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Zu-H-Baykal-Der-erste-Reporter-Herodot

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Hakan Baykal: Der erste Reporter – Herodots Berichte aus aller Welt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Primus-Verl.) Darmstadt 2013. 159 S., € 19,90 (ISBN 978-3-86312-040-5).

Um es vorauszuschicken – Hakan Baykal (B.) legt nicht die (wievielte ?) durchgängige wissenschaftliche Monographie über den pater historiae (Cicero) vor, sondern eine geistreich-unterhaltsame wie angenehm lesbare Sammlung journalistischer Essays zu seinem Landsmann und ihm Seelenverwandten, deren Leichtigkeit der Darstellung die Selbstverständlichkeit der gleichsam beiläufig mitgegebenen Einzelinformationen wohl nicht ohne Absicht entspricht.

So zeigt die Einführung in Zeit und Werk (S. 7-14) Herodot als Erzähler von Geschichte wie Fabulierer von Geschichten, als Ethnologen und Geographen, als Biologen und Klimaforscher – als Enzyklopädisten der zu seiner Zeit bekannten Welt und ihrer Phänomene, und immer wieder: ihrer Menschen. Der ‚rote Faden‘, von welchem er ebenso oft ins Anekdotische und Legendenhafte abschweift wie er zu den historischen Fakten zurückkehrt, sind die Auseinandersetzungen zwischen Griechen und dem Perserreich, im Besonderen die Kriege zwischen 490 und 479 v. Chr.

Es ist ein Füllhorn kleiner Einzelbilder, die B. aus ihrer Abfolge im Geschichtswerk seines Kollegen löst und in fünf Themenkreisen – durch Querverweise teils (S. 125, 128, 142, 147) aufeinander bezogen – neu zusammenfaßt, die aber den o.g., weitergehenden Fachgebieten Herodots durchaus angemessen sind: Von Göttern und Menschen (S. 15-48) – Von Völkern und Ländern (S. 49-76) – Von Forschern und Entdeckern (S 77-104) – Vom Feiern und Trauern (S. 105-130) – Von Fürsten und Dienern (S. 131-153). Ein kurzes Verzeichnis allgemeinerer Literatur sozusagen um den Autor herum (S. 159) rundet die bunte Anthologie ab, Textgrundlage ist die Kröner-Übersetzung der Historien von A. Horneffer (Stuttgart 41971). So hören wir von der tranceseligen Reise des Aristeas aus Prokonnesos, Apollons Schamanen (S. 16-21), von der Küste des Marmarameeres ins Innere Asiens, auf der Route einer Seidenstraße, die es (im 7. Jh. v. Chr.) noch lange nicht gab und nahezu 2000 Jahre vor Marco Polo – in der Erzählung des antiken Reporters wie der Machbarkeitsprüfung des modernen, welcher sich hierfür auch auf Fachautoritäten stützt. Geschlechtliche Verbindungen von Mensch und Tier sind auch dem griechischen Mythos nicht fremd, man denke an die kretische Königin Pasiphae und den Minotaurus oder die Spartanerin Leda und ihren Schwan, aber Herodot siedelt seinen ersten Skandal im Rahmen des ägyptischen Logos im östlichen Nildelta an – die Anekdote um den Bock von Mendes (S. 28-33), während eines Aufenthaltes des Autors ebenda und zuvor bereits von Pindar bestätigt, wird aus ägyptologischer und religiöser, aus sexologischer und moderner juristischer Perspektive gedeutet – als Urthema der Menschheit wie auch der Kavallerie des Alten Fritz. Die Beschneidung – nicht Verstümmelung – , von Herodot bei den Ägyptern merklich distanziert beobachtet und mit Hygiene begründet, bei manchen Völkern Aufnahmeritual in die Kriegerklasse, im AT von Jahwe Im Zeichen des Bundes (S. 34-37) als Gesetz schon Abraham aufgegeben, zeigt sich – nicht ohne Schalk beschrieben – über die Verehrung des sanctum praeputium des beschnittenen Messias (Lk) bis in die Neuzeit hinein für B. noch in der tagesaktuellen Diskussion als „gleichsam konstituierendes Element des jüdisch-christlichen Abendlandes“ (S. 35). Rituelle Tötungen, die Herodot den Persern attestiert (S. 38-43 → AT, germanisch-nordische oder mittelamerikanische Praktiken), Tempelprostitution bei den Babyloniern, die er – auch mit einer Prise Süffisanz („Altherrenwitz“) – ausweidet (S. 44-48 → Devadasi in Indien), erweist B. als zeitenübergreifende multikulturelle Phänomene und findet einmal mehr – journalistisch recherchiert – für Beides Beispiele auch im Heute.

Sitten und Bräuche des ägyptischen Pharaonenreiches beschreibt der Ethnograph mittels ihrer völligen Gegensätzlichkeit zu den eigenen, hellenischen Verhältnissen – „Symmetrie im Gegensätzlichen“ als Erzählprinzip (R. Bichler, S. 51), Eigentümliches bis Skurriles, eine Verkehrte Welt (mundus inversus, S. 50-54), die er Mitte des 5. Jh. v. Chr. in Augenschein nimmt, über deren kulturelle Leistungen er seine Leserschaft aber mit Bewunderung und Faszination staunen läßt. Überhaupt ist der antike wie moderne Reporter zum Einen Publizist und Vortragender, welcher sein Publikum finden und unterhalten will, zum Anderen Wissenschaftler und Intellektueller, welcher mit der Darstellung fremdartiger Zustände auch Stellung bezieht zu denen der eigenen Gesellschaft. Und jene findet Herodot bei den barbarischen Völkern am Rande der Oikumene (S. 55-59), das Ideal des ‚edlen Wilden‘ (Aithiopen) ebenso wie eine Rohheit, die sich – abgestuft – vor Allem in Formen von Kannibalismus und sexueller Promiskuität zeige – und für die eigene „Performance“ (B. S. 58) ein dankbares Sujet hergab. Das bedrohliche Eintreten der skythischen Reiternomaden ins Blickfeld der Griechen als Folge einer eurasischen Völkerwanderung im Nordosten, die Diskussion um die kleinasiatische Herkunft der Etrusker im Westen (Herodot – Dionysios von Halikarnaß – Theopomp, S. 60-64), Herodots Unglaube an die Hyperboreer, des Pytheas von Massilia Bericht über Thule im Nordwesten, Platons Atlantis weit westlich der Säulen des Herakles, schließlich die Berührungen Europas mit dem El Dorado im Osten, dem indischen Subkontinent (S. 71-76) umreißen den geographischen Horizont unserer beiden Reporter. B. zeichnet dabei auch das Wiederauftauchen der legendären Inseltrias im Übergang von Renaissance zu Aufklärung nach – mitsamt der kruden Ableitung Nietzsches zu Beginn seines Antichrist und ihrer widerwärtigen Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Ariosophie (S. 65-70). Die Landnahme(n) Indiens durch Alexander d. Gr. und römische Händler, über den 2. Kreuzzug (1147-49) und Vasco da Gamas Entdeckung des Seewegs dorthin (1498) bis zum Ende der britischen Kolonialherrschaft 1947 haben den antiken Reporter dann aber bereits weit hinter sich gelassen.

Für den modernen (S. 78-82) sind die Phönizier die ersten und besten unter den Entdeckern zur See: die Expedition im Auftrag des ägyptischen Pharao Necho II (610-594 v. Chr.), nachdem der Durchstich von Rotem ins Mittelmeer gescheitert war und ins 19. Jh. verlegt werden mußte, umschifft laut Herodot Libyen = Afrika Auf großer Fahrt von Osten her, ihre Nachfahren, Punier unter Hanno von Karthago, werden in der Gegenrichtung die Säulen des Herakles hindurch zunächst an Westafrika entlang fahren und immerhin den Golf von Guinea erreichen; auf ihren Landexpeditionen begründen sie Siedlungen und entdecken wilde Völker – Gorillas. Erst Ende 1487 wird mit dem Portugiesen Bartolomëu Diaz wieder ein Seefahrer das Kap der Guten Hoffnung umrunden … An den Quellen des Segens (S. 83-87) spürt die Ursprünge des sagenumwobenen Nil im Gebirge des heutigen Burundi und Ruanda auf – Herodot kommt nur bis zur Insel Elephantine beim ersten Katarakt (und dem modernen Assuan). Die nach Herodot von Pharao Psammetich I im 7. Jh. durch ein Experiment mit Neugeborenen angestoßene und bis heute letztlich erfolglose Suche nach der Ursprache (S. 88-93), die Erfindung der Eisenverhüttung (S. 94-98) im hethitischen Großreich – Herodot führt das Löten von Eisen auf einen Glaukos von Chios (unter dem Lyderkönig Alyattes im 6. Jh. v. Chr.) zurück – , Kryptographie und geheime Botschaften (S. 99-104), ausgehend von Herodots Episode um Histiaios und Aristagoras von Milet als Anstifter des Ionischen Aufstandes und von B. bis ins 20. Jh. weitergeführt, beschließen diesen Reigen von dem Forschergeist antiker wie moderner Zeiten gewidmeten Artikeln, für welche das einleitende Zitat aus den Historien durchweg ‚nur‘ als Ausgangspunkt dient.

Bewußtseinsverändernde Rauschmittel werden von Herodot (Skythen) wie von modernen Konsumenten der Exotik des Nahen und Fernen Orients zugeschrieben, aber B. (S. 106-110) legt ihre lange abendländische Tradition wieder frei. Die bekannte (und sprichwortgebende) Geschichte von der Vertanzten Hochzeit (S. 111-115) am Hofe des Kleisthenes von Sikyon zu Beginn des 6. Jh. v. Chr. gibt B. Gelegenheit zu einer kleinen Kult- und Kulturgeschichte des Tanzes. Und er bleibt weiter im privat-persönlichen Bereich: seinem antiken Kollegen attestiert er eine fast besessene Neugier an zwei gesellschaftlichen Urphänomenen – der Sexualität und dem Umgang mit Tod und Toten, die diesem auch als Gradmesser des Zivilisationsstandes der beschriebenen Völker – sei es der nomadischen Massageten nördlich des Kaspischen Meeres, sei es der bewunderten Ägypter vergleichsweise ‚vor der Haustür‘ – dienen, und speist einmal mehr auch hier Beispiele aus unserer Gegenwart mit ein (S. 116-125). Herausgehoben die Bestattungsriten der Skythen (S. 126-130), Vorboten der ‚Gefahr aus dem Osten‘ kommender Jahrhunderte (Hunnen, Mongolen, Türken), und auch hier wird der detaillierte Autopsie-Bericht (IV 81) des Reporters durch die von B. zitierte moderne Wissenschaft bestätigt – es sind merklich die ethnographischen Partien aus Herodots Geschichtswerk, denen B. mit Vorliebe die Blüten für seinen Kranz entnimmt.

Stärker historisch ausgerichtet der letzte; nur lose an Herodot anknüpfend (S. 132-137) über Formen antiker (namentlich römischer) wie moderner Sklaverei: der sagenhafte Prunk des persischen schahan schah, Organisation und Infrastruktur des Achaimenidenreiches, militärische Rüstung – Hybris am Beginn der Niederlage, bei Kroisos, Xerxes und Reza Pahlevi (S. 138-143). Das wahnsinnige Wüten des Jüngeren Kambyses unter den Einwohnern des ägyptischen Memphis wie in seiner eigenen Familie, nicht – wie Herodot erklärt – aufgrund von Epilepsie (S. 144-147), der aussichtslose Kampf der 300 (tatsächlich etwa 1000) bei den Thermopylen 480 v. Chr., nicht kriegsentscheidend, aber mythenbildend (S. 148-152), zuletzt die Begründung des Kulturkampfes zwischen hellenischem (demokratischem) Okzident und dem (despotischen) Orient der Barbarenvölker (S. 153-157) in den Frauenraub-Sagen durch unseren Reporter aus Halikarnaß sowie seine fragwürdige Stilisierung zum Ost-West-Konflikt in Generationen nach einem Aischylos (Perser) oder Herodot runden die Sammlung ab.

Ein Buch, das man – einmal mit der Lektüre begonnen – nicht ohne Weiteres wieder zur Seite legt: unangestrengt kenntnisreich, auf unterhaltsame Weise historisch, geographisch, ethnologisch informativ, durchgängig auch im Rückgriff auf die fachwissenschaftliche Diskussion – feuilletonistische Essays im besten Sinne, mitunter den Leser direkt ansprechend (S. 75, 104, 120) oder sympathisch Anteil nehmend (S. 41, 70, 121). Eine Werbung für einen antiken Autor, gerichtet zumal an Diejenigen, welche ihn – wie B. (S. 8 f.) – nicht in Schule oder Universität kennenlernen konnten oder wollten.

Michael P. Schmude, Lahnstein

 

aus: FORUM CLASSICUM 57 (2014), S. 78-80.

Zu-F-Montanari-History-of-Ancient-Greek-Literature

Zu-F-Montanari-History-of-Ancient-Greek-Literature

Franco Montanari: History of Ancient Greek Literature – Vol. 1: The Archaic and Classical Ages; Vol. 2: The Hellenistic Age and the Roman Imperial Period. With the collaboration of Fausto Montana. Transl. from the Italian Original by R. Barritt Costa and Orla Mulholland. Berlin / Boston (de Gruyter) 2022. XXIX & 1174 S., € 290,00 (ISBN 978-3-11-041992-4).

aus: FORUM CLASSICUM 66 (2023), S. 160-163.

Das zweibändige Werk, ursprünglich erschienen Roma 1998 (Laterza), in zweiter, erweiterter Auflage 2017 (Edizioni di Storia e Letteratura) umfasst in einer überaus gehaltvollen und auf das Klarste durchstrukturierten Darstellung die Geschichte der griechischen Literatur in ihren Gattungen, Autoren und Erscheinungsformen von Homer bis Synesios von Kyrene. Biographien und Werke werden ebenso wie deren Sitz im literarischen und gesellschaftlichen Leben nach allen Seiten in ihre Epochen eingebettet und errichten ein minutiöses Gesamtbild der griechischen Antike von der Mykenischen Zeit, den Hellenic Middle Ages und der Dorischen Wanderung (‚Rückkehr der Herakliden‘) bis in die römisch dominierte Spätantike.

Die – ausweislich eines 27seitigen Inhaltsverzeichnisses auf ein Maximum an Detail angelegte – Gliederung folgt in kleinsten Schritten der ‚klassischen‘ Ordnung (welche hier bestenfalls summarisch angedeutet werden kann): eine Introduction zeichnet die Perioden der griechischen Sprache und ihrer Phänomene (Dialekte, Koiné), Text- und Überlieferungsgeschichte nach. The Archaic Age teilt sich in Epik, Lyrische Dichtung, Philosophie und Historiographie sowie Fabel. The Classical Age führt die Vorsokratiker fort und über das frühe Drama (Alte Komödie und Aischylos) zur Sophistik und Sokrates sowie zum klassischen (demokratischen) Theater einerseits, zu Epos und Lyrik des 5. und 4. Jh. v. Chr. andererseits. Von der Medizin der Zeit zeugen die Hippokratische Schule, (nach den Logographen) für die Geschichtsschreibung Herodot als father (seit Cic. leg. I 5) und Thukydides als Begründer der politischen Monographie. Die klassische Rhetorik des 5. Jh. (Lysias), die nachthukydideischen Historiker (Xenophon), Redekunst (Isokrates, Demosthenes) und Nachsokratiker (Alte Akademie und Peripatos) des 4. Jh. leiten über zur folgenden Epoche des Hellenistic Age. Hier stehen zunächst die Neue Komödie (Menander) und Tragödie sowie die Alexandrinische und Pergamenische Philologie, Textkritik und Grammatik. Die Dichtung des Hellenismus repräsentieren als Leuchtturm Kallimachos, daneben Apollonios von Rhodos (Epos), Theokrit (Bukolik) und Herondas (Mimiambus), den philosophischen Sektor bestimmen die Schulen der Skepsis (Akademie), Epikurs und die Frühe wie Mittlere Stoa. Es folgen Wissenschaft (Mathematik und Mechanik, Astronomie und Medizin), Rhetorik (Asianismus vs. Attizismus) und Historiographie (Alexander-Historiker, Polybios, Diodorus Siculus) sowie die jüdisch-alexandrinische Literatur (LXX). In The Roman Imperial Period faltet sich die griechische Literatur – auch in Richtung Fachschriftstellerei – weiter auf: Rede- und Stilkritik, professionell nunmehr in Rom, werden vertreten durch Dionys von Halikarnass, den Autor von Perì Hýpsous, Demetrios und Hermogenes von Tarsos, Geschichtsschreibung (nochmals Dionys sowie Cassius Dio oder dann im Übergang zum MA Prokop von Caesarea) und Geographie (Strabon, Cl. Ptolemaios) um die Peri(h)egetik (‚Reiseführer‘ – Pausanias) ergänzt; ein Solitär bleibt Plutarch aus dem boiotischen Chaironeía. Zugleich treten im 1. Jh. und im Umfeld der NTlichen Schriften jüdisch-christliche Autoren (Philo von Alexandria, Flavius Iosephus) auf, während die philosophisch-wissenschaftliche Literatur die Schulentwicklung aus dem Hellenismus fortführt (Plotin und der Neuplatonismus auf der einen, Galen oder Artemidor von Daldis auf der anderen Seite). Die Zweite Sophistik (im Geiste des Attizismus) verbindet einmal mehr Beredsamkeit und Philosophie (Dion von Prusa ‚Chrysostomos‘, Aelian aus dem latinischen Praeneste), und mit Lukian von Samosata erfolgt der Übergang zur narrativ-fabulierenden Novellistik des griechischen Romans (Longos, Heliodor oder die aisopischen Mythiamben des Babrios). Die kaiserzeitlichen Kompendien, alle Bereiche der kommenden Artes liberales betreffend, reichen von den Grammatikern Apollonios Dyskolos und Aelius Herodian (2. Jh.) bis zum Florilegium des Johannes Stobaios im 5. Jh. Ein nochmaliges Wiederaufblühen erlebt die Rhetorik in der ‚Späten Sophistik‘ des 4. Jh., attizistisch orientiert an den klassischen Vorbildern wie Demosthenes und bereits eingegliedert in die Auseinandersetzung zwischen Heiden- und Christentum nach der Konstantinischen Wende (Libanios von Antiochia). Einen Niedergang hingegen verzeichnet die Dichtung; im Bemühen, überlieferte Muster neu zu beleben, heben sich unter ihren Gattungen Epigramm und Epos hervor, letzteres insbesondere in Form des narrativen (Nonnos, Musaios) und Lehrgedichts, desgleichen orakelnde Hexameter der Sibyllen und spirituelle Hymnen aus dem Umfeld der Mysterienkulte (Orphiká). Zweigeteilt ist das letzte Kapitel über die griechisch-christliche Literatur – in die Phase vor Konstantin: Apostolische Väter, Apologeten, Märtyrerakten, Gnosis und Alexandriner (Clemens, Origenes) sowie in diejenige als Staatsreligion: Arianer, Eusebios von Caesarea, syrisch-palästinische und kappadokische Väter, Antiochener (Johannes Chrysostomos) und das Ende der Schule von Alexandria.

Die Epochenabschnitte im Großen beginnen mit einen historischen Überblick (The Period) und bestimmen die politischen Grundzüge der Zeit: so das Classical Age mit der Definition der namensstiftenden Idee sowie einer Beschreibung Griechenlands nach den Perserkriegen und in der ersten Hälfte des 5. Jh.; es folgen dort eine Behandlung des Perikleischen Zeitalters, des Peloponnesischen Krieges und griechischen Westens, sodann eine Darstellung der Hegemonie Spartas in der ersten und des Zugriffs Makedoniens auf Gesamtgriechenland in der zweiten Hälfte des 4. Jh., bis – wie stets – mit einer Vue d‘ensemble über die literarischen Gattungen der Schritt zum ‚eigentlichen‘ Thema geleistet wird.

Die entsprechenden Kapitel leiten methodisch zunächst in das jeweilige Génos bzw. die maßgebende geistige Strömung ein und verankern diese sodann in ihrem sozialen Umfeld. Es folgen – in zeitlicher Ordnung – die einzelnen Autoren, Leben und Werk(e), ggfs. verbunden mit Bemerkungen zur Textüberlieferung, schriftstellerische Merkmale (regelmäßig wiederkehrende Kapitel zu Komposition und Gehalt, überall zu Language and style; wo neu, auch zur Metrik), Rezeptionsgeschichte. Bei größeren Zusammenhängen, beispielsweise Hellenistische Dichtung (= Kap. IV der betreffenden Epoche), werden strukturähnliche Untergliederungen vorgenommen, hier: (2 ff.) Elegie und Epigramm – Kallimachos – Lehrdichtung – Epos – Bukolik – Tradition und Neuerung – Mimus, und innerhalb deren wiederum ein vergleichbarer Aufbau. Die engmaschige Führung in allen Abschnitten, gestützt durch Kopfzeilen: links Kapitel (Archaic Greek Epic), rechts Untergliederung (Epic cycles and post-Homeric epic), sorgt in der fortlaufenden Lektüre für kontinuierliche Orientierung; der Verzicht auf jegliche Fußnoten bzw. Anmerkungsapparat sowie eine klare und jederzeit wohlverständliche Sprachgestalt geben das Ihre hinzu.

Auch die Werkbeschreibungen im Einzelnen fügen die opera wiederum in ihren historisch-politischen Kontext (Paradebeispiel: Aristophanes) ein. Forschungsprobleme erfahren angemessene Diskussion: die Homerische Frage – Autorschaft und Genese aus der Oral poetry (Homer und die Homeriden von Chios), Weitergabe (Rhapsoden) und verbindliche Sammlung (Peisistratiden) der Gesänge wird (S. 108-126) von den antiken Quellen an (literarischen Zeugnissen; dazu Kommentaren und Scholien, insbesondere der Alexandriner) in allen wesentlichen Stationen der Debatte über Humanismus und Renaissance bis in die Philologie der Moderne (vom Unitarismus Aristarchs von Samothrake [→ S. 779 vs. Chōrizóntes] zum Analytical criticism des Abbé d‘ Aubignac) und Gegenwart bündig zusammengefasst. Die Theognideische stellt (S. 204 f.) die Frage nach Herkunft und Zusammensetzung des – im Vergleich zur Überlieferung anderer frühgriechischer Lyriker (von Pindar einmal abgesehen) – umfangreichen Corpus an (politischen – moralischen – Liebes-) Elegien aus unterschiedlichen Zeiten und dichterischen Anlässen, die Herodoteische (unitary vs. evolutionary criticism, S. 563-566) wie die Thukydideische (S. 580-583) – besonders im 20. Jh. – nach Einheit oder Komposition des Werks und Kontinuität seines Geschichtsbildes. Die Figur des historischen (→ Aristoph. Wolken) wie des literarischen (Platon, Xenophon) Sokrates hat von jeher Fragen aufgeworfen; M. sichtet (S. 418-421) akribisch und kritisch die Quellen zu Beiden – Parallelen zu Jesus von Nazareth in seiner Zeit und im Kontext der Schriften des Neuen Testaments und der jüdisch-christlichen Historiker (Josephus, Lukas; S. 1005, 1013 ff.) liegen auf der Hand. Der auf Aristophanes von Byzanz und Aristarch (s.o.) zurückgehende Kanon der Zehn Attischen Redner steht bei Dionys von Halikarnass (S. 946 f.) vor Augen, wird für Caecilius von Caleacte (Sizilien) reklamiert (S. 948) und unter (Ps.-?) Plutarch (S. 998) erwähnt. Man wünschte sich, bei aller Fragwürdigkeit solcher im Hellenismus einsetzenden Auswahlen, doch – nicht zuletzt aus dem Blickwinkel bereits antiker Literarkritik – an gegebener Stelle noch einige Bemerkungen zum Kanon der Neun Lyriker des Antipatros von Thessalonike (Anth. Pal. IX 184 und 571; Quint. X 1, 58-67, auch bei Dion. Halikarn. und Hermogenes), entweder bei den Dichtern selbst oder bei den alexandrinischen Gelehrten (→ S. 780). Nach Sappho (S. 223 ff.) behandelt M. (S. 280 f.) mit Corinna, Telesilla und Praxilla weitere Lyrikerinnen aus deren Kanon des gleichen Antipater (Anth. Pal. IX 26). Sorgsam entflicht er den Epischen Kyklos aus den Verästelungen seiner Einzelstränge und verweist auch auf gänzlich Verlorengegangenes (Herakléis, Theséis): die ‚homerischen‘, nicht-kyklisch angelegten Großepen setzen den trojanischen Sagenkreis inhaltlich voraus (S. 139), bleiben dichterisch aber eigenständig (Aristoteles, Poet. 1451 a 16-35); stofflich-genealogisch auf Theogonie und Titanomachie, Argonauticá und Thebanischen Kreis folgend, verdankt sich der Troianische in der uns vorliegenden Form mit Kýprien, Aithíopis, Kleiner Ilias, Iliupérsis, Nóstoi und Telegonía maßgeblich der Chrestomathía des Proklos (2. Jh., S. 134). Bei Alldem finden sich nicht nur Literarisch-Philologisches im großen historischen Rahmen, sondern auch sprachgeschichtliche Gesichtspunkte durchgehend berücksichtigt, dazu Archäologisches, soweit für die literarische Entwicklung von Bedeutung (etwa Schliemann, Korfmann und Homer, S. 64-68). Mit Bd. 2 und dem Hellenismus wird die Rezeption zum regelmäßigen Gegenstand von M.s History.

Die ausführliche Behandlung endet dann vergleichsweise unvermittelt: der Übergang zur byzantinischen Ära des Oströmischen Reiches und damit in die griechische Sprache und Literatur des MA bleibt mithin einem kommenden Band dieser verdienstvollen Gesamtschau vorbehalten. Ein Literaturverzeichnis als solches – im Allgemeinen wie zu Einzelnem – fehlt. Am Ende des (in durchlaufender Paginierung gehaltenen) zweiten Teiles stehen eine von E. Squeri gefertigte und alphabetische geordnete Bibliography of Translations (unter denen die Loeb Classical Library [Cambridge MA] klar dominiert) sowie ein Index antiker bis moderner Autoren, nicht allerdings ein Sach- oder etwa geographisches Register – möglicherweise wegen des äußerst genauen Inhaltsaufrisses als entbehrlich angesehen. Die Intention dieses bei allem Umfang doch kompakten und übersichtlichen Werkes von F.M. ist eindeutig die Darstellung, nicht die sekundärliterarische Aufarbeitung oder Dokumentation eines Forschungsstandes; gleichwohl gehört es gerade darum als Alles bis ins Detail überspannende Leseausgabe in die Hand eines/r Jeden innerhalb wie außerhalb von Schule oder Universität an der griechischen Literatur Interessierten.

Michael P. Schmude, Lahnstein