ab (wo das Getümmel noch voller und enger ist). Hat der Lenker (Noús) zuvor aber (in der Wellenbewegung seines Wagens, aufwärts wie abwärts) den Kopf über den Rand des Himmels halten und Einige von den Ideen (Idéai) schauen können, so nimmt er vom wahrhaften Sein etwas nach unten (= in die Immanenz) mit. Und wenn er dort eines von deren Abbildern (Eíde), z.B. etwas Schönes, sieht, so erinnert er sich an die zuvor geschaute Idee des Schönen: die Federn wachsen wieder nach und mit ihnen das Verlangen nach einem neuerlichen Aufstieg der Seele zum Himmelsrücken und in ihre wahre Heimat.

Zu Selbststudium und Vertiefung:

  • G. Martin: Platon. Reinbek 1969
  • H. Görgemanns:Platon. Heidelberg 1994
  • M. Erler: Platon. München 2006
  • M. Erler: Platon (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von H. Flashar, Bd 2/2). Basel 2007
  • B. Zehnpfennig: Platon zur Einführung. Hamburg 42011
  • Th. A. Szlezák: Platon: Meisterdenker der Antike. München 2021

Platons Lehrer Sokrates wird vielfach zu Jesus von Nazareth in Parallele gesetzt: Beide haben selbst Nichts Schriftliches hinterlassen, Beide wurden in ihren Heimatgemeinden aufgrund ihrer Überzeugungen wie infolge ihrer Lehrtätigkeit hingerichtet, für unsere Kenntnis Beider sind wir auf Nachrichten und Darstellungen ihrer Schüler angewiesen.

  1. Recherchieren Sie zum historischen Sokrates als Akteur im Athen des ausgehenden 5. Jh. v. Chr.
  2. Recherchieren Sie zu Sokrates als literarischer Figur in den Wolken (423) des Komödiendichters Aristophanes, Platons Apologie und in den Memorabilien (Erinnerungen an S., nach 371 v. Chr.) seines Schülers Xenophon.

Platon über die Unsterblichkeit der Seele: Phaidros 245c – 250c

[aus: Platonis Opera, ed. John Burnet, vol. II. Oxford (University Press) 1910 (Nachdrucke)]

Vorbemerkung: alle Texte in diesem Verlaufsplan sind hier zunächst einmal in der griechischen bzw. lateinischen Originalfassung gegeben – dies hat im Besonderen Raumgründe.

Die Lektüre im Seminar erfolgt in Auszügen und wird den sprachlichen Voraussetzungen der Kursteilnehmenden entsprechend angeboten, d.h. anhand zweisprachiger Textversionen oder nach Bedarf Übersetzungen, die ‚vor Ort‘ zur Verfügung gestellt werden. Sämtliche Texte, Editionen und Übersetzungen können (und sollen) auch online abgerufen werden.

Zudem wird im eigentlichen Seminarplan auch als breite und generelle Arbeitsgrundlage stets der vollständige Originaltext mitgegeben, um einem weitergehenden Selbststudium keine Grenzen zu setzen …

zum weiteren Seminarverlauf → Innenseite (unter obenstehendem Link) …

 

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