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Zu-R-Nickel-Xenophon-Thukydides

Zu-R-Nickel-Xenophon-Thukydides

Rainer Nickel: Der verbannte Stratege – Xenophon und der Tod des Thukydides, Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Philipp von Zabern) Darmstadt 2014. 144 S., € 29,95 (ISBN 978-3-8053-4755-6).

Thukydides – als Scriptor rerum Begründer der historischen Monographie, in diesem Falle über den Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) zwischen den Hauptmächten des perikleischen Zeitalters samt ihrer verschiedenen und wechselnden Verbündeten, als Auctor rerum (Sall. Cat. 3, 1 f.) Athener Stratege ebenda bis zu seiner Verbannung im Winter 424/23 nach dem Verlust von Amphipolis im Westen Thrakiens an Sparta (IV 104-06). Und Xenophon von Athen übernimmt in seinen Hellenika den Stab, wo Thukydides abbricht – im Sommer des Jahres 411 nach der Seeschlacht bei Kynossema (‚Hundsgrab‘), einem Vorgebirge am Hellespont.

Nickels (N.) Darstellung kombiniert überliefertes Quellenmaterial – neben den genannten besonders Xenophons „Kriegstagebuch“ Anabasis – mit literarischer Fiktion und rekonstruiert aus historisch Gesichertem und authentisch Plausiblem eine zusammenhängende Erzählung vom Friedensvertrag des Jahres 404 bis zum erfolgreichen Ende des ‚Zugs der Zehntausend‘ an die Schwarzmeerküste 400. Dieses Verfahren stellt N. in die bereits antike, aber auch moderne  (Chr. Meier) historiographische Tradition (S. 7; vgl. Thuk. I 22, 1), und man ist sogleich an zeitgenössische Formen medialer Aufbereitung von historischen Stoffen („History-Doku“) samt ihrem ‚Dreieck‘ aus objektiver Darstellung, Fiktionalität und didaktischer Intention erinnert. Zentrales Thema ist der Tod des Thukydides, für den es belastbare Belege keine, Theorien seit dem Altertum in ganz unterschiedliche Richtungen gibt, was Todesort (Pausanias: Athen, Plutarch: Thrakien) wie -umstände (gewaltsam, Unfall) angeht (S. 19 f.): Didymos (Chalkenteros, 1. Jh. v. Chr.) geht davon aus, daß der aus dem thrakischen Exil nach Athen zurück Berufene in den Wirren der ‚Dreißig‘ erschlagen wurde, und Xenophon (= N.) verwahrt sich, damit Etwas zu tun gehabt zu haben – was ihm L. Canfora (Die verlorene Geschichte des Thukydides) 1990 (orig. Storie di oligarchi 1983) zu unterstellen scheint (S. 68-70; 94) und daraus ein thukydideisch-xenophontisches Geschichts-Triptychon ‚kreieren‘ wird (S. 76-88).

Jedenfalls trifft der eine Generation Jüngere den prominenten Ex-Exilanten auf dem Landgut seines Vaters, freundet sich mit ihm an und erhält Dokumente; danach verliert sich dessen Spur (S. 8). Wenige Jahre später wird Xenophon von seinem Gastfreund Proxenos auf eine ‚Reise‘ zu dem persischen Satrapen Kyros d. J. eingeladen, und der künftige Kriegsberichterstatter könnte (= N.) bei diesem Abenteuer die Spurensuche nach dem Verschollenen im Auge gehabt haben. Diese bleibt letztlich ebenso erfolglos wie zuvor schon seine erklärten Bemühungen, Thukydides vor dem Terror der Dreißig zu schützen, als Kompensation für seine zeitweilige Zusammenarbeit mit ihnen – „fiktiv … nachvollziehbar, aber nicht durch Quellen belegt“, es kann so gewesen sein: „kontrollierte Fantasie“ (S. 7 f.) in der Ich-Erzählung Xenophons, die mit Überliefertem ebenso wie mit literarischen Motiven (Witwe von Ephesos S. 88 f., Kroisos und Kyros d. Gr. 71, 90) verknüpft eine durchgehend lebensnahe und anschauliche Darstellung der Abläufe, aber auch von historischen (Alkibiades S. 23 f., Klearchos 111 f.) wie literarischen (Philoktet S. 44 f., Marsyas 97) Persönlichkeiten ergibt.

Der Erzählreigen beginnt mit der Schleifung der Langen Mauern als Kriegsende, der Einsetzung der Dreißig unter Obhut des Admirals Lysander (und einer spartanischen Besatzung auf der Akropolis), ihren Willkürakten zur Wiederherstellung der „Verfassung der Väter“ sowie dem Konflikt der beiden Wortführer, des radikalen Kritias, Onkel Platons, und des gemäßigten, schließlich unterliegenden Theramenes (S. 11-17). Und hier kommt Xenophon ins Spiel; sein (überlieferter) Werdegang zwischen Athen und Sparta mündet in die Spekulationen um die Todesumstände des Thukydides, an welche und an seine Rolle für die Dreißig der junge Mann sich nun in eigener (= N.) Schilderung erinnert (S. 20 ff.): es ist Kritias, auf dessen Anweisung die Sache erledigt werden soll. Über Sokrates und ‚seine‘ Komödie, die Wolken des Aristophanes, setzen sich diese Ich-Gedanken fort, über die Motive des Kritias und die Gefahr, welche von Hintergrundmaterial und -wissen des Historikers für die Dreißig ausgehe, um zunächst einmal im (gesichert) gemeinsamen geistigen Hintergrund, der Sophistik in Athen zu münden (S. 28 f.). Es ist eine Geschichte in Fortsetzungen, die N. Xenophon über seine Annäherung an Thukydides bis zu ihrem persönlichen Zusammentreffen auf dem väterlichen Gut entwickeln läßt: nach Einlagen über den Parthenon-Fries (= N.) – mit Andeutungen über den Beginn seiner Vereinnahmung als Ephebe durch die Dreißig – und den Epitaphios des Perikles (= Th.) schildert der junge Kavallerist, wie er bei der befohlenen Verhaftung den Plan faßt (S. 34), den Schriftsteller (als Wiedergutmachung, s.o.) zum Verlassen Athens zu überreden, was er – nach einer gründlichen (realen) Beschreibung von Autor und Werk (im Kontrast insbes. zu Herodot) – in ihrer ersten (fiktiven) Begegnung in dessen Stadthaus insoweit erreicht, als Thukydides ungläubig zwar weder zu Kritias mitkommt noch nach Thrakien zurück flieht, aber sich auf das Landgut des ihm von früher bekannten Gryllos einladen läßt, nicht ohne auf sein wertvolles Schriftmaterial zu verweisen (S. 37-41).

Das bietet N. Gelegenheit, den Oikonomikos mit dem Lob des Landlebens in Aristophanes‘ Eirene zu verbinden, um Xenophon auf dieser Folie die Rolle des Vaters und seines Gutshofes in der Anfangsphase des Krieges nachzeichnen und sich selbstkritisch als mutmaßliches Werkzeug des intriganten Kritias gegenüber Thukydides in eine Linie mit Neoptolemos gegenüber dem sophokleischen Philoktet stellen zu lassen (S. 42-45). Auf dem Hof kommt es tatsächlich und doch auch gedacht zugleich zum zweiten-ersten Treffen des jüngeren Historikers mit seinem Vorgänger, die Umstände, die seinerzeit zur Verbannung des Strategen geführt hatten, werden besprochen (S. 48 f.), der Melier-Dialog (V 85-113) angekündigt (S. 50), und hier erhält Xenophon von Thukydides (= N.) den Auftrag, die Unterlagen aus seinem – später in Brand gesetzten (S. 65-67) – Stadthaus zu bergen (S. 61-63), die einen Teil von Canforas (s.o.) Hypothese stützen werden. Daß die ersten beiden Bücher der Hellenika in Stil wie Struktur ausgesprochen thukydideisch seien und möglicherweise auf dessen Material zurückgehen, läßt auch N. gelten (S. 51 f. und noch einmal 100).

Unterdessen ist Thukydides einem zweiten Brief des Kritias gefolgt (S. 52 f., 60, 63), und Xenophon bleibt hin- und hergerissen, ob es sich dabei um eine Schutzmaßnahme des Freundes handelt oder eine Fälschung der ‚Kleonisten‘, oder ob der Historiker, der zuviel weiß, in der immer chaotischeren Endphase der Dreißig beseitigt werden soll. Jedenfalls taucht sein Mentor nicht wieder auf, und Nachforschungen bis nach Thrakien (Amphipolis) ergeben nicht mehr als eine nebulöse Mordtheorie (S. 70). Eher beiläufig bringt Xenophon (= N.), der für sich und Philesia, Thukydides’ Tochter, selbst vom Orakel in Delphi keine Hilfe erwartet, die „Augen und Ohren“ des Großkönigs (Kyr. VIII 2, 10), die persische Geheimpolizei ins Spiel, leitet damit aber zu seinem nächsten großen Abenteuer über: er folgt dem Ruf seines boiotischen Gastfreundes Proxenos (An. II 6, 16-20) nach Sardes an den Hof des jüngeren Kyros (Diog. Laert. II 49 f.). Das Treffen mit seinem Lehrer Sokrates hierzu liefert N. den losen Aufhänger, die Kleinen Schriften Xenophons knapp zu charakterisieren (S. 78 f.), ebenso wie ein Gespräch mit persischen Forschungsreisenden auf der Überfahrt nach Ephesos, den „berühmten Herodot aus Halikarnassos“ vorzustellen (S. 83-85). Diese (= N.) kennen Thukydides und beruhigen Xenophon (S. 86 f.); von seiner Ernennung zum Schreiber durch Kyros (ein idealisierendes Porträt nach An. I 9 bei N., S. 92 f.) verspricht er sich Hilfe bei seinen weiteren Nachforschungen (S. 94).

Nach einem Stimmungsbild (=N.) vor dem Aufbruch von Sardes, insbesondere über die Zusammensetzung des Söldnerheeres aus den vormaligen Gegnern im Peloponnesischen Krieg (S. 95 f.), ist Xenophon mit der angeblichen Strafexpedition südöstlich durch Lydien über den Mäander nach Pisidien wieder ‚bei sich‘, also der Anabasis. In Kolossai komplettieren ein thessalisches Kontingent unter (dem aus Platon bekannten) Menon, im phrygischen Kelainai der aus Sparta verbannte Klearchos (Weitere An. I 1, 9-11 und 2, 9) die (mehr als) ‚Zehntausend‘, und hier gibt der Fluss Marsyas dem Forscher Gelegenheit, auf dessen aus Ovid (Met. VI 382-400 und Fast. VI 692-710) bekannten Namensgeber und seinen unglücklichen Wettstreit mit Apoll hinzuweisen. Unzufriedenheiten der Söldner über das offensichtlich vorgetäuschte Marschziel sowie ausbleibenden Sold finden eine Lösung (An. I 2, 12) im Auftritt der kilikischen Fürstengattin Epyaxa (S. 97 f.) – aber Thukydides rückt auf dem Weg ins Landesinnere immer weiter aus dem Blickfeld (S. 100) und kommt, eingebettet in Charakteristiken von Menon (An. II 6, 21-29 und N. mit Thuk. III 82 f.) und Klearchos (An. II 6, 6-15) sowie die Episode um den persischen Satrapen Orontas (S. 115 f.) oder zwischen der Darstellung des Söldneraufstands in Tarsos (S. 104-06) nach Durchsickern des tatsächlichen Marschziels (An. I 3, 1 f.) und der Übergabeverhandlungen nach Kunaxa (S. 117-19), nur noch punktuell ins Spiel, und das nurmehr zur erinnernden Bestätigung seiner Unauffindbarkeit, wie im Gespräch mit den Händlern aus Abdera (=N., S. 103 f.). „Nachrichten über Thukydides ?“ (S. 112-14) mit – von Xenophon kritisch abgewogenen – Lebenszeichen aus seinen Goldbergwerken in Thrakien oder Feuertod in seinem Athener Haus stellen in der aktuellen Situation schließlich (=N.) das Ende der Recherchen dar. Auf Xenophon warten andere Aufgaben (in denen er Thukydides dann doch noch auf seine Weise ‚findet‘ = N., S. 127): der weitere Fortgang der Anabasis ist bekannt, das Tagebuch liegt vor, und seine spätere (394 v. Chr.) Verbannung aus Athen wegen seiner spartanischen Bande – Koroneia – werden (=N.) eine Wiederaufnahme der Ermittlungen – dann vor Ort – verhindern (vgl. S. 130).

Ein hohes Maß an probabilitas erhält N.s Erzählung durch die konsequente Verzahnung ihrer fiktiven mit den nach Quellenlage abgesicherten Bauteilen: das Eine bedingt, setzt voraus, veranlaßt das Andere et vice versa; quellenmäßig gestützte Sachinformationen werden in die Erzählteile eingebaut (106; 120 f.: N.s Selbstlegitimation des künftigen Generals). Nicht selten wird der lineare Handlungsstrang durch Vorgriffe – wie etwa auf den Tod des Vaters Gryllos (S. 58 f.) bei der zweiten Vorladung des Thukydides – oder Rückblicke – wie auf den Betrug des Menon an Gryllos (S. 101) – aufgelockert, mitunter erläutern kleinere Wiederholungen (S. 97 m. Anm.191; S. 102 m. Anm. 204). Am Ende hat man sich von N. durch einen authentischen Geschehenszusammenhang samt agierenden Personals führen lassen, welcher die Lebenswege zweier nicht eben unbedeutender scriptores ebenso wie actores soweit als möglich miteinander verknüpft.

 

Michael P. Schmude, Boppard

 

aus: FORUM CLASSICUM 57 (2014), S. 171-174.

Zu-J-Fischer-Die-Perserkriege

Zu-J-Fischer-Die-Perserkriege

Josef Fischer: Die Perserkriege. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2013. 224 S. EUR 29,90 (ISBN 978-3-534-23973-3). –

Die Auseinandersetzungen zwischen der sich ausdehnenden vorderasiatischen Großmacht und dem Mutterland der griechischen Poleis, der Freiheitskampf der unabhängigen, demokratisch verfaßten Stadtstaaten im Westen gegen die übermächtige Achaimeniden-Despotie aus dem Osten ist bekanntlich das Hauptthema des Geschichtswerks Herodots und von daher Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Gesamt- wie Einzeldarstellungen. Mit seiner neuesten Monographie (nach „Griechische Frühgeschichte“, Darmstadt 2009) möchte Fischer (F.), Althistoriker und Mitarbeiter an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, dem interessierten Laien einen kompakten Überblick über Hintergründe, Ursachen und Fortgang der Ereignisse geben, welche als „Geburtsstunde Europas“ (in diese Richtung noch die neuere angelsächsische Forschung) möglicherweise überhöht sind, die Dimensionen einer regionalen Abwehr hybrider Expansionsgelüste aber wesentlich sprengen und zu Beginn des 5. Jh. v. Chr. eine Wegmarke in der weiteren historischen Entwicklung des Raumes bilden. Angestrebt ist zugleich mit der Einbettung in ihren kulturgeschichtlichen Kontext eine Einführung in das archaische Griechenland und die persische Kultur, nicht zuletzt um die Sicht auch auf die persische Seite von manchem Vorurteil zu befreien. Großes Gewicht wird dabei den griechisch-römischen Quellen selbst (literarischen wie epigraphischen, in Übersetzung) zugemessen (9). Den derzeitigen Stand der Diskussion bieten ein knapper, aber detaillierter Forschungsbericht (207-209) sowie eine umfangreichere Bibliographie (210-217); ein Personen- und ein geographisches Register beschließen den Band.

Nun stehen hinter dem Begriff „Perserkriege“ viel mehr als nur die gängigen Namen Marathon, Salamis und Plataea mit dem Zeitraum 490-478 v. Chr. – wir sprechen von einer Spanne, welche mit der Einverleibung der Griechenstädte an der Küste des kleinasiatischen Ionien im 6. Jh. v. Chr. beginnt und erst mit dem Alexanderzug und Gaugamela (331 v. Chr.) in umgekehrter Richtung ein Ende findet. Dazwischen liegen bereits griechische Aktivitäten gegen das Perserreich – F. nennt (8) den Attisch-Delischen Seebund im 5. Jh. und spartanische Expeditionen unter Agesilaos zu Beginn des 4. Jh. v. Chr. – sowie die (meist finanzielle) persische Einflußnahme auf die Dauerrivalität zwischen Athen und Sparta. F.s Schwerpunkt liegt auf der ersten Phase der Konflikte um die ionischen Griechen und die Feldzüge der Großkönige Dareios und Xerxes bis ins Jahr 478 v. Chr.

Den Historiker unterscheide vom Dichter eine gesicherte Quellenlage (13-35): neben den hier dominierenden und um 430-425 v. Chr. abgeschlossenen Historien des Herodot aus Halikarnassos kann das Geschichtswerk des Thukydides nur für die griechisch-persischen Beziehungen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges herangezogen werden (20). Weitere literarische Quellen (als Historiker neben u.a. Ephoros aus Kyme im 4. Jh. oder Diodorus Siculus im 1. Jh. v. Chr. der Sokratiker Xenophon von Athen sowie in seinen Vitae parallelae der kaiserzeitliche Platoniker Plutarch aus Chaironeia) hängen wesentlich von Herodot ab (bzw. setzen sich mit ihm auseinander); herauszuheben sind allerdings aus anderen Genres die Perser des Tragikers Aischylos (uraufgeführt 472 v. Chr.) über deren Niederlage nach Salamis (27-29) sowie die Preislieder und Epigramme des Simonides von Keos (556-468 v. Chr.) auf die Taten der Griechen (29 f.). Die AT-lichen Nachrichten insbes. um den Älteren Kyros (II.)und das Ende des Babylonischen Exils im Übergang von Chronik zu Esra sind aufgrund ihrer theologischen Ausrichtung von geringem Quellenwert (31).

Das Perserreich (38-60) wird von seinen medischen Anfängen (seit dem 9. Jh.) her und in seinen Auseinandersetzungen mit Assur (614 bzw. Ninive 612 v. Chr.) und Babylon (539 v. Chr.) als letztes der altorientalischen Großreiche behandelt. Recht breiten Raum erhält darin die Auseinandersetzung des Reichsgründers Kyros II. mit dem zunächst benachbarten, westkleinasiatischen Lydien unter Kroisos in der Darstellung von Herodots erstem Buch (40-45, einschließlich der Geschichte vom Ring des Gyges in ihren verschiedenen Versionen), doch ist damit auch der Grund gelegt für den Konflikt mit Hellas in Gestalt der Stadtstaaten Ioniens, die schon der Sohn des Alyattes unterworfen hatte (42, 68). Diese griechischen Auswanderer (61-80) waren in mykenischer Zeit und verstärkt seit dem 11. Jh. v. Chr. („Ionische Wanderung“) vorwiegend aus Messenien und Achaia als Kolonisten nach Kleinasien gekommen und gerieten jetzt unter persische Kontrolle. Eingehend würdigt F. die überragende kulturhistorische Bedeutung der kleinasiatischen Poleis als Begründer der frühgriechischen Dichtung (Epik, Lyrik), Philosophie und Wissenschaft (Ionische Naturspekulation – die Vorsokratik) seit Homer und Kallinos von Ephesos, Thales von Milet und Heraklit (75 ff.) – auch unter fremder Herrschaft.

Die Erhebung einiger dieser Stadtstaaten („Ionischer Aufstand“, 81-104) nimmt ihren Ausgang um 500 v. Chr. in Milet: Anlaß zunächst ein ionisch-persisches Flottenunterfangen zur Einnahme der Kykladeninsel Naxos (mit Zielrichtung bis Euboia), die durch Verrat sabotiert fehlschlägt; tiefere Ursache aber die politischen Spannungen der lokalen Aristokratie mit den von den Persern seit Dareios installierten und abhängigen „Vasallentyrannen“ einerseits, andererseits mit den achaimenidischen Satrapen (85 f.). Die Schlüsselfigur auf griechischer Seite, der Milesier Aristagoras, wendet sich schließlich zuerst – ohne Erfolg – an Sparta (unter Kleomenes), sodann an Athen (Überblick über die archaische Frühgeschichte beider 86-99); der Aufstand wird von einer persischen Flotte 494 v. Chr. vor Milet endgültig niedergeschlagen – die Athener hatten sich bereits nach der ersten Niederlage bei Ephesos (100) zurückgezogen – und die Tyranneis in Demokratien umgewandelt. Nach einer abgebrochenen Expedition des Feldherrn Mardonios über den Hellespont und gescheiterten Bemühungen des Großkönigs Dareios I., Athen (als Strafe für seine Unterstützung des ionischen Aufstandes) und Sparta auf diplomatischem Wege zur Unterwerfung zu bringen, beginnt 491 v. Chr. der erste persische Angriff auf Griechenland (105-126), welcher mit der Niederlage gegen die athenischen Hopliten (detailliert 113-120) unter Kallimachos und dem Jüngeren Miltiades in der Ebene von Marathon endet. Sein Sohn (und Enkel des Älteren Kyros) Xerxes rüstet zum zweiten Zug gegen Griechenland (127-136, detaillierte Zahlen 135), diesmal persönlich und mittels Brücken über den Hellespont (statt mit der Flotte) sowie erneut diplomatisch (144).

Die Zwischenkriegszeit (137-148) bringt Athen innenpolitisch den Ostrakismós und die Dominanz des Themistokles, welcher für den Ausbau der Flotte sowie des Piräus als Kriegshafen sorgt, außenpolitisch den Hellenenbund (146). Mit der Doppelschlacht (480 v. Chr.) an den Thermopylen und am Kap Artemision (Nordspitze Euboias) wird die persische Invasion Mittelgriechenlands Realität und Athen auf Antrag des Themistokles geräumt (149-164), was F. ebenso quellenbasiert (Herodot, Diodor) und in taktischen Details beschreibt wie die folgende Seeschlacht bei Salamis (165-182) und das Ende der persischen Invasion mit der zweifachen Niederlage (479 v. Chr.) von Plataea in Böotien und auf der ionischen Halbinsel Mykale (183 ff.). Der abschließende Sieg des neugegründeten Delisch-Attischen Seebundes am pamphylischen Fluß Eurymedon unter Kimon, dem Sohn des Miltiades, gehört bereits zum „Ausblick“ (198 f.), und mit Zweifeln an „welthistorischen Perspektiven ?“ (200-205) greift F. die oben angedeuteten Einordnungen der Geschehnisse – geistige Freiheit versus theokratische Autorität (Hermann Bengtson) – zu Recht in kritischer Gelassenheit (so auch Christian Meier) auf.

Die in diese elf Kapitel gegliederte Darstellung wird durch nützliche und gut zu überblickende Karten des griechisch-persischen Großraums (10 f.; 36 f.) ebenso wie von Einzelereignissen (84 zum Ionischen Aufstand; 110 zu Marathon; 159 zur Schlacht bei Kap Artemision; 167 zu Salamis) gestützt. Porträtbüsten von Handelnden (112 Miltiades; 148 Themistokles) wie von Darstellenden (15 Herodot; 27 Aischylos), Inschriften (32 Verwaltungstäfelchen; 46 Kyroszylinder; 138 Aristeides-Ostraka), Münzen (55 Dareikos), Reliefs (51 Siegesrelief Dareios‘ I; 150 persische Garde), archäologische Zeugnisse (Gräber 49 Kyros‘ d. Gr. und 128 Dareios‘ I; 121 Grabhügel von Marathon), Keramik (44 Kroisos auf dem Scheiterhaufen; 192 und 198 Überlegenheit der Griechen) und Rekonstruktionsmodelle (143 attische Triere) dienen der Veranschaulichung, durchgängig breit gestreute, ausführliche Quellenzitate (etwa von der Thermopylenschlacht bis zur Evakuierung Athens) der Absicherung des Geschilderten.

Die Betrachtung verfolgt unterschiedliche Richtungen und bietet doch auch im Einzelnen alles Wesentliche; Grundbegriffe werden differenziert und geklärt (62 Ionien; 66 f. Polis – Tyrannos). Das Ergebnis ist eine runde und gut lesbare, bei aller Vielfalt der (von griechischer wie persischer Seite) herangezogenen Quellen und der Vielschichtigkeit der politischen Gesamtthematik übersichtlich strukturierte, einführende Gesamtdarstellung des gewählten Abschnittes aus dieser – nach den homerischen Dichtungen – ersten großen historischen Auseinandersetzung zwischen West und Ost.

                                                                  Michael P. Schmude, Boppard

 

aus: FORUM CLASSICUM 56 (2013), S. 161-163 .

Zu-H-Baykal-Der-erste-Reporter-Herodot

Zu-H-Baykal-Der-erste-Reporter-Herodot

Hakan Baykal: Der erste Reporter – Herodots Berichte aus aller Welt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Primus-Verl.) Darmstadt 2013. 159 S., € 19,90 (ISBN 978-3-86312-040-5).

Um es vorauszuschicken – Hakan Baykal (B.) legt nicht die (wievielte ?) durchgängige wissenschaftliche Monographie über den pater historiae (Cicero) vor, sondern eine geistreich-unterhaltsame wie angenehm lesbare Sammlung journalistischer Essays zu seinem Landsmann und ihm Seelenverwandten, deren Leichtigkeit der Darstellung die Selbstverständlichkeit der gleichsam beiläufig mitgegebenen Einzelinformationen wohl nicht ohne Absicht entspricht.

So zeigt die Einführung in Zeit und Werk (S. 7-14) Herodot als Erzähler von Geschichte wie Fabulierer von Geschichten, als Ethnologen und Geographen, als Biologen und Klimaforscher – als Enzyklopädisten der zu seiner Zeit bekannten Welt und ihrer Phänomene, und immer wieder: ihrer Menschen. Der ‚rote Faden‘, von welchem er ebenso oft ins Anekdotische und Legendenhafte abschweift wie er zu den historischen Fakten zurückkehrt, sind die Auseinandersetzungen zwischen Griechen und dem Perserreich, im Besonderen die Kriege zwischen 490 und 479 v. Chr.

Es ist ein Füllhorn kleiner Einzelbilder, die B. aus ihrer Abfolge im Geschichtswerk seines Kollegen löst und in fünf Themenkreisen – durch Querverweise teils (S. 125, 128, 142, 147) aufeinander bezogen – neu zusammenfaßt, die aber den o.g., weitergehenden Fachgebieten Herodots durchaus angemessen sind: Von Göttern und Menschen (S. 15-48) – Von Völkern und Ländern (S. 49-76) – Von Forschern und Entdeckern (S 77-104) – Vom Feiern und Trauern (S. 105-130) – Von Fürsten und Dienern (S. 131-153). Ein kurzes Verzeichnis allgemeinerer Literatur sozusagen um den Autor herum (S. 159) rundet die bunte Anthologie ab, Textgrundlage ist die Kröner-Übersetzung der Historien von A. Horneffer (Stuttgart 41971). So hören wir von der tranceseligen Reise des Aristeas aus Prokonnesos, Apollons Schamanen (S. 16-21), von der Küste des Marmarameeres ins Innere Asiens, auf der Route einer Seidenstraße, die es (im 7. Jh. v. Chr.) noch lange nicht gab und nahezu 2000 Jahre vor Marco Polo – in der Erzählung des antiken Reporters wie der Machbarkeitsprüfung des modernen, welcher sich hierfür auch auf Fachautoritäten stützt. Geschlechtliche Verbindungen von Mensch und Tier sind auch dem griechischen Mythos nicht fremd, man denke an die kretische Königin Pasiphae und den Minotaurus oder die Spartanerin Leda und ihren Schwan, aber Herodot siedelt seinen ersten Skandal im Rahmen des ägyptischen Logos im östlichen Nildelta an – die Anekdote um den Bock von Mendes (S. 28-33), während eines Aufenthaltes des Autors ebenda und zuvor bereits von Pindar bestätigt, wird aus ägyptologischer und religiöser, aus sexologischer und moderner juristischer Perspektive gedeutet – als Urthema der Menschheit wie auch der Kavallerie des Alten Fritz. Die Beschneidung – nicht Verstümmelung – , von Herodot bei den Ägyptern merklich distanziert beobachtet und mit Hygiene begründet, bei manchen Völkern Aufnahmeritual in die Kriegerklasse, im AT von Jahwe Im Zeichen des Bundes (S. 34-37) als Gesetz schon Abraham aufgegeben, zeigt sich – nicht ohne Schalk beschrieben – über die Verehrung des sanctum praeputium des beschnittenen Messias (Lk) bis in die Neuzeit hinein für B. noch in der tagesaktuellen Diskussion als „gleichsam konstituierendes Element des jüdisch-christlichen Abendlandes“ (S. 35). Rituelle Tötungen, die Herodot den Persern attestiert (S. 38-43 → AT, germanisch-nordische oder mittelamerikanische Praktiken), Tempelprostitution bei den Babyloniern, die er – auch mit einer Prise Süffisanz („Altherrenwitz“) – ausweidet (S. 44-48 → Devadasi in Indien), erweist B. als zeitenübergreifende multikulturelle Phänomene und findet einmal mehr – journalistisch recherchiert – für Beides Beispiele auch im Heute.

Sitten und Bräuche des ägyptischen Pharaonenreiches beschreibt der Ethnograph mittels ihrer völligen Gegensätzlichkeit zu den eigenen, hellenischen Verhältnissen – „Symmetrie im Gegensätzlichen“ als Erzählprinzip (R. Bichler, S. 51), Eigentümliches bis Skurriles, eine Verkehrte Welt (mundus inversus, S. 50-54), die er Mitte des 5. Jh. v. Chr. in Augenschein nimmt, über deren kulturelle Leistungen er seine Leserschaft aber mit Bewunderung und Faszination staunen läßt. Überhaupt ist der antike wie moderne Reporter zum Einen Publizist und Vortragender, welcher sein Publikum finden und unterhalten will, zum Anderen Wissenschaftler und Intellektueller, welcher mit der Darstellung fremdartiger Zustände auch Stellung bezieht zu denen der eigenen Gesellschaft. Und jene findet Herodot bei den barbarischen Völkern am Rande der Oikumene (S. 55-59), das Ideal des ‚edlen Wilden‘ (Aithiopen) ebenso wie eine Rohheit, die sich – abgestuft – vor Allem in Formen von Kannibalismus und sexueller Promiskuität zeige – und für die eigene „Performance“ (B. S. 58) ein dankbares Sujet hergab. Das bedrohliche Eintreten der skythischen Reiternomaden ins Blickfeld der Griechen als Folge einer eurasischen Völkerwanderung im Nordosten, die Diskussion um die kleinasiatische Herkunft der Etrusker im Westen (Herodot – Dionysios von Halikarnaß – Theopomp, S. 60-64), Herodots Unglaube an die Hyperboreer, des Pytheas von Massilia Bericht über Thule im Nordwesten, Platons Atlantis weit westlich der Säulen des Herakles, schließlich die Berührungen Europas mit dem El Dorado im Osten, dem indischen Subkontinent (S. 71-76) umreißen den geographischen Horizont unserer beiden Reporter. B. zeichnet dabei auch das Wiederauftauchen der legendären Inseltrias im Übergang von Renaissance zu Aufklärung nach – mitsamt der kruden Ableitung Nietzsches zu Beginn seines Antichrist und ihrer widerwärtigen Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Ariosophie (S. 65-70). Die Landnahme(n) Indiens durch Alexander d. Gr. und römische Händler, über den 2. Kreuzzug (1147-49) und Vasco da Gamas Entdeckung des Seewegs dorthin (1498) bis zum Ende der britischen Kolonialherrschaft 1947 haben den antiken Reporter dann aber bereits weit hinter sich gelassen.

Für den modernen (S. 78-82) sind die Phönizier die ersten und besten unter den Entdeckern zur See: die Expedition im Auftrag des ägyptischen Pharao Necho II (610-594 v. Chr.), nachdem der Durchstich von Rotem ins Mittelmeer gescheitert war und ins 19. Jh. verlegt werden mußte, umschifft laut Herodot Libyen = Afrika Auf großer Fahrt von Osten her, ihre Nachfahren, Punier unter Hanno von Karthago, werden in der Gegenrichtung die Säulen des Herakles hindurch zunächst an Westafrika entlang fahren und immerhin den Golf von Guinea erreichen; auf ihren Landexpeditionen begründen sie Siedlungen und entdecken wilde Völker – Gorillas. Erst Ende 1487 wird mit dem Portugiesen Bartolomëu Diaz wieder ein Seefahrer das Kap der Guten Hoffnung umrunden … An den Quellen des Segens (S. 83-87) spürt die Ursprünge des sagenumwobenen Nil im Gebirge des heutigen Burundi und Ruanda auf – Herodot kommt nur bis zur Insel Elephantine beim ersten Katarakt (und dem modernen Assuan). Die nach Herodot von Pharao Psammetich I im 7. Jh. durch ein Experiment mit Neugeborenen angestoßene und bis heute letztlich erfolglose Suche nach der Ursprache (S. 88-93), die Erfindung der Eisenverhüttung (S. 94-98) im hethitischen Großreich – Herodot führt das Löten von Eisen auf einen Glaukos von Chios (unter dem Lyderkönig Alyattes im 6. Jh. v. Chr.) zurück – , Kryptographie und geheime Botschaften (S. 99-104), ausgehend von Herodots Episode um Histiaios und Aristagoras von Milet als Anstifter des Ionischen Aufstandes und von B. bis ins 20. Jh. weitergeführt, beschließen diesen Reigen von dem Forschergeist antiker wie moderner Zeiten gewidmeten Artikeln, für welche das einleitende Zitat aus den Historien durchweg ‚nur‘ als Ausgangspunkt dient.

Bewußtseinsverändernde Rauschmittel werden von Herodot (Skythen) wie von modernen Konsumenten der Exotik des Nahen und Fernen Orients zugeschrieben, aber B. (S. 106-110) legt ihre lange abendländische Tradition wieder frei. Die bekannte (und sprichwortgebende) Geschichte von der Vertanzten Hochzeit (S. 111-115) am Hofe des Kleisthenes von Sikyon zu Beginn des 6. Jh. v. Chr. gibt B. Gelegenheit zu einer kleinen Kult- und Kulturgeschichte des Tanzes. Und er bleibt weiter im privat-persönlichen Bereich: seinem antiken Kollegen attestiert er eine fast besessene Neugier an zwei gesellschaftlichen Urphänomenen – der Sexualität und dem Umgang mit Tod und Toten, die diesem auch als Gradmesser des Zivilisationsstandes der beschriebenen Völker – sei es der nomadischen Massageten nördlich des Kaspischen Meeres, sei es der bewunderten Ägypter vergleichsweise ‚vor der Haustür‘ – dienen, und speist einmal mehr auch hier Beispiele aus unserer Gegenwart mit ein (S. 116-125). Herausgehoben die Bestattungsriten der Skythen (S. 126-130), Vorboten der ‚Gefahr aus dem Osten‘ kommender Jahrhunderte (Hunnen, Mongolen, Türken), und auch hier wird der detaillierte Autopsie-Bericht (IV 81) des Reporters durch die von B. zitierte moderne Wissenschaft bestätigt – es sind merklich die ethnographischen Partien aus Herodots Geschichtswerk, denen B. mit Vorliebe die Blüten für seinen Kranz entnimmt.

Stärker historisch ausgerichtet der letzte; nur lose an Herodot anknüpfend (S. 132-137) über Formen antiker (namentlich römischer) wie moderner Sklaverei: der sagenhafte Prunk des persischen schahan schah, Organisation und Infrastruktur des Achaimenidenreiches, militärische Rüstung – Hybris am Beginn der Niederlage, bei Kroisos, Xerxes und Reza Pahlevi (S. 138-143). Das wahnsinnige Wüten des Jüngeren Kambyses unter den Einwohnern des ägyptischen Memphis wie in seiner eigenen Familie, nicht – wie Herodot erklärt – aufgrund von Epilepsie (S. 144-147), der aussichtslose Kampf der 300 (tatsächlich etwa 1000) bei den Thermopylen 480 v. Chr., nicht kriegsentscheidend, aber mythenbildend (S. 148-152), zuletzt die Begründung des Kulturkampfes zwischen hellenischem (demokratischem) Okzident und dem (despotischen) Orient der Barbarenvölker (S. 153-157) in den Frauenraub-Sagen durch unseren Reporter aus Halikarnaß sowie seine fragwürdige Stilisierung zum Ost-West-Konflikt in Generationen nach einem Aischylos (Perser) oder Herodot runden die Sammlung ab.

Ein Buch, das man – einmal mit der Lektüre begonnen – nicht ohne Weiteres wieder zur Seite legt: unangestrengt kenntnisreich, auf unterhaltsame Weise historisch, geographisch, ethnologisch informativ, durchgängig auch im Rückgriff auf die fachwissenschaftliche Diskussion – feuilletonistische Essays im besten Sinne, mitunter den Leser direkt ansprechend (S. 75, 104, 120) oder sympathisch Anteil nehmend (S. 41, 70, 121). Eine Werbung für einen antiken Autor, gerichtet zumal an Diejenigen, welche ihn – wie B. (S. 8 f.) – nicht in Schule oder Universität kennenlernen konnten oder wollten.

Michael P. Schmude, Lahnstein

 

aus: FORUM CLASSICUM 57 (2014), S. 78-80.

Zu-E-Stein-Hölkeskamp-Das-archaische-Griechenland

Zu-E-Stein-Hölkeskamp-Das-archaische-Griechenland

Elke Stein-Hölkeskamp: Das archaische Griechenland – Die Stadt und das Meer, München (Beck) 2015 [C.H. Beck Geschichte der Antike]. 302 S., € 16,95 (ISBN 978-3-406-67378-8).

Der anzuzeigende Band bildet den Auftakt einer sechsteiligen Reihe des Beck-Verlages zur antiken Geschichte, welche den Bogen vom archaischen über das klassische Griechenland sowie den Hellenismus zur römischen Republik und Kaiserzeit bis in die Spätantike spannt. In acht Kapiteln entwickelt Stein-Hölkeskamp (StH.) hierin die Geschichte des vorklassischen Griechenland zwischen dem 12. und 6. Jh. v. Chr. und erweitert damit den konventionellen Epochenansatz um das Ende der mykenischen Zeit bis über die ‚Dunklen Jahrhunderte‘ hinweg. Die Vorstellung von einer Primitivisierung nach dem Niedergang der Paläste und einer Renaissance im 8. Jh. wird im Lichte anwachsenden archäologischen Materials aus der nichtliterarischen Zwischenzeit ebenso aufgegeben wie die Annahme eines linearen und überall parallel laufenden Prozesses, der bruchlos und im Sinne einer Kausalkette notwendig von den homerischen Helden über Solon zu Sokrates, von Adelsherrschaft und Tyrannis zur attischen Demokratie, von der Archaik als Vorgeschichte zur Klassik als Höhepunkt und Abschluß führte; vielmehr zeigen sich in regional versetzten Phasen Kulturkontinuitäten wie -brüche, geht der Weg vom Fürstenpalast Homers zur Polis, vom ansässigen Bauern zum Kolonisten und Bürger in einem Nebeneinander von Handlungssequenzen, welche vormals in kontinuierlicher Abfolge gesehen wurden (S. 12-14).

Die einzelnen Kapitel fügen sich einer gemeinsamen Ordnung: nach einer einleitenden Passage, welche durchweg die frühe griechische Dichtung, aber auch Philosophie oder Herodot sprechen läßt, wird der systematische, Groß-Hellas zusammenschauende Hauptteil der Darstellung durch Fallstudien unterlegt, die am Beispiel der Mikrogeschichte einzelner Poleis Entwicklungen diachron nachzeichnen und – über die bestbezeugten Athen und Sparta hinaus – den geographischen Rahmen auf das ‚andere Griechenland‘ hin weiter abstecken, abgeschlossen wiederum durch ein Fazit, welches die Eingangs- bzw. Grundüberlegungen unterstreicht und dabei Ergebnisse der Fallstudien mit einbindet. Überdies werden die auf die Kapitel verteilten gesellschaftlichen Gruppen in den Fallstudien zusammengeführt, in deren Rahmen sie wiederum als kooperierende oder konkurrierende dramatis personae den Werdegang ihres Gemeinwesens auf je eigene Weise gestalten. Die ersten beiden Abschnitte nehmen einen gemeinsamen Bezugspunkt und beleuchten ihn aus unterschiedlicher Quellensituation und zeitlicher Perspektive: die Palastanlagen, für welche namengebend diejenige des festländischen Mykene wurde, erlebten ihre Blütezeit im 14./13. Jh. und standen ihrerseits unter dem Einfluß der jüngeren minoischen Zivilisation auf Kreta (17.-15. Jh.). Neben den architektonischen Zeugnissen etwa von Pylos und Tiryns auf der Peloponnes, Theben in Boiotien, Jolkos in Thessalien sowie zahlreicher ‚mykenischer‘ Siedlungen außerhalb dieser Zentren (und von unterschiedlicher Ausdehnung) geben insbesondere die Tontäfelchen des Linear-B Einblick in die hierarchische Struktur dieser den vorderasiatischen Stadtmonarchien ihrer Zeit verwandten, dazu untereinander wie ‚international‘ bestens vernetzten Gesellschaften, ihren sozialen Aufbau, ihr Wirtschafts- und Abgabensystem, ihr Gefolgschaftswesen (S. 25 f.). Mit dem Untergang der zentralistischen Hochkultur wurde eine Schrift offenbar entbehrlich, die Paläste verfielen unwiederbringlich, die Herrscherfiguren erhielten ihren Platz im Mythos. Gleichwohl ist eine submykenische Tradition und gar postpalatiale Blüte lokal wie politisch begrenzter, aber weiterhin auch überregional agierender Fürstentümer bis Mitte des 11. Jh. durch Keramikfunde und Grabbeigaben belegt. Erst ab etwa 1075 kann man aufgrund des Fehlens materieller wie schriftlicher Zeugnisse tatsächlich von ‚Dunklen Jahrhunderten‘ sprechen (S. 37), durch welche hindurch wiederum und entgegen einem kontinuierlichen kulturellen Fortschrittsprozess auf der Ebene der Grundstrukturen bescheidenere autonome Einheiten überdauerten und zum Fundament des gemeinsamen Polissystems werden konnten.

Die ‚Welten des Homer‘ auf der anderen Seite sind durch Alphabet und Schriftlichkeit geprägt, die Palastzeit Geschichte, ihre epische Darstellung in den spätmykenischen Lebensverhältnissen bereits durchzogen von den gesellschaftlichen Umbrüchen des 8. Jh.: Gegenstand indes sind noch die Machthaber der früheren Epoche in ihrem Ringen untereinander, gesehen mit den Augen einer neuen Zeit und ihres Aufbruchs. Im Vordergrund steht hierbei die Frage, ob und in welchem Maße diese literarisierten Textzeugen einer mündlichen Erzähltradition Aussage- und Quellenwert für die zeitgenössischen Gesellschaftsstrukturen haben, zu deren Legitimation sowohl eine Vergangenheit schaffen als auch eine gestalterische Zukunftsprojektion entwickeln (S. 60). Jedenfalls spielen Ilias wie Odyssee innerhalb der Polisrealität späterer Jahrhunderte und damit zur Zeit ihrer Verschriftlichung (S. 67), ist „in den Epen die Polis bereits allgegenwärtig“ (S. 79). Dies bestätigt sich in der Fallstudie der phäakischen Königsstadt Scheria (Od. 6 ff.), welche bereits das Verschmelzen monarchischer und polisdemokratischer Elemente zeigt (S. 95). Im Unterschied zur konventionellen Herangehensweise zieht StH. (S. 14) die Behandlung der frühgriechischen Kolonisation derjenigen der Polis vor, indem sie – literarische (Texte) und archäologische (Steine) Quellen gegeneinander abwägend – Migration nicht als Folge von demographischen und/oder ökonomischen Schwierigkeiten im Mutterland sieht, sondern das beidseitige Ringen der Gemeinschaften um auskömmliche Siedlungsstrukturen herausstellt: Kreativität im Aufbau und – phasenverschobene – Innovationserfahrungen in den einzelnen Neugründungen konkurrieren mit Reorganisationsprozessen, die sie bei den ‚Zurückgebliebenen‘ erst anstoßen, ein Lernfortschritt, welcher die Verbreitung neuer sozialer und politischer Modelle in der alten wie neuen Welt beförderte (S. 119 f.). Motive mögen Stáseis (Bürgerkriege), Streben nach neuen Handlungsspielräumen, bloße Abenteuerlust gewesen sein, von der Heimatgemeinde geplante Unternehmungen homogener Gruppen indes nur in Einzelfällen – die von StH. dann aber eingehend charakterisiert werden (S. 102 ff.). Der durchweg aristokratische Anführer (Oikístes) besorgt zugleich die kultische Legitimation in einem Gründungsmythos, und die Erwartungen dieser höchst mobilen (und zahlenmäßig kleinen) Gruppen wie ihre Erfahrungen jenseits der heimischen Oíkoi im Westen, an der Schwarzmeer- und nordafrikanischen Küste seit der Mitte des 8. Jh. dürften in den idyllischen nicht weniger als in den Horrorgeschichten der zeitgleichen homerischen Odyssee ihr poetisch-verschriftlichtes Echo gefunden haben.

Die stadtstaatliche, in sich geschlossene und mit je eigenen Institutionen, Normen und Identität ausgestattete Polis als Kult- wie politische Gemeinschaft (sowohl oligarchischer als auch demokratischer Variante) teilt sich mit anderen Poleis einen gemeinsamen geographischen wie kulturellen Raum; innerhalb dessen wettstreitet sie zugleich wirtschafts- und machtpolitisch – was Kriege als eine „typische Form der Interaktion zwischen Poleis“ miteinschließt (S. 124). Nach innen ist sie wiederum verzahnt mit einem bewohnten ländlichen Raum bzw. Hafenumland als unabdingbarem wirtschaftlichen Einzugsgebiet und binnenuntergliedert in Phylen, Demen und weitere Kleineinheiten (S. 135). Im Unterschied zu den hierarchisch aufgebauten und ständisch gegliederten frühen Hochkulturen findet die souveräne und selbstbestimmte Polisbürgerschaft ihren gemeinsamen Raum im urbanen Zentrum mit Agora, Verwaltungsgebäuden, Heiligtümern und Feststätten, wie sie sich (von der Autorin an zahlreichen Beispielen im Einzelnen belegt) seit dem 8. Jh. insbesondere in den Siedlungsgebieten des Westens herausbilden und von dort aus erst in die Poleis des Mutterlandes zurückwirken – nicht zuletzt im Zeugnis der schreibenden Zeitgenossen (S. 126 f.). Entwicklungslinien dieser autonomen soziopolitischen Einheiten mit periodisch wechselnden, aber sachbezogen zuständigen Ämtern, mit vorberatenden, geschäftsführenden und kontrollierenden Ratsorganen sowie mit beschlussfassenden Versammlungen der Vollbürger samt „geregelter Interaktion“ in der Öffentlichkeit der Agora vollzieht StH. in aller Vielfalt von der Königszeit in Ilias und Odyssee an (S. 140 ff.).

Auf das Konzept der Polis folgen in der Behandlung konsequent die tragenden Bevölkerungsgruppen: Bauern – Aristokraten – Bürger, eingelegt: die Tyrannis (S. 221-55). Das archaische Griechenland war ein bäuerliches, das von den Bauern bewirtschaftete Umland bildete Rückgrat und Basis der Kernsiedlungen (S. 159 f.). StH. beschreibt detailliert und in Anbindung an deren literarischen Widerhall soziale Strukturen sowie Lebens- und Arbeitsverhältnisse zunächst Regionen übergreifend, um sie dann für die überschaubare Umgebung des dichtenden Landwirts Hesiod (S. 170 f.) anhand einer Interpretation von dessen Werken und Tagen in der Fallstudie Askra (Böotien) punktgenau zu verifizieren. Krise und Bedrohung dieser Welt bereits seit dem 8. Jh. durch Erbrecht, Demographie und Klima, durch das Fehlen eines nennenswerten exportfähigen Handwerks wie Handels finden ihr Echo um 600 in den Reformen Solons, der Umgang der lokalen Führungsschicht (Basileís) damit in seinen Elegien (S. 182-84). Die als Gruppe offene, durch individuelle – ökonomische, soziale, moralische – Überlegenheitsmerkmale definierte (S. 188) Aristokratie maß sich untereinander in permanentem Wettbewerb, nach innen auf dem kultivierten und ‚netzwerkenden‘ Symposion, nach außen bei den panhellenischen Agónen – Fallstudie natürlich: Olympia – , die in den Siegerskulpturen künstlerische, in den Epinikien (Pindar) poetische Verarbeitung fanden (S. 201-04). Die Umbrüche der adligen (Fernhandel, Kriege, Stáseis), mit der bäuerlichen durchaus verwobenen Schicht spiegelt StH. in der Lyrik des 7./6. Jh. (Alkaios, Theognis), und Dichter wie Archilochos, Tyrtaios und Xenophanes bereiten (S. 218 f.) in ihren auf den Gemeinnutz zielenden Wertmaßstäben für eine bislang selbstbezogene Prominenz und deren tyrannischen Superlativ (S. 254) den Übergang zu einem Polisbürgertum vor. Neue Strukturen von Zugehörigkeit und Teilhabe an Entscheidungsprozessen auf kommunaler Ebene – so in Attika (S. 270-73) die Demen- und Phylenreform des Kleisthenes (509/08) – bereiten den Boden für das Zusammenspiel der politischen Einheiten in klassischer Zeit.

Ein ganz großes Plus dieses Buchs ist die konsequente Gliederung und der überall klare Aufbau. Der trotz zahlreicher Fachtermini auch für Nicht-Fachleute stets gut erklärte und flüssig aufzunehmende Text, von Karten, Zeichnungen und Abbildungen passend unterstützt, ist nicht ganz frei von Wiederholungen in Einzelnem, und mancherorts lässt ein ‚behagliches‘ „dieses … aber jenes auch“ eine wünschenswerte Klärung offen, doch vielleicht ist das in einem einführenden Handbuch nicht anders angebracht. Ein knapper Anmerkungsapparat (S. 279-82) belegt nahezu ausschließlich die in allen Kapiteln zahlreichen Textzeugen der (meist) zeitgenössischen griechischen Originale. Das Literaturverzeichnis ist gleichfalls kapitelweise aufgefaltet und stellt den Titeln (durchweg neueren Datums) jeweils einen kurz gefassten, informativen Forschungsbericht voran. Ein Namens- und Ortsregister beschließt diesen kundigen und lesenswerten Gang durch die frühe, eigenständige Phase hellenischer Geschichte zwischen Stadt und Meer.

Michael P. Schmude, Boppard

aus: FORUM CLASSICUM 58 (2015), S. 194-197.

Zu-Schulz-Walter-Griechische-Geschichte

Zu-Schulz-Walter-Griechische-Geschichte

Raimund Schulz / Uwe Walter: Griechische Geschichte – Bd. 1: Darstellung; Bd. 2: Forschung und Literatur. Berlin (de Gruyter) 2022 [Oldenbourg Grundriss der Geschichte Bd. 50]. 278 und 378 S., jeweils € 24,95 (ISBN 978-3 486-58831-6 und 978-3-11-076245-7).

aus: FORUM CLASSICUM 65 (2022), S. 393-395.

Diese Neubearbeitung des ersten Bandes zur Griechischen Geschichte von W. Schuller (1980 – dazu P. Siewert: HZ 236 [1983], S. 134; 62008) behält zum Einen die bewährte, dreigeteilte Konzeption der seit 1978 kontinuierlich wachsenden Reihe OGG bei: Darstellung – Grundprobleme und Tendenzen der Forschung – Quellen und Literatur. Zum Anderen betrachtet sie die weiträumigen Verflechtungen innerhalb des mediterranen Raumes und Griechenland im Rahmen wechselnder Großreiche der Antike (innerhalb der Reihe → Bd. 25 Geschichte Altvorderasiens 22011); Hauptstichworte sind Mobilität, Migration und Kolonisation, Krieg und Bundessysteme sowie die Entwicklung des Polis-Begriffes in seinen regionalen Modellen und Varianten. Dabei wird mit der Zeitspanne von ca. 800-322 v. Chr. die Epochengrenze zum Hellenismus gewahrt, welchen schon in der ursprünglichen Bandaufteilung H.-J. Gehrke (1990, 42008) fortgeführt hatte; voraufgehend Bd. 46 Die Entstehung Griechenlands (2020) – geplant 52 Die ägäische Welt. Troja, Kreta und Mykene – und ‚nach vorne‘ abrundend Bd. 22 Byzanz 565-1453 (42011). Zugleich führen die beiden zu besprechenden Teilbände die Entwicklung der Reihe von einem eher eurozentrierten Standpunkt zum Einbezug des auch außereuropäischen sowie prähistorischen Umfelds konsequent fort. Unter diesem Aspekt sollten gesellschaftliche Sachthemen wie Religion, Wirtschaft, Haus und Familie nicht unberücksichtigt (integriert in c. 2.2/3, s.u.), aber z.T. ausgeklammert bleiben und für sie auf die parallel angelegte Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike EGRA verwiesen werden, um die übergeordneten politischen Strömungen in ihren – nicht zuletzt gedanklichen – Voraussetzungen, wechselseitigen Bedingt- und Abhängigkeiten umso profilierter herauszuarbeiten.

Der thematische Aufbau entspricht sich (bis auf Details – wichtig: Bd. 1, S. 175 ff. Ein bipolares Hellas?; Bd. 2, S. 130 ff. Konstruierte Identitäten = Mythen, Vergangenheitsfiktionen, Barbaren, Hellenen) in den Kernteilen von Band 1 und 2. Am Anfang stehen Traditionen und Lebensumwelt einer griechischen Geschichte hier, methodische Kategorien in Forschung und Studium dort. Danach gliedern vier Hauptkapitel, im Umfang beiderseitig abnehmend, den beschreibenden wie den problemorientierten Teil: Grundstrukturen und Basisprozesse – Facetten der griechischen Staatenwelt – Die Griechen machen große Politik (550-400) – Neue Machtkonstellationen und Transformationen des Politischen (400-322). Eine umfassende chronologische Übersicht, stimmig gegliedert in Naher Osten und Kleinasien – Griechische Halbinsel und Ägäis – Großgriechenland und der Westen (vertieft durch eine detailliertere zu Athen S. 129-131), ein den Kapiteln sachlich folgender Kartenteil (ohne den Alexanderzug), ein elementares Auswahlglossar sowie dieses ergänzende Namens- und Sachregister, ferner ethnische und geographische Indices machen bereits den ersten Teil zu einem auch eigenständig verwendbaren Handbuch. Den Forschungsüberblick des 2. Bandes beschließt als dritter Teil ein ausführliches Literaturverzeichnis, welches den Aufbau der ersten beiden nachvollzieht und begleitet, dazu erneut das o.g. dreifache Register mit gemeinsamen wie modifizierten Einträgen.

Der Erzählfaden setzt ein mit den bronzezeitlichen Ägäis-Kulturen am Rande des ‚Fruchtbaren Halbmonds‘ der Großmächte Ägypten, Babylon und der Hethiter. Dezentral, also ohne übergeordnete Führung in ihrem Binnenverhältnis zueinander organisiert, werden die minoisch-mykenischen Paläste als wirtschaftliche und politische Leitstruktur (mit der Verwaltungsschrift Linear B) nach 1050 von den sogen. ‚Dunklen Jahrhunderten‘ abgelöst. Deren Wechsel zwischen wandernd-pastoralen und sesshaft-agrarischen Lebensformen (und dem Übergang von Kupfer und Zinn zum Eisen als Gebrauchsmetall) mündet schließlich in die gemeinschaftlich verfassten Personenverbände der Archaischen Epoche (ab dem 8. Jh.). Der transregionalen Migration begrenzter Gruppen (nicht: ‚Stämme‘ im Sinne etwa einer ‚Dorischen Wanderung‘) entspricht die Ausbildung unterschiedlicher Dialekte eines früheren Griechisch sowie die adaptierende Übernahme der phönikischen zu einer griechischen Alphabetschrift. Bei aller Vielfalt lokaler Ausprägungen unter dem gemeinsamen Dach von Sprache, Schrift und sozio-kulturellen Praktiken, aber auch von Selbstdeutungen im Mythos – literarisiert im Epos – sprechen Texte ab dem 7. Jh. von ‚Hellenen‘. Demgegenüber werden im Forschungsband die Archaik als Epoche in Frage gestellt und chronologisch-lineare Narrative zugunsten kultureller Sachfelder dekonstruiert. In solche gliedert sich sodann auch die Darstellung: so der Oíkos als ordnungspolitischer Baustein eines sich ab 600 institutionalisierenden Gemeindekollektivs; Handelsnetze und Marktorientierung als ökonomischer Rahmen für Migration und Expansion; Schichtungen innerhalb der Pólis als soziale Distinktionen (Solon um 580 in Athen) zwischen aristokratischen Híppeis, bäuerlichen Zeugiten und besitzlosen Theten (darunter unfreie Schuldknechte und Sklaven). Der Polis in ihren Spielarten als Tyrannis, Oligarchie oder Demokratie (Syrakus, Sparta, Athen) stehen alternative Organisationsformen wie das Éthnos (Phoker), der Bundesstaat (Boiotien, Arkadien, Thessalien) oder kultisch zentralisierte Amphiktyonien (Delphi, Paniṓnion) gegenüber; zum Anderen und ohne eigene Staatsqualität hegemonial begründete Kampfbündnisse (Symmachien), so der Peloponnesische Bund (ab Mitte des 6. Jh.), der Attische Seebund (nach Salamis 480) oder (unter Philipp II. 337) der Korinthische Bund. Parallel dazu hier wie im Folgenden Forschungsbericht(e) in Bd. 2 aus Sicht des aktuellen historischen Diskurses.

Gestaltungsräume für Hellenische Geschichte sind Großregionen: für die Magna Graecia (Unteritalien und Sizilien), den „Mittleren Westen der griechischen Welt“ (S. 91), stehen Syrakus und Massilia. Das Mutterland (mit Delphi als religiösem Bezugspunkt) entwickelt im Athen des Kleisthenes und Perikles, in Sparta von Kleomenes I. bis Agesilaos II. (520-359) und während Thebens Dekade zwischen Leuktra und Mantíneia unter Epameinondas († 362) seine politisch-militärischen Triebkräfte. Korinth am Isthmos hat sich als Drehscheibe für Handel wie für Siedlungsbewegungen (insbes. gen Westen) zwischen wechselnden Ambitionen expansiver Mächte zu behaupten, während im Süden Kreta als Umschlagplatz in den Nahen Osten und Nordafrika von Beginn an eine relative Selbständigkeit und nach innen gerichtete Eigenentwicklung wahrt. Ein Netzwerk namhafter Poleis des Ostens, die im Rahmen mutterländischer Kolonisation seit ca. 1000 v. Chr. an der Küste Kleinasiens gegründet werden, repräsentiert Milet, Hafenstadt am Mäander und Knotenpunkt maritimer Verkehrsrouten: über das ionische „Venedig“ (S. 92) laufen die Wirtschaftsbeziehungen von Ägypten und der Levante durch den Bosporus bis zu den Apoikíen rund um das Schwarze Meer. Die mediterrane Weltbühne bestimmen griechische Poleis noch mit der gemeinsamen Abwehr einer Aggression aus dem Osten in den Perserkriegen, bevor sie sich in den innergriechischen Konflikten des Peloponnesischen Krieges und seiner nachfolgenden Parteiungen selbst ‚zerlegen‘ und nach dem Korinthischen Krieg einem wiedererstarkten Persien im allgemeinen ‚Königsfrieden‘ von 386 fügen müssen. Die Ausbreitung des Makedonenreiches seit etwa 350 unter Philipp II. führt die noch einmal auf Initiative Athens vereinten Griechenstädte in die Niederlage bei Chaironeía (338). Mit dem Zug seines Sohnes Alexander seit 334 gegen das Persische Großreich (Granikos, Issos, Gaugamela) – auch er ‚im Auftrag‘ des Korinthischen Bundes zur Sühnung der einstigen Verwüstungen an den Heiligtümern Griechenlands – sowie nach Ägypten und Indien und einem „letzten Aufbäumen“ griechischer Poleis im Lamischen Krieg unter Hypereides und Demosthenes († 322) schließt auch der hier skizzierte historische Abriss.

Mithin bieten Darstellungs- wie Forschungsteil – gemäß der Zielsetzung der gesamten Reihe – den angekündigten struktur- und grundlagenorientierten Epochenüberblick. In durchweg anregendem Sprachduktus wird hier ein kompakter, gleichwohl für Studierende wie Lehrende jederzeit gut verständlicher und angenehm lesbarer Zugriff auf den unterschiedlichen Werdegang griechischer Gesellschaften von der Bronze- und Palastzeit bis zu ihrer Neuausrichtung unter makedonischer Hegemonie vorgenommen.

Michael P. Schmude,  Lahnstein

Zu-J-Fündling-Philipp-II-von-Makedonien

Zu-J-Fündling-Philipp-II-von-Makedonien

Jörg Fündling: Philipp II. von Makedonien, Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Philipp von Zabern) Darmstadt 2014 [Gestalten der Antike, hg. v. M Clauss]. 230 S., € 29,95 (ISBN 978-3-8053-4822-5).

Philipp II., Sohn Amyntas‘ III. von Makedonien, Vater Alexanders d. Gr., nach dem Urteil antiker (Theopomp, frg. 27) wie moderner (Bengtson GG5) Historiker einer der bedeutendsten Herrschergestalten der Antike, wird bis heute zumeist aus dem Blickwinkel seines berühmten Sohnes gesehen, dessen eigentlicher Wegbereiter er durch sein Lebenswerk geworden ist: die Einigung der Balkanhalbinsel mitsamt Hellas unter makedonischer Hegemonie erst schafft die Grundlage für dessen Siegeszug bis in den Fernen Osten der damaligen Welt. Fündling (F.), der vor einigen Jahren (2008) bereits eine vergleichbare ‚Betrachtung‘ des römischen Kaisers Marc Aurel vorgelegt hat, folgt dem „König eines den Griechen als barbarisch geltenden Randvolkes“ (Badian, DNP) aus der Perspektive seiner eigenen Erfolgsgeschichte als charismatischem Staatsmann, intrigantem Diplomaten und genialem Militär eines kommenden, anwachsenden Imperium.

Wichtige Trümpfe in Philipps Hand waren zum Einen sein unmittelbarerer Handlungsspielraum aufgrund der monarchischen Herrschaftsstruktur gegenüber den demokratisch verfassten Poleis Mittelgriechenlands – wobei auch bei denen die Grenzen zwischen Oligarchie und partizipierender Demokratie fließend waren, selbst innerhalb der gleichen Polis – , zum Anderen sein größeres Handlungspotential aufgrund größerer Menschenmenge quā Bevölkerungszahl. Mittel der Realpolitik waren ihm Heiraten innerhalb der durch ein (gleichberechtigtes) Mehr-Frauen-System (S. 16) weitverzweigten eigenen und Adelsfamilien sowie Bündnisse und Verträge, deren Gültigkeit ihren Nutzen für den Tag kaum überdauerten. Makedonien als umrissene geographische Größe bleibt dabei ähnlich unklar wie das zahlenmäßige Aufkommen von Makedonen, Paionen, Dardanern … Den Weg vom rohen, zersiedelten Bergvolk, politisch kaum führbar, zur straff durchregierten, wegen der hinzugewonnenen Masse expandierenden Hegemonialmacht, zum Reich einer Größenordnung, die freiheitliche Gesellschaftsstrukturen schlicht sprengen müßte, zeichnet F. in drei Stationen nach: Ein achtbarer Aufstieg (S. 13-62), Grenzüberschreitung (S. 63-112), Zu groß für den Frieden (S. 113-82). Wesentliche Quellen für diesen Kampf, welcher auf der anderen Seite derjenige um die Eigenständigkeit der freiheitlichen griechischen Poleis war, sind die politischen Reden von Philipps großem Athener Gegenspieler Demosthenes oder die Bibliothek (16) des epigonenhaften Sammlers Diodorus Siculus (S. 174-76; 208).

Die Anfänge „Am Rande der Barbarei“ indes waren im Vergleich mit den eben auch wirtschaftlich und sozial entwickelten Stadtstaaten mehr als kümmerlich: eine eigene städtische Infrastruktur mit (z.B. metallverarbeitendem) Handwerk und Technik, an der Küste mit Anbindung an den Fernhandel war kaum vorhanden (die Städte an der Ägäis waren eigenständige griechische), die geographische Situation bot (beengte) Verkehrswege zu Wasser und Land für den lokalen Handel, aber dem fruchtbaren Küstengebiet Niedermakedoniens am Thermäischen Golf (um die Mündungen des Haliakmon und Axios) fehlten gute Häfen ebenso wie eine verkehrsmäßige Anbindung des obermakedonischen Hochlandes im Westen, während im Süden die Bergpässe des Olymp den Landweg nach Griechenland erschwerten. All dies ergab eine starke Regionalisierung des makedonischen Königreiches, weitläufig jeweils, aber ineffektiv, kaum einzunehmen, geschweige denn zu beherrschen (S. 18). Die politische Struktur beruhte mithin auf einem System persönlicher Loyalitäten zwischen einer Oberschicht und dem Königshaus, welche der ‚gewordene König‘ sich durch Vergabe von Ämtern, Privilegien und Geschenken erst sichern, diese dann aber auch weiterhin erwirtschaften mußte. Anerkannt wurde sein Machtanspruch von der Mehrheit der waffentragenden Männer, der Heeresversammlung, gegründet war der allerdings nicht auf eine geregelte Erbfolge, sondern auf genealogische Verbundenheit mit seinen Vorgängern (S. 15). Söhne aus unterschiedlichen Ehen stellten eher eine Komplikation dieser Erbfolge dar als eine Sicherung der Herrschaft durch entsprechende Stammhalterschaft; und Töchter – brauchte der makedonische Regent in zumindest hinreichender Zahl, um die notwendigen Handels- wie Militärbündnisse mit auswärtigen Fürsten wie einheimischen Adelssippen absichern zu können (S. 27). Vorhanden war Alles und reichlich: Raum, Menschen, Rohstoffe, Thronfolger; was fehlte, war: Struktur, Bindung, eine Idee – und damit: Produktivität, Erfolg und Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund schildert F. die Abfolge der makedonischen Herrscherhäuser seit ihrem Eintritt ins Blickfeld der griechischen Geschichte, namentlich am Rande der Perserkriege und in der Folge des Ringens zwischen Athen und Sparta (später noch Theben) um die Vormacht im griechischen Mutterland des 5./4. Jh. Der Dynastiegründer Alexander I. (497 ff.) beanspruchte mit der genealogischen Rückführung auf den Herakliden Temenos, König von Argos, Hellenizität für die Königsliste der Argeaden; dabei hatte ihre historische Stellung bestenfalls zu einer Art Satrapie unter dem persischen Großkönig Dareios 490 v. Chr. für Amyntas I. (zwischen Olymp und Haimos-Gebirge) gereicht (S. 22). Lavieren zwischen wechselnden Verbündeten war von Beginn an wesentliches Merkmal makedonischer Außen- und Sicherheitspolitik. Erst Archelaos I. stellt sich, nach und trotz der Katastrophe der Sizilischen Expedition (413 v. Chr.) im Peloponnesischen Krieg, konsequent an die Seite Athens, schafft ein Wegenetz in das bisher eher lose angebundene Obermakedonien, verlegt den Königssitz von Aigai nach dem Hafenort Pella und holt überdies athenische Kunstschaffende wie den Maler Zeuxis oder den Tragiker Euripides ins Land. Die Strukturmaßnahmen des Archelaos werden fortgesetzt von Einem aus der weitergehenden Enkelgeneration, welcher die Konsolidierung der zerfaserten Großregion zu einem kontinenten Machtgebilde vorantreibt und dabei auch die Öffnung nach Süden im Auge behält, allerdings nicht allein aus der Kultur– (auch er wird mit Anaximenes von Lampsakos und Aristoteles hellenische Philosophen als Prinzenerzieher und zur Betonung seines ‚Griechentums‘ an den Hof holen, S. 121 f.), sondern nunmehr auch mit einer klaren Machtperspektive – Philipp, dritter Sohn aus der zweiten Ehe seines Vaters mit der Lynkester-Prinzessin Eurydike …

Am Anfang aber stehen Lernzeiten als Geisel: bei den Illyrern (für seinen Vater) in sportlich-militärischer, im Theben des – ihn prägenden – Epameinondas (für seinen ältesten Bruder Alexander II.) in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht; Böotien als strategisches Zentrum Griechenlands bot ihm gleichwohl als Bildungsstätte einen Platz, von wo aus er die Krisen der 360ger Jahre, in welchen seine älteren Brüder und deren konkurrierende Prätendenten untergingen, in Sicherheit beobachten konnte: das Ringen Athens und Thebens um die Hegemonie, Auseinandersetzungen mit dem Chalkidischen Bund und die Unabhängigkeitsbestrebungen Thessaliens, Griff nach den persisch okkupierten Inseln und Griechenstädten Kleinasiens. Und nach Niederlage und Tod seines Bruders Perdikkas III. in einem regionalen Gefecht gegen den (verwandten) Illyrerfürsten Bardylis einigte sich die engere Königsfamilie auf die „Notbesetzung“ (S. 42 ff.), um die von Thrakien bis Athen verstreute Sippschaft aus den Thronwirren herauszuhalten.

Der ging die Gefahrenherde auf gewohnte Weise an: den thrakischen Patron stellte er durch Bestechung ruhig, den ältesten Halbbruder aus erster Ehe durch Mord, die Einigung mit Athen 359 (zulasten von dessen makedonischen Aspiranten) bot Freiraum für eine wegweisende Modernisierung des Heeres; Paionen und die von Bardylis (s.o.) besetzten Gebiete Obermakedoniens wurden per Blitzkrieg überrumpelt. Zum Schutz seines Kernlandes in der Küstenebene schuf Philipp ein Bündnissystem an den Grenzen – durch Heiraten, als dritte mit einer Fürstentochter der Molosser, nachmals Olympias, als vierte mit einer thessalischen Aristokratin: die Idee, mit wachsenden Ressourcen gleich ganz Hellas zu beherrschen (S. 49), mag hier geboren sein. Sein erstmals expansives Eingreifen im 3. Heiligen Krieg (um Delphi) gegen die Phoker und auf seiten Thebens zielt weiterhin auf Sicherung eines eigenen, unabhängigen Zugangs zum Meer; nach Amphipolis (an der Mündung des Strymon) 357 fällt 354 Methone am Golf von Thermai. In den thessalischen Wirren ergreift er Partei für den Familienverbund der Aleuaden und gegen die Tyrannen von Pherai und wird nach seinem Sieg auf dem ‚Krokosfeld‘ (352) Tagós, Oberbefehlshaber des Thessalischen Bundes. 351 beginnt die Unterwerfung der Fürsten Thrakiens (bis 341, S. 126 f.). In Athen wächst eine Friedenspartei, die auf Arrangement mit dem Makedonen drängt – ihr Hauptgegner: Demosthenes, der in diesem Jahr seine erste Philippische Rede hält. Die Niederwerfung der mit Athen verbündeten Chalkidike 348 findet ihren erbitterten Widerhall in dessen Olynthischen Reden (S. 77). Mit der Kapitulation der Phoker wird Philipp 346 Teil der Delphischen Amphiktyonie; minutiös verfolgt F. (S. 90 ff.) dessen ganzes diplomatisches Geschick in den Verhandlungen mit Athen (samt der fragwürdigen Rolle des Aischines wie Demosthenes), welche einstweilen in den ‚Philokratesfrieden‘ führten, ohne doch die antimakedonische Grundstimmung zu heben, wie sie in der zweiten Philippika (Ende 344) oder im Stellvertreterkrieg auf Euboia hervortrat. Das Verhältnis zu Theben war beschädigt, aber der Makedone saß in der Schlüsselregion von Hellas (S. 103). Wechselseitige Übergriffe (etwa Athens auf Philipps thrakische Küste oder dessen Kapern athenischer Kornschiffe) und das Erstarken von Athens Bündnissystem (S. 129, Hellenischer Bund), schließlich der 4. Hlg. Krieg boten Philipp 339 Anlaß, erneut in Mittelgriechenland einzumarschieren: die von Demosthenes zustande gebrachte Allianz zwischen Athen und Theben unterliegt 338 in der Schlacht bei Chaironeia in Boiotien, die griechischen Poleis werden im Korinthischen Bund auf ein wieder (Isokrates) gemeinsames Ziel ausgerichtet – den Persischen Großkönig. Private Zerwürfnisse (S. 156 ff.) verhindern dessen Verfolgung: der Bruch mit Olympias wegen einer weiteren Ehe und die Verunsicherung ihres Sohnes Alexander, welcher freilich seit geraumer Zeit bereits in die militärischen und außenpolitischen Unternehmungen des Vaters mit eingebunden war, hinsichtlich der Thronfolge münden in Philipps Ermordung bei der Hochzeitsfeier für seine Tochter Kleopatra durch einen Leibwächter. Die Säuberungen des Thronfolgers im ‚familiären‘ Umfeld (S. 162 f.) schieben die Kriegsvorhaben kurzzeitig auf (S. 169-73).

Dieses – kaum zu strukturierende und für einen mit den Verhältnissen weniger Vertrauten mitunter verwirrend – detailreiche Panoptikum griechischer Geschichte im Vorfeld des Hellenismus ist gleichwohl flüssig geschrieben und gut lesbar; die Quellen sind konsequent aus dem Textteil in die Anmerkungen ‚verbannt‘: dort finden sie sich reichhaltig und (zusammen mit der Sekundärliteratur) stakkatohaft gereiht – man wünschte sie sich durch einen eigenen Index erschlossen. Die Verfolgung freilich gerade der historisch-geographischen Entwicklungen wäre durch weiteres (immerhin S. 12, 62) entsprechendes Kartenmaterial noch anschaulicher geworden. Abbildungen (Archäologisches u.a. S. 94 f., 155; Münzen S. 59, 85; Realien S. 45, 121, 171), auch aus der jüngeren Filmgeschichte (S. 178 f.), fehlen nicht. Hingewiesen sei auf neuerliche Spekulationen um eine mögliche Grablege der makedonischen Königsfamilie (Philipp, Olympias, Roxane, einer von Alexanders Generälen ?) im nordostgriechischen Amphipolis (FAZ vom 20.01.15, S. 12). Dabei nähert sich F. seinem Protagonisten mit unverkennbarer Sympathie (eine Geschichte seiner modernen Rezeption S. 176 ff.), welcher sein Leben nicht lange genug leben konnte – durchaus wollte, aber eben mit gelebtem Risiko (S. 182) – , um sein Lebenswerk zu vollenden: dieses ging auf einer Zwischenstation, mit einem fürs Erste durchaus zufrieden stellenden Ergebnis, im Theater von Aigai 336 v. Chr. über auf seinen Sohn und Nachfolger Alexander III., den späteren Großen.

 

Michael P. Schmude,  Boppard

 leicht gekürzte Fassung in: FORUM CLASSICUM 58 (2015), S. 129-131.

Die-Apostelgeschichte-des-Lukas

Die-Apostelgeschichte-des-Lukas

Übergangslektüre(n)  –  Die Apostelgeschichte des Lukas*

von  Michael P. Schmude,  Boppard  

aus: Pegasus VIII/1 (2008), S. 30-41

 

A. Die Frage stellt sich stets aufs Neue, welche Textsorten geeignete Übergangslektüre(n) im Anschluss an den griechischen Sprachlehrgang und vor Beginn der eigentlichen Lektürephase zu bieten vermögen, und die Kolleginnen und Kollegen wissen um das allgemein bekannte Problem beim Übergang von Lehrbuch zu Lektüre, um den sog. ‚Lektüreschock‘: die Schülerinnen und Schüler haben durchweg brav und tapfer die Grammatikpensen ihres Lehrbuchs durchgearbeitet, müssten eigentlich über die sprachlichen Gesetzmäßigkeiten verfügen. Es kommt der erste (geschlossene) literarische Originaltext – und bleibt für (zu) viele Schüler ein Buch mit (zu) vielen Siegeln …

Man hat dem zu begegnen versucht durch den möglichst frühen Einsatz von möglichst eng am Original anliegenden Lehrbuchtexten, was aber wiederum für die Spracherlernung Schwierigkeiten aufgeworfen hat: kein originaler Text ist von seinem Autor zu Lehrbuchzwecken verfasst worden, also auch nicht zu einer möglichst aus dem (begrenzten) Text(abschnitt) heraus ableitbaren Einführung bestimmter grammatischer Erscheinungen wie Satzkonstruktionen, Modusgebrauch oder Deklinationsformen. Und so finden sich für das neu einzuführende sprachliche Phänomen im Lektionstext meist zu wenige aussagekräftige Beispiele, und man ist doch wieder entweder auf künstliche Übungen oder gleich auf entsprechend ausgerichtete und zugeschnittene Gebrauchstexte verwiesen.

Welche literarischen Gattungen sind nun geeignet, einen ‚weicheren‘ Übergang von notwendigen Kunsttexten in der Spracherlernungsphase und darauf folgend angestrebter Originallektüre zu ermöglichen ? Geeignet ggfs. auch schon als Interims-Lektüre an bestimmten Stellen der Lehrbuchphase und darum sinnvollerweise einem Lehrgang wie beispielsweise dem KANTHAROS bereits als Anhang beigegeben – zumal ein Lesebuch wie im Fach Latein der materialreiche PEGASUS von Friedrich Maier im Griechischen noch aussteht ?

 

B. Lektürebeispiele und –reihe: denkbar wäre eine Auswahl aus

1.) Anekdoten, kleinen, für sich eingrenzbaren Geschichten, wie etwa Kleobis und Biton (Herodot, Historien 1, 31, 2-5); Solons Gesetzgebung (Aristoteles, Staat der Athener 5, 1-2; 6, 1; 7, 1; 11, 1) oder die Fahrt zum Mond (Lukian, Verae historiae 1, 9–12); die 1. Lysias-Rede; Episoden aus der Bibliothek Apollodors um Herakles, Theseus u.a. oder auch Partien aus Longos’ Daphnis und Chloe.

2.) Fabeln: „Schlau wie ein Esel oder dumm wie ein Fuchs ? Wie bitte ? Nein, Fuchs und Esel dürfen niemals ihre Rollen tauschen: Die tierischen „Helden“ der antiken Fabel bleiben sich immer gleich und scheinen unverwüstlich. In der späteren Literatur, bis in die Gegenwart hinein, wurden sie immer wieder gerne aufgegriffen: Die einfachen Charaktere, die formale Schlichtheit und die klaren moralischen Lehren der Fabel reizen zur Nachahmung, zum Widerspruch, zur Travestie – und sie machen die Fabel zur idealen Anfangslektüre in der Schule“ (aus den RAAbits II/C1, Autoren 2). Daneben ist reizvoll auch einmal eine ganz untypische Fabel, in welcher die Tiere eben nicht Träger feststehender Eigenschaften sind, sondern ihr Handeln sich aus unterschiedlichen Lebensräumen ergibt: Aesops Adler und Fuchs, die Auftaktfabel der Hausrathschen Sammlung; eine Auswahl weiterer aesopischer Fabeln (33 III; 49; 60 II; 71; 177 Hausrath; 177; 179 Halm) im Textanhang des Kantharos S. 159.

3.) ‚Kleinere‘, einführende philosophische Themen: Solon und Kroisos zum ‚glücklichsten‘ Menschen (Herodot, Historien 1, 29-33); Sokrates über sein Nichtwissen und seinen Dienst an der Stadt (Chairephon und das Orakel von Delphi)1.

Nun sind Fabel und Anekdote als ‚kleine Gattungen’ schon im Lateinischen für eine Interims- und/oder Übergangslektüre unstrittig. Neben weiteren von den Kolleginnen und Kollegen eingesetzten oder denkbaren Partien sind im Besonderen auch sinnvolle und mögliche Zeitansätze zu diskutieren, denn es  liegt auf der Hand, dass das Interesse der Schülerinnen und Schüler hieran nach einer Weile dann auch seine Grenzen erreicht. Und so bietet dieser (keineswegs einheitliche) Punkt der Lektüre Anlass und Gelegenheit, zu einem ersten geschlossen fortschreitenden Textcorpus hinzuführen, der

4.) Apostelgeschichte des Lukas: diese berührt mit ihrem Inhalt, ihren zumindest in Umrissen bekannten Gestalten und Geschichten die eigene Lebenswelt der Schüler durchaus und nicht zuletzt auch im Kontrast mit heute fremdartigen Gepflogenheiten und Lebensverhältnissen2 und kommt ihnen zugleich durch ihre sprachlich eher schlichte (dabei nahe am Attischen und alle Phänomene bietende) Gestalt der Koiné noch ein Stück weit entgegen.

 

C. Zur Einführung: Die Apostelgeschichte wird von Lukas selbst (Apg 1, 1) als zweites Buch seines Geschichtswerks bezeichnet. Das Evangelium schließt mit der Himmelfahrt Jesu in Bethanien; die Apostelgeschichte beginnt mit dem gleichen Ereignis – freilich auf dem Ölberg (Apg 1, 12) in der Nähe von Jerusalem. Sie dürfte um 90 n. Chr., etwa zehn Jahre nach dem Evangelium, abgefasst sein; der Entstehungsort lässt sich für beide Schriften nicht bestimmen.

1.) Der (uns ansonsten gleichfalls unbekannte) Heidenchrist Lukas3 adressiert das zusammenhängende Gesamtwerk an einen nicht genauer fassbaren Theophilus, eine zu ihrer Zeit möglicherweise hochgestellte Persönlichkeit, welchem der Autor die neue Lehre nahe bringen und über dessen Einfluss ihre Verbreitung weiter befördern möchte. Er schreibt ein quellenkritisch recherchiertes und geordnetes, (ursprünglich) selbständige Einzeltraditionen und –nachrichten in einen Zusammenhang stellendes und ausrichtendes, damit nahe an seine und seines Lesers Theophilus erlebte Gegenwart heranreichendes, literarisch abgeschlossenes Werk aus theologischer Lehrabsicht für außenstehende, aber nicht ohne Kenntnis interessierte Nichtchristen. Dieses gibt sich als geschichtliche Darstellung – man hat sogar an eine Verteidigungsschrift des (Juristen) Lukas für Paulus’ Prozess in Rom gedacht; es ist mit seinen Formelementen hellenistischer Geschichtsschreibung literarisch am ehesten der antiken historischen Monographie zu vergleichen, trägt aber erkennbare Züge der Heldenlegende im Stile etwa des Alexanderromans4. Das Geschichtsbild des Lukas folgt dabei einem dreiteiligen Heilsplan Gottes:

  • die Zeit Israels und seiner Propheten (→ AT) endet als Zeit der Erwartung mit Johannes dem Täufer (Lk 3)
  • die Zeit Jesu (← Lukas-Evangelium) als „Mitte der Zeit“ (Conzelmann; Löwith) ist angekündigt und vorbereitet im AT und bildet idealtypisch die zukünftige Gotteswelt vorweg ab, indem der Satan hier keine Macht über Menschen hat (vgl. Lk 4, 1-12)
  • die Zeit der Kirche beginnt mit dem Pfingstereignis (Apg 2) und endet mit der (verzögerten) Parusie.

In dieser ‚Choreographie’ des Heiligen Geistes behandelt das Lukas-Evangelium Wirken und Schicksal (Leiden5, Auferstehung und Himmelfahrt) Jesu sowie die Apostelgeschichte deren Bezeugung durch die Jünger. Johannes der Täufer verheißt Rettung Israels durch Sündenvergebung, Jesus ruft im Evangelium (insbes.) die Sünder, die Apostel alle Völker zur Umkehr und verkünden den Glaubenden die Generalamnestie ihrer Sünden: die Wiedererrichtung der „Hütte Davids“ wird somit Grundlage der Heidenmission (Apg 15, 16 f.). Der Grobaufriss unterteilt die Apostelgeschichte in die Zeit der Urgemeinde und Mission Antiochias (c. 1-14) sowie das Wirken des freien (c. 15-21) und des gefangenen (c. 21-28) Paulus; eine Gliederung der Apostelgeschichte gibt indes Jesus bereits 1, 8 mit dem Auftrag an die Apostel, Zeugen zu sein a) in Jerusalem (Apg 1-5 Gemeindebildung), b) in ganz Judäa und Samaria (Apg 6-12 Mission ebda.) und c) bis zum Ende der Erde (Apg 13-28)6. Das Buch endet mit dem ‚Triumph’ des Paulus (Apg 28, 30 f.) in Rom – sein Martyrium war bereits Apg 20, 22-25 angekündigt worden: die Apostelgeschichte findet ihr Ziel mit dem ungehinderten Wirken des gefangenen Paulus in der Welthauptstadt7, das Programm (Apg 1, 8) richtet das Geschehen „bis ans Ende der Erde“.

 2.) Aufriß:

c. 1 – 12   Die Zeit der Urkirche (Zentrum: Petrus und Jerusalem)

1 – 2   Himmelfahrt; Pfingstereignis (2, 14-36: Predigt des Petrus); Anfänge der Urgemeinde

3 – 5   Worte und Taten der Apostel in Jerusalem

6 – 7   Predigt und Martyrium (Steinigung) des Stephanus; Verfolgung der Gemeinde (Saulus)

8 – 12   Beginn der Heidenmission als Folge der Christenverfolgung in Jerusalem: Samaria und Antiochien ( Philippus 8, 4 ff.; Damaskus-Erlebnis des Saulus 9, 3 ff.; Petrus und Cornelius 10; Gründung der Gemeinde in Antiochien durch versprengte Jerusalemer Christen und Barnabas 11, 19-26)

c. 13 – 28   Die Weltmission des Paulus (13, 9: Saulus → Paulus) (Zentrum: Paulus, die Völkerwelt und Rom)

13 – 14   Erste Missionsreise (Antiochien und Kleinasien; Steinigung des Paulus in Lystra 14, 19)

15   Apostelkonzil: Anerkennung gesetzesfreier Heidenmission (Zerwürfnis mit Barnabas 15, 39; ← Silas)

16 – 18   Zweite Missionsreise (Kleinasien, Griechenland = Übergang 16, 11 nach Europa. 16, 19 ff.: Verhaftung in Philippi; 17, 22-31: Areopagrede des Paulus)

19 – 21   Dritte Missionsreise (Kleinasien, Griechenland; 19, 23 ff.: Aufruhr der Silberschmiede in Ephesus)

21 – 28   Über Jerusalem und Caesarea nach Rom; Gefangenschaft ( 21, 27 ff.: Festnahme in Jerusalem; 22, 1-21: Begründung seines Auftrags vor den Juden; 23, 11: Auftrag zum Martyrium in Rom [27, 24]; 24: Prozess in Jerusalem vor Hananias und dem römischen Statthalter Felix; 25, 10-12: in Caesarea bei Festus Antrag auf Appellation vor dem Kaiser in Rom; 27 – 28, 15 Seereise).

 3.) Literarische Eigenart(en): Lukas arbeitet mit modellhaft gestalteten und wiederkehrenden Szenen: a) Apg 2 Pfingsten: Wunder – erklärende Missionsrede – Reaktion der Adressaten; b) Apg 10 Bekehrung eines Nicht-Juden, hier: des römischen Hauptmanns Cornelius – durch Petrus !8; c) Missionsreisen (Apg 13 f.): in der fremden Stadt besucht Paulus zuerst die Synagoge und verkündet den Juden aus dem Alten Testament Jesus als den Christus – dagegen erfolgt nach einer gewissen Zeit Widerspruch der Juden, zugleich Zustrom heidnischer Hörer – Paulus wendet sich von den Juden ab und den Heiden zu; d) Apg 4, 1-23 hat eine mirakulösere ‚Parallelfassung’ in Apg 5, 17-42 (Rezension B, s.u.). Die Damaskusgeschichte Apg 9, 3-19 wird noch zweimal (Apg 22, 5-16; 26, 12-19) wiederholt – mit Variationen entsprechend der beabsichtigten (apologetischen) Botschaft9.

In der Quellenfrage10 bieten historisch wohl zuverlässige Berichte eine jerusalemisch-cäsareensische Quelle für Apg 3, 1 – 5, 16; 8, 5-40; 9, 31 – 11, 18; 12, 1-23 (der Evangelist Philippus ?) sowie eine antiochenisch-jerusalemische Quelle für Apg 6, 1 – 8, 4; 11, 19-30; 12, 25 – 15, 35 (Silas ?), die sogen. „Rezension A“ (Harnack). Im ersten Teil seines „Geschichtswerks“ (Apg 1-12) verwendet Lukas etwa ein Dutzend selbständiger Geschichten (aus Antiochia ?), die er aber nicht einfach sozusagen parataktisch miteinander verknüpft, sondern durch umfassende ‚Summarien’ (s.u.) ins Grundsätzliche erhebt. Die Partie Apg 16-28 enthält zwar die „Wir-Berichte“, welche Augenzeugenschaft vermitteln wollen, den ‚roten Faden’ insbes. für Apg 13-21 dürften Aufzeichnungen eines oder mehrerer Begleiter des Paulus, möglicherweise zusammengefasst zu einem ‚Itinerar’, vorgegeben haben11, Quellencharakter besitzen die Reiserouten gleichwohl nicht.

Kompositorische Verknüpfungen, z.B. die Einfügung weniger Bemerkungen über Saulus in das Stephanus-Martyrium (Apg 8, 1.3) zur Vorbereitung der Damaskus-Episode (Apg 9, 1-30) – darin spannungserzeugende (9, 9) wie retardierende (9, 13 f.) Momente –  sollen ebenfalls einen ‚historischen Zusammenhang’ stiften, mit dem Apostelkonzil des c. 15 als Dreh- und Angelpunkt zweier Perioden: derjenigen der Urgemeinde des Petrus und Jakobus (historisch einmalig und damit abgeschlossen in Himmelfahrt Christi, Apostelkreis, Mosegesetz und Gütergemeinschaft), welche diejenige der Heidenmission des Paulus (weltoffen und gesetzesfrei) vorbereitet und hier legitimiert, beide in der Kontinuität der Herrschaft des Heiligen Geistes und des Wirkens des Paulus. Neben dem Apostelkonzil leisten Verzahnungen auch die eigentliche Begründung der Heidenmission durch die Hellenistenführer Stephanus (Apg 6, 5.8 in Jerusalem) und Philippus (Apg 8, 5 f./40 in Samaria), ihre erste Übernahme durch Petrus (Apg 10, 34 f.) sowie die Gemeinde in Antiochia als Ausgangspunkt für Paulus12.

Die Einlage von Reden an Stellen ohne unmittelbaren situativen Bezug oder Notwendigkeit, aber zur Deutung des Geschehens im Ganzen wie die Areopagrede, Stephanus (Apg 7, 2-53) oder Paulus in Milet (s.u. ,Testament’) entspricht bester historiographischer Tradition (← Thukydides). Sie stammen also vom Autor selbst und folgen festen Typen:

  1. Missionsansprachen des Petrus an Juden: Anknüpfung an das AT, christologisches Kerygma, Schriftbeweis und Heilszuspruch mit Bußruf (vgl. Paulus in Apg 13).
  2. Stephanusrede Apg 7 (Synagogenpredigt) – ein kritischer Überblick über die Geschichte Israels zur Begründung der Heidenmission.
  3. Areopagrede (Apg 17, 22-34): eine paulinische Missionsansprache vor Heiden.
  4. Eine typische Abschiedsrede des Paulus (Apg 20, 17-38) vor den ephesinischen Gemeindeältesten in Milet als Abschluss seiner Mission („der ideale Gemeindeleiter“).
  5. Verteidigungsreden des gefangenen Paulus: Christentum und römischer Staat stehen in keinem Widerspruch.

Das missionarische Anliegen der dem Petrus (Apg 2. 3. 5. 10) oder Paulus (Apg 13) in den Mund gelegten Predigten indes ist bei antiken Historikern nicht zu finden; es entspricht der Absicht ihres Verfassers, literarisch für den neuen Glauben zu werben. So wird in der Areopagrede durch absichtsvolle Parallelen das Mittel der ‚indirekten Aussage’ angewandt, um den Werdegang des Paulus in eine Linie mit dem Schicksal des Sokrates zu setzen; Paulus wie sein ‚Vorgesetzter’ Petrus sind keine individuellen Figuren, sondern entsprechen dem Idealbild des theíos anēr13. Die Gefangenschaft des Paulus in Jerusalem und Caesarea gibt Gelegenheit zu drei Apologien des Christentums: vor der Volksmenge in Jerusalem (Apg 22, 1-21), vor dem Hohepriester Hananias und dem römischen Statthalter Felix (Apg 24, 10-21) sowie vor dessen Nachfolger Festus und König Agrippa (Apg 26, 1-23). Die Verstocktheit14 des Volkes Israel gegenüber Moses und den Propheten (← Stephanus) wiederholt sich gegenüber dem Messias Jesus und seinen Aposteln15, wenngleich man sich mit der strengstgläubigen jüdischen Richtung der Pharisäer in der Auferstehungshoffnung trifft16. Zwischen den örtlichen römischen Behörden und der christlichen Gemeinde wiederum besteht Einvernehmen – römische Beamte werden als korrekt handelnde gezeigt17, sprechen Paulus und damit auch die Christen von den Vorwürfen der jüdischen Priester und Ältesten frei18; die Einheit unter dem Imperium Romanum dient der weltweiten Verbreitung der Heilsbotschaft, und bis zur Parusie (Apg 1, 11; 3, 20 f.) muss mit diesem ein Auskommen gefunden werden (Apg 28, 31)19. Auch heidnische Kultur, insbes. griechische Philosophie20 und Dichtung21 finden durchaus Aufnahme. Buße und Bekehrung (Apg 3, 19) sowie Vertrauen auf den Herrn22 sind Voraussetzung für Taufe und Sündenvergebung (Apg 2, 38), um von Christus, welcher den Heiligen Geist ausgießt (Apg 2, 33)23 und Herr über das Leben ist (Apg 3, 15; 5, 31), im Jüngsten Gericht (Apg 10, 42; 17, 31) als Glaubender (Apg 15, 11) dessen im AT angekündigte24 Auferstehung zu erlangen.

Die heilsgeschichtlichen Zusammenfassungen, verallgemeinernde Sammelberichte zu paradigmatischen Einzelereignissen, „Summarien“25 zeichnen ein idealisiertes Bild der frühen Urgemeinde (‚Goldenes Zeitalter – Motiv’), so etwa der Eigentumsverzicht des Barnabas (Apg 4, 36 f.) zugunsten der „Schar der Glaubenden“ als Ausdruck des Jerusalemer ‚Liebeskommunismus’ (Apg 4, 32-35). Volksversammlungen, Gerichtsszenen, Wirtschaftskämpfe und Handwerk, Tempeldienst und Philosophenschule, aber auch Vertreter aller sozialer Schichten sollen der Darstellung realistische, lebensnahe Züge verleihen: im Ganzen vermittelt die Apostelgeschichte das Bild, welches man sich am Ende des 1. Jh. von der Zeit der Apostel machte26.

Eine verlässliche Historie des Urchristentums, offenbar kein Bedürfnis der jungen Gemeinde, ist mithin aus der Apostelgeschichte nicht zu gewinnen, sie bleibt in ihrer literarischen Eigenart wie in ihrer Geschichtsversion ohne Nachahmung. Der Darstellung der paulinischen Mission in drei Missionsreisen – einzig Apg 27/28 schildern eine tatsächliche27 Seereise (mit Schiffbruch bei Malta28 Apg 27, 41 – 28, 2) – widersprechen die Paulus-Briefe, welche der Verfasser der Apostelgeschichte auch sonst nicht benutzt: der Theologe Paulus aus den Briefen (Gesetzeslehre) und der Missionar der Apostelgeschichte erweisen sich als zwei Personen29. Andererseits erhält die Apostelgeschichte im Verlauf der Kanonbildung des NT den Charakter einer (späteren) Klammer zwischen Evangelien und Briefen30.

Zusammen mit dem Lukas-Evangelium legitimiert die Apostelgeschichte die junge Gemeinde mittels ihrer apostolischen Tradition und Sukzession als Vertreterin Gottes auf Erden; das lukanische Doppelwerk gibt so „der Kirche in Form einer Historie ihrer Vergangenheit den Mythos ihrer Autorität“31.

 

*Arbeitskreis „Griechische Übergangslektüre(n)“ des DAV-Bundeskongresses vom 25.-29. März 2008 in Göttingen (dazu auch im Kongressbegleitheft S. 81). Der Einführungstext C. ist um einige Binnenpartien sowie den wissenschaftlichen Apparat (Belegstellen, Anmerkungen, Literatur) erweitert; die Ergebnisse von Diskussion und Gruppenarbeit sind aufgenommen.

 

Anmerkungen:   1Platon, Apologie 20e 6 – 23c 1; je nach ‚Kurslage‘ kann die Partie 21e 3 – 22e 5 auch von Schülerseite aus einer Übersetzung oder als kurze Inhaltsparaphrase gegeben werden. – 2Gesellschaftsaufbau, Gedankenfreiheit, Einstehen für die eigenen Erkenntnisse und Überzeugungen, um nur wenige zu nennen. Die Behandlung der Apostelgeschichte mit den Schülerinnen und Schülern steht unter historischen und literarischen Gesichtspunkten; theologische Gedankengänge der folgenden Einführung C. richten sich allein an die Lehrperson. – 3Diskussion bei O. Stählin 1180-83. Er spricht etwa in Apg 16, 9 f./16; 20, 13-15; 21, 1-18; 27 f. als zeitweiliger Begleiter des Paulus in der ersten Person (Norden 483), kaum quellentauglich; der in Phlm 24 erwähnte Lukas kommt als Verfasser ebenso wenig in Frage wie der „Arzt Lukas“ (noch bei Norden 482) aus Kol. 4, 14 und 2 Tim 4, 11, mit welchem der Lyoner Bischof Irenäus Ende des 2. Jh. die kirchliche Tradition begründet hatte (Haenchen 504). – 4Res gestae …; der seit dem Ende des 2. Jh. bezeugte Titel práxeis apostólōn (Norden 481) stammt nicht vom Verfasser. – 5Gottgewollt (← AT) Apg 4,28; 13, 27; 17, 3; 26, 22 f. – 6Weltmission des Paulus: Apg 13 f. „Vorspiel“ – Paulus und Barnabas, Apg 15 theologische und „kirchenrechtliche“ Basis für die Heidenmission, Apg 16-28 Paulusreisen. – 7Haenchen 502. – 8Auf dem Apostelkonzil erklärt sich Petrus selbst zum ersten Heidenmissionar (Apg 15, 7-11), die Befreiung der Nichtjuden vom Mosegesetz wird von Jakobus unter Auflagen (Apg 15, 20/29; 21, 25) bestätigt, das junge Christentum emanzipiert sich erstmals als eigene Religion neben dem Judentum (Wilckens 447). – 9Haenchen 502; Ereignisse des c. 10 werden in c. 11, 1-17 berichtet, teils wörtlich wieder aufgenommen (Apg 10, 9-16 = 11, 5-10). – 10Norden 482-85; O. Stählin 1179-83; Wilckens 391; Vielhauer 385-93; Conzelmann/Lindemann 271-73; Rengstorf/Stählin 265 f.; Dihle 224; zur Textüberlieferung Haenchen 501, Vielhauer 381 f. – 11Dibelius 64; Haenchen 504; Vielhauer 71, 388. – 12Wilckens 392. – 13Haenchen 503; Wilckens 456 f.; Scholl 101; „auch wir sind Menschen“ Apg 10, 26 (Petrus); Apg 14, 15 (Paulus u. Barnabas). – 14Gottgewollt Apg 28, 26-28. – 15Sie führt in der Folge zur Hinwendung zu den Heiden (Apg 13, 46; 18, 6; 19, 9; 28, 25-28). – 16Apg 23, 6-9; 24, 15; 26, 5-8. – 17Apg 16, 37-39; 18, 14-16; 22, 25-29; 23, 23-30; 24, 22 f.; 25, 4 f./18-21. – 18Apg 24, 24-26; 25, 25; 26, 30-32; 28, 18. – 19Dihle 223; auch die Katastrophe des J. 70, die Zerstörung des Tempels durch die Römer unter Titus, ist selbstverschuldete Folge der Unfähigkeit des Volkes Israel, die mit Jesus einsetzende Friedenszeit zu erkennen (Lk 19, 41-44). – 20Etwa Apg 7, 48-50; 17, 25 das stoische Ideal in der Bedürfnislosigkeit Gottes. – 21Apg 26, 14 = Eur. Bacch. 795; Apg. 17, 28 = Arat Phain. 5. – 22Apg 10, 43; 11, 17; 16, 31; 20, 21; 26, 18. – 23Vom Heiligen Geist erfüllt Apg 2, 2-4; 4, 31; 10, 10-16/44-46; 11, 5; 13, 9; 19, 6 – oder noch nicht Apg 8, 16. – 24Apg 1, 3; 2, 31; 13, 35. – 25Apg 2, 42-47; 4, 32-35; 5, 12-16. – 26Haenchen 505. – 27Möglicherweise aber doch auch nach einer außerchristlichen literarischen Vorlage: Norden 483; Dibelius 64; Vielhauer 392; Conzelmann/Lindemann 273. – 28Hierzu H.C.R. Vella: Quintinus (1536) and St. Paul’s shipwreck in Malta, in: Melita historica 8 (1980) 61-64. – 29O. Stählin 1181; Vielhauer 391 f.; Conzelmann/Lindemann 275 f. – 30Wilckens 391, anders Vielhauer. – 31Wilckens 392 f.; Vielhauer 406.

 

Literatur: KANTHAROS: Griechisches Unterrichtswerk, von W. Elliger, G. Fink, G. Heil, Th. Meyer (Stuttgart/Klett 1982 [ND]); PEGASUS: Das lateinische Lesebuch der Mittelstufe, bearb. von F. Maier (Bamberg/Buchners 2002 [Antike u. Gegenwart]); RAAbits – Impulse u. Materialien Latein, II: Übergangsphase/C: Lektüren 1 – Autoren 2: Phaedrus, Fabeln von S. Duscha (Stuttgart/Raabe 2007).

Novum Testamentum Graece, edd. E. Nestle et K. Aland (Stuttgart 251975); Lukas: Evangelium u. Apostelgeschichte, griechischer Text (Aland) mit Übersetzung [Lk: H. Rengstorf, Apg: G. Stählin] (München 1977); Das NT übers. u. komm. von U. Wilckens (Hamburg 1970); A. Harnack: Die Apostelgeschichte, in: Beiträge zur Einleitung in das NT III (1908); Ed. Norden: Die antike Kunstprosa vom 6. Jh. v. Chr. bis in die Zeit der Renaissance, Bd 2 (Leipzig/Berlin 21918 [ND]); GGrLit, bearb. von W. Schmid u. O. Stählin, Teil 2: Bd 2 (München 61924 [ND; HdA VII 2, 2]); M. Dibelius: Aufsätze zur Apg, in: Forschungen zur Religion u. Literatur des AT und NT 60 (1951); H. Conzelmann: Die Mitte der Zeit. Studien zur Theologie des Lukas, in: Beiträge zur historischen Theologie 17 (1954); E. Haenchen s.v. <Apostelgeschichte>, in: Die Religion in Geschichte u. Gegenwart, Bd 1 (Tübingen 31957); K. Löwith: Weltgeschichte u. Heilsgeschehen – die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie (Stuttgart 41961 [ND 2004]), 168-174; Ph. Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur (Berlin/New York 1975 [ND 1981]); H. Conzelmann, A. Lindemann: Arbeitsbuch zum NT (Tübingen 21976); A. Dihle: Die griechische u. lateinische Literatur der Kaiserzeit – von Augustus bis Iustinian (München 1989); N. Scholl: Lukas u. seine Apg – die Verbreitung des Glaubens (Darmstadt 2007).

 

Glossar:

Damaskuserlebnis: dem Saulus, welcher im Zuge der ersten systematischen Christenverfolgung diese über Jerusalem hinaus bis nach Syrien verfolgt, erscheint Christus, wirft ihn nieder und blendet ihn. Saulus erkennt seinen Herrn und erhält Anweisungen zur Taufe in Damaskus als künftiger Herold Jesu (Apg 9, 3 ff.).

Gesetz: Bezeichnung für die im Pentateuch, den 5 Büchern Mose, gesammelten, auf die Gottesoffenbarung am Sinai begründeten Weisungen, allgemeiner auch für die Mosebücher als Ganzes.

Hebräer: ursprgl. die Vorfahren Israels in Ägypten bis zum Auszug (Exod 5, 3), aber auch die Völkerschaften, die sich unter Saul gegen die Philister stellen (1 Sam 14, 21), später archaisierender Ehrenname für die Israeliten, welche die väterliche Lebensweise gegenüber dem Hellenismus bewahren; in Apg 6, 1 die in Palästina geborenen und ansässigen, aramäisch sprechenden Juden, im Unterschied zu den

Hellenisten: aus der Diaspora nach Jerusalem zurückgekehrten, griechisch sprechenden Juden mit eigener Synagoge (Apg 9, 29), die auch innerhalb der christlichen Urgemeinde eine Gruppe bilden (ihre Führer sind Stephanus und Philippus, Apg 6, 5).

Heidenchristen: im Unterschied zu den Judenchristen, welche sich den Weisungen des (Mose-)Gesetzes weiterhin verpflichtet sehen, stellen sich die Heidenchristen in die Linie der Gesetzeskritik Jesu und sehen das Gesetz für neu bekehrte Heiden nicht als verbindlich an. Nach Paulus (Röm 10, 4) ist Christus das Ende des Gesetzes als Heilsweg, an dessen Stelle Glaube und Freiheit treten (Gal 5, 1).

Heilsgeschichte: Heilshandeln Gottes an seinem Volk innerhalb der Weltgeschichte, im Judentum der Bund Jahwes bis zur Landnahme der Väter und Kultstiftung (um 1200 v. Chr.), im NT das Christusgeschehen bis zum Kommen des Menschensohns (Löwith).

‚Hütte Davids’: gemeint ist der jüdische Tempel in Jerusalem.

Itinerar: Aufzeichnungen der Paulusreisen mit Notizen über Reisestationen (Landschaften, Städte), Gastfreunde, Dauer oder Erfolge der Mission.

Jerusalemer ‚Liebeskommunismus’: nicht ganz unumstrittene (Haenchen 505) Charakterisierung des Zusammenlebens der frühen Urgemeinde mit Verzicht auf Eigentum, Gütergemeinschaft und  Verpflichtung zu wechselseitiger Fürsorge.

Kerygma: Predigt / Verkündigung der heilsschaffenden Botschaft von Jesus Christus.

Parusie: Wiederkunft Christi als Richter am Ende der Weltzeit (Mt 24; Lk 12, 35-48).

Pharisäer: jüdische Religionspartei seit dem 2. Jh. v. Chr., welche die strengen Reinheitsgesetze des AT auch im Alltag praktizierte, geführt von der Gruppe der Schriftgelehrten (‚mündliche Tora’ als Auslegung des Gesetzes für die Gegenwart mit Berufung auf Mose); auch in der Urgemeinde vertreten (Apg 15, 5), mit Messiaserwartung, Hoffnung auf Auferstehung der Toten (Apg 23, 6-9; 24, 14 f.) und auf Bestehen im Jüngsten Gericht durch Gesetzestreue und gute Werke.

Rezension: in der Textkritik das Bemühen, durch Abgleich unterschiedlicher überlieferter Lesarten wieder eine möglichst nahe an die Originalversion heranreichende Fassung eines antiken Textes zu erstellen.

Schriftbeweis: Erklärung von Gegenwärtigem aus seiner Ankündigung im AT.

Urchristentum: die neue Bewegung in ihren ersten beiden Generationen zwischen 30 und 100, noch unter dem zumindest indirekten Einfluss der Gründerfiguren und im Entstehungszeitraum der wichtigsten Schriften des NT. Der noch ganz im jüdischen Kult verankerten Urgemeinde unter der Leitung des Petrus und der Zwölf in Jerusalem (Apg 2-6) steht bald eine Gruppe von Griechisch sprechenden, gesetzeskritischen Diasporajuden gegenüber. Angehörige dieser ‚Hellenisten’ (Apg 6, 1, s.o.), Opfer der ersten Christenverfolgung unter Saulus nach dem Stephanus-Martyrium (Apg 8, 1 ff.), missionieren sodann in Judäa und Samaria (Philippus) und bis nach Antiochia in Syrien (Apg 11, 19 ff.), wo es zu einer gemischt juden- und heidenchristlichen Gemeinde und damit einem zweiten, hellenistischen Zentrum kommt. Dieses wird, endgültig abgesegnet im Jerusalemer Apostelkonzil d. J. 48, zum Ausgangspunkt der Heidenmission des Paulus und Barnabas.

 

D. Leitfragen – Leitaspekte einer Lektüre der Apostelgeschichte, mit Vorschlägen aus der arbeitsteiligen Sichtung und gemeinsamen Diskussion im Arbeitskreis; diese können den Bedürfnissen der Lerngruppe und den zeitlichen Vorgaben entsprechend zu einer je ‚individuell’ strukturierten Lektüresequenz ausgewählt und kombiniert werden:

  • Judenchristen – Heidenchristen – Hellenisten

Apg   6 : Trennung Hebräer – Hellenisten.

Apg  10, 34 ff.: Petrus zu den Heidenchristen (s.u.).

Apg  15 : Apostelkonzil – ta éthnē (12) – Beschluss mit Brief und Minimalforderung als Kompromiss (23-29).

Was interessiert (möglicherweise) die Schülerinnen und Schüler ?

Integration von ‚Fremden’ – Wie wichtig sind uns unsere eigenen Traditionen ? Wie gehen wir damit um, wenn Andere etwas für „unverzichtbar“ halten (z.B. Kopftuch) ? – Wie hältst Du es mit der Religion ?

  • Gemeindestrukturen – Gemeindeverfassung  

Apg 2, 44-47 Eigentumsverzicht; Apg 6, 1-6 Fürsorgepflicht; Apg 15, 6-22 Konzil.

  • Reden: a) Einbettung und Funktion für den Kontext – b) verschiedene Typen – [optional] c) ihre Theologie.

Pfingstpredigt des Petrus – Areopagrede (Missionspredigt) des Paulus – Paulus vor den Juden in Jerusalem (Apg 22, 1-21, Apologie).

  • Persönlichkeitszeichnung und –entwicklung(en)

Damaskuserlebnis Apg 9, 1-9: vom Saulus zum Paulus;

Apg 10, 34-48: Petrus’ Annahme (auch) der Heidenmission.

  • Neben-‚Helden’ der Apostelgeschichte. Frauen und ihre Rolle  

Philippus – Barnabas – Silas. Lydia (Apg 16, 13 ff.); hochgestellte Frauen unter der Zuhörerschaft des Paulus (Apg 17, 4. 12): Drusilla – Frau des römischen Statthalters Felix (Apg 24, 24), Berenike – Schwester des Königs Herodes Agrippa II. (Apg 25, 23 / 26, 30); Prophetinnen – Töchter des Hellenisten Philippus (Apg 21, 9).

  • Welche Wege nimmt die Mission (‚Schaltstellen’)  

Übergang nach Europa (Apg 16, 11 f.) → Griechenland, Malta → Rom (Apg 28).

  • Vertreter Roms und die neue Gemeinde  

Apg 10 Bekehrung des Centurio Cornelius; Apg 18, 1-17 in Korinth hält sich der Statthalter Gallio aus den innerjüdischen Streitigkeiten heraus.

Apg 22, 25-30 Gefangennahme und Prozess des Paulus: Bürgerrechtsfrage; Apg 25, 11 f.: Appellation an den Kaiser → Überstellung nach Rom.

  • Neue Religion („Der neue Weg“) und Altes Testament → Reden.
  • Heilungswunder der Apostel und Wunderzeichen Gottes, Visionen 

Apg 3, 1-10: Petrus und der Gelähmte; Apg 9, 36 ff.: Auferweckung der Tabitha – relativ ausführlich narrativ und ‚spektakulär’, darum exemplarisch.

Apg 12, 6-10: Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis in Jerusalem durch den Engel des Herrn; Apg 16, 25 ff. des Paulus und Silas in Philippi durch ein Erdbeben.

Apg 9, 10-16 Vision des Hananias (zu Paulus); Apg 10, 9-16 des Petrus (zu Cornelius).

 

 E. Vorschläge für eine Lektüre-Reihe:

Apg. 1, 1-14:   Himmelfahrt Christi.

15-26:   Ansprache des Petrus an die Jünger (Tod  des Judas) und Erneuerung des Zwölferkreises durch Zuwahl des Matthias.

Apg. 2, 1-14:   Pfingstwunder.

14-36:   Pfingstpredigt des Petrus an die Juden von Jerusalem (Auferstehung und Erhöhung Jesu, Ausschüttung des Heiligen Geistes – als Erfüllung der at-lichen Joel- und David-Prophetie).

37-47:   Wirkung auf die Juden: erste christliche Gemeinde in Jerusalem.

Apg. 6, 8-15:   Auftreten und Wirken des Stephanus (7, 2-53 Predigt des Stephanus wider das Judentum zur Väter- und Prophetenzeit des AT – ohne Bezug zur aktuellen Situation, der Anklage vor dem Hohen Rat, dem Synhedrion).

7, 54-60:   Stephanus erster Märtyrer: Steinigung (mit Billigung des Saulus).

8, 1-3:    Erste Christenverfolgung durch Saulus in Jerusalem.

Apg. 9, 1-30:   Damaskuserlebnis: von Saulus zu Paulus; Beitritt zum   Apostelkreis.

Apg. 10, 34-47:   Bekehrung des ersten Heiden – des römischen Centurio (10, 1) Cornelius – durch Petrus: Erkenntnis der gottgewollten Heidenmision auch bei Petrus und gegenüber den anwesenden Judenchristen.

11, 1- 4a:   Verteidigung des Petrus vor den Judenchristen in Jerusalem und

11-18:   Bekenntnis zur Heidenmission.

Apg. 15, 6-33:   Apostelkonzil in Jerusalem: ‚Absegnung’ der gesetzesfreien Heidenmission.

Apg. 17, 22-31:   Areopagrede: christlicher Glaube und griechische Philosophie.

Apg. 22, 1-21:   Verteidigungsrede des Paulus vor den Juden in Jerusalem und Begründung seines Auftrages zur Heidenmission.

Apg. 25, 7-12:   Antrag des Paulus auf Appellation vor dem Kaiser in Rom.

Apg. 27, 39 – 28, 6:   Schiffbruch vor Malta, Rettung und ‚Schlangenwunder’ – Ankunft im Abendland.