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Zu-E-Stein-Hölkeskamp-Das-archaische-Griechenland

Zu-E-Stein-Hölkeskamp-Das-archaische-Griechenland

Elke Stein-Hölkeskamp: Das archaische Griechenland – Die Stadt und das Meer, München (Beck) 2015 [C.H. Beck Geschichte der Antike]. 302 S., € 16,95 (ISBN 978-3-406-67378-8).

Der anzuzeigende Band bildet den Auftakt einer sechsteiligen Reihe des Beck-Verlages zur antiken Geschichte, welche den Bogen vom archaischen über das klassische Griechenland sowie den Hellenismus zur römischen Republik und Kaiserzeit bis in die Spätantike spannt. In acht Kapiteln entwickelt Stein-Hölkeskamp (StH.) hierin die Geschichte des vorklassischen Griechenland zwischen dem 12. und 6. Jh. v. Chr. und erweitert damit den konventionellen Epochenansatz um das Ende der mykenischen Zeit bis über die ‚Dunklen Jahrhunderte‘ hinweg. Die Vorstellung von einer Primitivisierung nach dem Niedergang der Paläste und einer Renaissance im 8. Jh. wird im Lichte anwachsenden archäologischen Materials aus der nichtliterarischen Zwischenzeit ebenso aufgegeben wie die Annahme eines linearen und überall parallel laufenden Prozesses, der bruchlos und im Sinne einer Kausalkette notwendig von den homerischen Helden über Solon zu Sokrates, von Adelsherrschaft und Tyrannis zur attischen Demokratie, von der Archaik als Vorgeschichte zur Klassik als Höhepunkt und Abschluß führte; vielmehr zeigen sich in regional versetzten Phasen Kulturkontinuitäten wie -brüche, geht der Weg vom Fürstenpalast Homers zur Polis, vom ansässigen Bauern zum Kolonisten und Bürger in einem Nebeneinander von Handlungssequenzen, welche vormals in kontinuierlicher Abfolge gesehen wurden (S. 12-14).

Die einzelnen Kapitel fügen sich einer gemeinsamen Ordnung: nach einer einleitenden Passage, welche durchweg die frühe griechische Dichtung, aber auch Philosophie oder Herodot sprechen läßt, wird der systematische, Groß-Hellas zusammenschauende Hauptteil der Darstellung durch Fallstudien unterlegt, die am Beispiel der Mikrogeschichte einzelner Poleis Entwicklungen diachron nachzeichnen und – über die bestbezeugten Athen und Sparta hinaus – den geographischen Rahmen auf das ‚andere Griechenland‘ hin weiter abstecken, abgeschlossen wiederum durch ein Fazit, welches die Eingangs- bzw. Grundüberlegungen unterstreicht und dabei Ergebnisse der Fallstudien mit einbindet. Überdies werden die auf die Kapitel verteilten gesellschaftlichen Gruppen in den Fallstudien zusammengeführt, in deren Rahmen sie wiederum als kooperierende oder konkurrierende dramatis personae den Werdegang ihres Gemeinwesens auf je eigene Weise gestalten. Die ersten beiden Abschnitte nehmen einen gemeinsamen Bezugspunkt und beleuchten ihn aus unterschiedlicher Quellensituation und zeitlicher Perspektive: die Palastanlagen, für welche namengebend diejenige des festländischen Mykene wurde, erlebten ihre Blütezeit im 14./13. Jh. und standen ihrerseits unter dem Einfluß der jüngeren minoischen Zivilisation auf Kreta (17.-15. Jh.). Neben den architektonischen Zeugnissen etwa von Pylos und Tiryns auf der Peloponnes, Theben in Boiotien, Jolkos in Thessalien sowie zahlreicher ‚mykenischer‘ Siedlungen außerhalb dieser Zentren (und von unterschiedlicher Ausdehnung) geben insbesondere die Tontäfelchen des Linear-B Einblick in die hierarchische Struktur dieser den vorderasiatischen Stadtmonarchien ihrer Zeit verwandten, dazu untereinander wie ‚international‘ bestens vernetzten Gesellschaften, ihren sozialen Aufbau, ihr Wirtschafts- und Abgabensystem, ihr Gefolgschaftswesen (S. 25 f.). Mit dem Untergang der zentralistischen Hochkultur wurde eine Schrift offenbar entbehrlich, die Paläste verfielen unwiederbringlich, die Herrscherfiguren erhielten ihren Platz im Mythos. Gleichwohl ist eine submykenische Tradition und gar postpalatiale Blüte lokal wie politisch begrenzter, aber weiterhin auch überregional agierender Fürstentümer bis Mitte des 11. Jh. durch Keramikfunde und Grabbeigaben belegt. Erst ab etwa 1075 kann man aufgrund des Fehlens materieller wie schriftlicher Zeugnisse tatsächlich von ‚Dunklen Jahrhunderten‘ sprechen (S. 37), durch welche hindurch wiederum und entgegen einem kontinuierlichen kulturellen Fortschrittsprozess auf der Ebene der Grundstrukturen bescheidenere autonome Einheiten überdauerten und zum Fundament des gemeinsamen Polissystems werden konnten.

Die ‚Welten des Homer‘ auf der anderen Seite sind durch Alphabet und Schriftlichkeit geprägt, die Palastzeit Geschichte, ihre epische Darstellung in den spätmykenischen Lebensverhältnissen bereits durchzogen von den gesellschaftlichen Umbrüchen des 8. Jh.: Gegenstand indes sind noch die Machthaber der früheren Epoche in ihrem Ringen untereinander, gesehen mit den Augen einer neuen Zeit und ihres Aufbruchs. Im Vordergrund steht hierbei die Frage, ob und in welchem Maße diese literarisierten Textzeugen einer mündlichen Erzähltradition Aussage- und Quellenwert für die zeitgenössischen Gesellschaftsstrukturen haben, zu deren Legitimation sowohl eine Vergangenheit schaffen als auch eine gestalterische Zukunftsprojektion entwickeln (S. 60). Jedenfalls spielen Ilias wie Odyssee innerhalb der Polisrealität späterer Jahrhunderte und damit zur Zeit ihrer Verschriftlichung (S. 67), ist „in den Epen die Polis bereits allgegenwärtig“ (S. 79). Dies bestätigt sich in der Fallstudie der phäakischen Königsstadt Scheria (Od. 6 ff.), welche bereits das Verschmelzen monarchischer und polisdemokratischer Elemente zeigt (S. 95). Im Unterschied zur konventionellen Herangehensweise zieht StH. (S. 14) die Behandlung der frühgriechischen Kolonisation derjenigen der Polis vor, indem sie – literarische (Texte) und archäologische (Steine) Quellen gegeneinander abwägend – Migration nicht als Folge von demographischen und/oder ökonomischen Schwierigkeiten im Mutterland sieht, sondern das beidseitige Ringen der Gemeinschaften um auskömmliche Siedlungsstrukturen herausstellt: Kreativität im Aufbau und – phasenverschobene – Innovationserfahrungen in den einzelnen Neugründungen konkurrieren mit Reorganisationsprozessen, die sie bei den ‚Zurückgebliebenen‘ erst anstoßen, ein Lernfortschritt, welcher die Verbreitung neuer sozialer und politischer Modelle in der alten wie neuen Welt beförderte (S. 119 f.). Motive mögen Stáseis (Bürgerkriege), Streben nach neuen Handlungsspielräumen, bloße Abenteuerlust gewesen sein, von der Heimatgemeinde geplante Unternehmungen homogener Gruppen indes nur in Einzelfällen – die von StH. dann aber eingehend charakterisiert werden (S. 102 ff.). Der durchweg aristokratische Anführer (Oikístes) besorgt zugleich die kultische Legitimation in einem Gründungsmythos, und die Erwartungen dieser höchst mobilen (und zahlenmäßig kleinen) Gruppen wie ihre Erfahrungen jenseits der heimischen Oíkoi im Westen, an der Schwarzmeer- und nordafrikanischen Küste seit der Mitte des 8. Jh. dürften in den idyllischen nicht weniger als in den Horrorgeschichten der zeitgleichen homerischen Odyssee ihr poetisch-verschriftlichtes Echo gefunden haben.

Die stadtstaatliche, in sich geschlossene und mit je eigenen Institutionen, Normen und Identität ausgestattete Polis als Kult- wie politische Gemeinschaft (sowohl oligarchischer als auch demokratischer Variante) teilt sich mit anderen Poleis einen gemeinsamen geographischen wie kulturellen Raum; innerhalb dessen wettstreitet sie zugleich wirtschafts- und machtpolitisch – was Kriege als eine „typische Form der Interaktion zwischen Poleis“ miteinschließt (S. 124). Nach innen ist sie wiederum verzahnt mit einem bewohnten ländlichen Raum bzw. Hafenumland als unabdingbarem wirtschaftlichen Einzugsgebiet und binnenuntergliedert in Phylen, Demen und weitere Kleineinheiten (S. 135). Im Unterschied zu den hierarchisch aufgebauten und ständisch gegliederten frühen Hochkulturen findet die souveräne und selbstbestimmte Polisbürgerschaft ihren gemeinsamen Raum im urbanen Zentrum mit Agora, Verwaltungsgebäuden, Heiligtümern und Feststätten, wie sie sich (von der Autorin an zahlreichen Beispielen im Einzelnen belegt) seit dem 8. Jh. insbesondere in den Siedlungsgebieten des Westens herausbilden und von dort aus erst in die Poleis des Mutterlandes zurückwirken – nicht zuletzt im Zeugnis der schreibenden Zeitgenossen (S. 126 f.). Entwicklungslinien dieser autonomen soziopolitischen Einheiten mit periodisch wechselnden, aber sachbezogen zuständigen Ämtern, mit vorberatenden, geschäftsführenden und kontrollierenden Ratsorganen sowie mit beschlussfassenden Versammlungen der Vollbürger samt „geregelter Interaktion“ in der Öffentlichkeit der Agora vollzieht StH. in aller Vielfalt von der Königszeit in Ilias und Odyssee an (S. 140 ff.).

Auf das Konzept der Polis folgen in der Behandlung konsequent die tragenden Bevölkerungsgruppen: Bauern – Aristokraten – Bürger, eingelegt: die Tyrannis (S. 221-55). Das archaische Griechenland war ein bäuerliches, das von den Bauern bewirtschaftete Umland bildete Rückgrat und Basis der Kernsiedlungen (S. 159 f.). StH. beschreibt detailliert und in Anbindung an deren literarischen Widerhall soziale Strukturen sowie Lebens- und Arbeitsverhältnisse zunächst Regionen übergreifend, um sie dann für die überschaubare Umgebung des dichtenden Landwirts Hesiod (S. 170 f.) anhand einer Interpretation von dessen Werken und Tagen in der Fallstudie Askra (Böotien) punktgenau zu verifizieren. Krise und Bedrohung dieser Welt bereits seit dem 8. Jh. durch Erbrecht, Demographie und Klima, durch das Fehlen eines nennenswerten exportfähigen Handwerks wie Handels finden ihr Echo um 600 in den Reformen Solons, der Umgang der lokalen Führungsschicht (Basileís) damit in seinen Elegien (S. 182-84). Die als Gruppe offene, durch individuelle – ökonomische, soziale, moralische – Überlegenheitsmerkmale definierte (S. 188) Aristokratie maß sich untereinander in permanentem Wettbewerb, nach innen auf dem kultivierten und ‚netzwerkenden‘ Symposion, nach außen bei den panhellenischen Agónen – Fallstudie natürlich: Olympia – , die in den Siegerskulpturen künstlerische, in den Epinikien (Pindar) poetische Verarbeitung fanden (S. 201-04). Die Umbrüche der adligen (Fernhandel, Kriege, Stáseis), mit der bäuerlichen durchaus verwobenen Schicht spiegelt StH. in der Lyrik des 7./6. Jh. (Alkaios, Theognis), und Dichter wie Archilochos, Tyrtaios und Xenophanes bereiten (S. 218 f.) in ihren auf den Gemeinnutz zielenden Wertmaßstäben für eine bislang selbstbezogene Prominenz und deren tyrannischen Superlativ (S. 254) den Übergang zu einem Polisbürgertum vor. Neue Strukturen von Zugehörigkeit und Teilhabe an Entscheidungsprozessen auf kommunaler Ebene – so in Attika (S. 270-73) die Demen- und Phylenreform des Kleisthenes (509/08) – bereiten den Boden für das Zusammenspiel der politischen Einheiten in klassischer Zeit.

Ein ganz großes Plus dieses Buchs ist die konsequente Gliederung und der überall klare Aufbau. Der trotz zahlreicher Fachtermini auch für Nicht-Fachleute stets gut erklärte und flüssig aufzunehmende Text, von Karten, Zeichnungen und Abbildungen passend unterstützt, ist nicht ganz frei von Wiederholungen in Einzelnem, und mancherorts lässt ein ‚behagliches‘ „dieses … aber jenes auch“ eine wünschenswerte Klärung offen, doch vielleicht ist das in einem einführenden Handbuch nicht anders angebracht. Ein knapper Anmerkungsapparat (S. 279-82) belegt nahezu ausschließlich die in allen Kapiteln zahlreichen Textzeugen der (meist) zeitgenössischen griechischen Originale. Das Literaturverzeichnis ist gleichfalls kapitelweise aufgefaltet und stellt den Titeln (durchweg neueren Datums) jeweils einen kurz gefassten, informativen Forschungsbericht voran. Ein Namens- und Ortsregister beschließt diesen kundigen und lesenswerten Gang durch die frühe, eigenständige Phase hellenischer Geschichte zwischen Stadt und Meer.

Michael P. Schmude, Boppard

aus: FORUM CLASSICUM 58 (2015), S. 194-197.

Flucht-Fremdheit-und-Migration-in-Vergils-Aeneis-und-Homers-Odyssee

Flucht-Fremdheit-und-Migration-in-Vergils-Aeneis-und-Homers-Odyssee

Flucht, Fremdheit und Migration

in Homers Odyssee und Vergils Aeneis

von Michael P. Schmude, Lahnstein / Vallendar

in: Herausforderung Menschenwürde – Anthropologie und Humanwissenschaften im Diskurs, hg. von I. Proft und F. v. Heereman (Ostfildern [Grünewald-Verlag] 2021) [Ethische Herausforderungen in Medizin und Pflege, Bd. 10], S. 13-32.

 

Migration und Wanderung schon zu Beginn der Antike, aus einer Zeit der Geschichte, die für Heutige nur mehr in Umrissen greifbar ist: die prominentesten – nicht einzigen – Migranten des Epischen Kyklos – Odysseus und Aeneas – , ihre Schicksale und Erlebnisse, ihre Vertreibung und ihre Irrfahrt, ihre Aufnahme und Abweisung sollen hier anhand ausgewählter Texte aus Homers Odyssee wie Vergils Aeneis auftreten.

Zwei Anführer auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort – zur gegenwärtigen, aber verlorengegangenen Heimat, die es neu zu erobern gilt, Odysseus (wir sprechen von Ithaka, einer Insel vor der Westküste Griechenlands), zur einstigen Heimat der Vorfahren, die neu gefunden werden muss, Aeneas (gemeint Latium, Landschaft und Umgebung des heutigen Rom). In der Odyssee sind die Zwischenstationen lediglich Durchgangsstationen nach eben Ithaka selbst; in der Aeneis wollen die Flüchtlinge an ihren jeweiligen Ankunftsorten zumindest zeitweilig auch zur Ansiedlung aufgenommen werden.

Odysseus, der ‚Vielgewandte‘, hat ein intaktes gesellschaftliches Umfeld, seine Heimat, verlassen, in welche nach Wunsch zurückzukehren ihm unterwegs wie am Ende der Reise – zudem unter Verlust all seiner Gefährten – zunächst und lange verwehrt bleibt.

Pater Aeneas, der ‚pius Aeneas, flieht aus einem vernichteten sozialen Gefüge, dem zerstörten Troia, mit dem göttergegebenen Auftrag, für sich und eine Kerngruppe Überlebender den Platz für eine Neuansiedlung und bessere Zukunft zu finden.

Zielsetzung dieser Darlegungen ist ein Panorama unterschiedlicher Sichtweisen auf Umstände und Situationen, in welche der Fremde, Flüchtende oder Irrende auf der Suche nach Heimat, Zuflucht oder Ruhestätte geraten konnte, suchend wie getrieben, selbstbestimmt wie von Übermächten verschlagen.

Die Thematik könnte aktueller nicht sein: sowohl die Ausgangssituation vor Troia – Heimatland des Einen (Aeneas), Wirkungsstätte des Anderen (Odysseus) während der Blütezeit seines Lebens – wie auch der erstrebte Ort des Neubeginns – tatsächlich neue Heimat des Einen (Aeneas), wiederzugewinnende vormalige des Anderen (Odysseus) – weisen verblüffende Parallelen zu und Gemeinsamkeiten mit Ausgangssituationen moderner Flüchtlingsschicksale auf, und hieraus entwickelt sich leitmotivisch der Rote Faden für die Textauswahl.

Dabei liegt es auf der Hand, dass in diesem Rahmen keine auch nur annäherungsweise Behandlung der jahrhundertelangen Migrationsbewegungen im gesamteuropäischen Raum gegeben werden kann, so wenig wie eine solche der Flüchtlingsproblematik zurückliegender Jahre. – An dieser Stelle sei zu ‚Flucht und Vertreibung‘ im weiteren antiken Umfeld, namentlich des biblischen Schrifttums hingewiesen noch auf den Exodus des Volkes Israel in den Mose-Büchern des AT oder auf die Flucht der ‚Heiligen Familie‘ als Reaktion auf den berüchtigten ‚Kindermord‘ des Herodes (Mt 2, 13 ff.) im NT.

 

Die Konstellation der Geschichte mutet sonderbar vertraut an: eine blühende Metropole wird – aus einer politisch gewollten Kombination vorgeschobener und wahrer Gründe – zerstört, geplündert, niedergebrannt, ihre männlichen Einwohner massakriert, die weiblichen einer ihrer nicht gemäßen Bestimmung zugeführt; einer kleinen Schar begünstigter Überlebender gelingt auf abenteuerliche Weise die Flucht auf eine ‚Reise‘ ins Ungewisse … soweit aus dem Epischen Kyklos, einem Kranz von Dichtungen, welche den Sagenkreis um den Trojanischen Krieg ergänzen, ausgestalten, abrunden und wohl zwischen 800 und 500 v. Chr. entstanden sind, wohlbekannt. Die Irrfahrten erstrecken sich über ein Meer, welches seinerzeit die Oikūménē Gē miteinander verband und auch in heutiger Zeit wieder zu einem Schicksalsmeer zwischen drei Kontinenten geworden ist, das mare nostrum im eigentlichen Wortsinne …

Wir reden hier zunächst von Aeneas und seinen troianischen Schicksalsgenossinnen und –genossen. In einem odysseischen Kontext treten sie nach ihrer Flucht aus dem brennenden Ilion (dem Burgberg der Stadt Troia) in unseren Gesichtskreis, vor der Küste des heutigen Tunesien. Dort finden nach einem verheerenden (gottgewirkten) Seesturm (Vergil, Aeneis Buch I) die schiffbrüchigen Flüchtlinge, welche zunächst führerlos und von allen Booten ausgesandt in die Stadt (nordöstlich des heutigen Tunis) strömen, zum ersten Mal eine gast- und freundschaftliche Aufnahme – die Königin des gerade erstehenden Karthago (Neu-stadt, wie das griechische Néa-pólis, heute Neapel), Dido, mit eigenständigem Migrationshintergrund, nimmt den (durchaus nicht unbekannten) Ankömmlingen gleich zu Beginn die Furcht vor den – notwendigen – Grenzsicherungsmaßnahmen:

„Solvite corde metum, Teucri, secludite curas.

 

res dura et regni novitas me talia cogunt

moliri et late finīs custode tueri. (564)

 

Quis genus Aeneadum, quis Troiae nesciat urbem,

virtutesque virosque aut tanti incendia belli ?

 

Non obtusa adeo gestamus pectora Poeni,

nec tam aversus equos Tyria Sol iungit ab urbe.

 

 

 

Seu vos Hesperiam magnam Saturniaque arva,

 

sive Erycis finis regemque optatis Acesten, (570)

auxilio tutos dimittam opibusque iuvabo.

 

Voltis et his mecum pariter considere regnis ?

urbem quam statuo vestra est, subducite navis;

Tros Tyriusque mihi nullo discrimine agetur.“

„Löst vom Herzen die Furcht, Teukrer [Teukros – Stammvater der Troianer], verbannt die

Sorgen. Das harte Los und die [ungewohnte] Neuheit

der Herrschaft zwingen mich, Solches in Gang zu setzen

und weithin die Grenzen durch Wachen zu schützen.

Wer kennt nicht das Geschlecht der Aeneaden, wer kennt

nicht die Stadt Troia, Heldentaten und Männer, oder die

Feuersbrunst eines so gewaltigen Krieges ?

Nicht so abgestumpft sind wir Punier im Herzen,

und nicht so abgewandt von der tyrischen Stadt [Tyros an der Küste des heutigen Libanon – alte Hauptstadt der Phönizier = lat. Poeni, Punier]

spannt Sol [der Sonnengott] seine Rosse an.

Ob ihr das weite Hesperien [Abendland, Westen] und

Saturnische Gefilde [Italien/Latium] anstrebt,

ob das Gebiet des Eryx [Berg, NW-Küste Siziliens] und

den König Akestes, sicher unter [meinem] Schutze werde

ich euch aussenden und mit meinen Mitteln helfen.

Wollt ihr euch aber mit mir zugleich in diesem Reiche

niederlassen ? Die Stadt, die ich baue, ist Eure, zieht die

Schiffe an Land; Troer wie Tyrer wird von mir ohne

Unterschied behandelt werden.“

 

Dieses Bekenntnis der Königin löst den Auftritt des Göttersprosses aus, der von seiner Mutter, der (Liebes-)Göttin Venus, bisher in einer Wolke verborgen und jetzt verjüngt und ‚veredelt‘ worden ist – für Schützlinge homerischer Gottheiten ein Wandermotiv, welches wir in beiden ‚Richtungen‘ immer wieder auch bei Odysseus (s.u.) antreffen. Jedenfalls ermöglicht es ein von wechselseitigem Respekt wie Ehrfurcht gleichermaßen getragenes Zusammentreffen Beider. Was folgt, ist die großzügige Versorgung der Troianer bei den Schiffen mit allem Notwendigen sowie die Ehrung ihrer Vornehmen durch ein festliches Bankett im Königspalast, auf welchem Aeneas seine und der Seinen Odyssee seit ihrem fatalen Umgang mit dem Hölzernen Pferd vor Troia erzählt (Aeneis Bücher II und III).

Erkennbare Motive der Aufnehmenden sind die Prominenz der Flüchtlinge, Mitgefühl, nicht zuletzt die Aussicht auf Bündniszuwachs. Um das gemeinsame Flüchtlingsschicksal weiß Aeneas von seiner Mutter, Dido lässt es anklingen. Die Liebe der infelix, der unglücklichen Dido, zum Troianerfürsten kommt – tragisch und gesteuert allerdings von außen – in der Folge hinzu … Doch die Aufgenommenen werden weiterziehen – nicht, weil sie in Karthago nicht bleiben wollten, es ihnen dort (gefühlt oder tatsächlich) nicht gut genug erginge, sondern weil sie ihrem Fürsten an einen anderen Ort folgen müssen – die fata, die göttlichen Bestimmungen, die auf die Gründung des kommenden caput mundi, Roms abzielen …

Nach einem dramatischen Abschied aus Karthago (Aeneis Buch IV), welcher – samt Fluch – Grundlage für eine kommende Erbfeindschaft (und deren historischen Niederschlag in den Punischen Kriegen des 3. Jh. v. Chr.) sein wird, segeln die Migranten von ihrem sicheren Erstaufnahmeland in Nordafrika aus Richtung Italien, dem verheißenen Land ihrer Väter, welches sie auch ungefährdet erreichen sollen – bis auf den Steuermann Palinurus: er ist das Opfer, das Neptun für die sichere Fahrt zur Tiber-Mündung (nachmals Ostia) verlangt.

Zuvor allerdings legen sie noch einen Zwischenstopp auf Sizilien ein (Aeneis Buch V): dort tritt Akestes, der Sohn einer troianischen Mutter, namentlich an der Westküste (Drepanum) als König hervor, empfängt und versorgt seine Landsleute freudig. Schon der Alte Ilioneus hatte die Meerenge von Sizilien in seiner flehentlichen Ansprache an Dido in Karthago als vormaliges wie auch wieder künftiges Anlaufziel der Flüchtlinge benannt (auch Dido selbst spricht davon). Zugleich richtet Akestes die Feierlichkeiten zu Ehren des zuvor (zum Abschluss von Buch III) verstorbenen und hier begrabenen Vaters des Aeneas, Anchises mit aus. Am Ende bleiben die Reise- und Kampfesmüden, Greise und Schwache, angeführt von den Müttern auf der Insel zurück, um hier unter seinem Patronat die Stadt Akeste, ein neues Troia, zu erbauen – einmal mehr freilich auf überirdisches Betreiben hin, die Göttermutter Iuno … (sie stiftet eine Sprecherin der Mütter an 620 ff., die Flotte des Aeneas in Brand zu setzen).

Anschließend also in Italien, am Strand von Cumae (in der Nähe des heutigen Neapel) gelandet, muss Aeneas wie weiland Odysseus zunächst der Unterwelt (Aeneis Buch VI) einen Orientierungsbesuch abstatten, bevor (Buch VII) zeichengestützt (116-129; angekündigt von der Harpye Kelaeno III 255-257 und Helenos III 388-395) Latium als Ort dauerhafter Ansiedlung sowie später der Platz für die Gründung der neuen Stadt feststeht. Und auch dort wendet sich – gegenüber einer ordnungsgemäß diplomatischen Delegation der Aeneaden – der ortsansässige König Latinus gastfreundlich und verständnisvoll den hilfesuchenden und vom Hörensagen angekündigten Neuankömmlingen aus einem fernen Land zu. Einer der Gründerväter Troias, Dardanus, war von eben hier zu seiner Wanderung ins kleinasiatische Phrygien aufgebrochen:

„dicite, Dardanidae [neque enim nescimus et urbem (195)

et genus, auditique advertitis aequore cursum],

quid petitis? quae causa rates aut cuius egentīs

litus ad Ausonium tot per vada caerula vexit ?

 

sive errore viae seu tempestatibus acti,

qualia multa mari nautae patiuntur in alto, (200)

fluminis intrastis ripas portuque sedetis,

ne fugite hospitium, neve ignorate Latinos

Saturni gentem haud vinclo nec legibus aequam,

sponte sua veterisque dei se more tenentem.

 

atque equidem memini [fama est obscurior annis] (205)

Auruncos ita ferre senes, his ortus ut agris

 

Dardanus Idaeas Phrygiae penetrarit ad urbes

Threiciamque Samum, quae nunc Samothracia fertur.“

„Sprecht, Dardaner [denn wir kennen sehr wohl eure Stadt wie euer Geschlecht, angekündigt

lenkt ihr eure Fahrt auf der See hierhin],

Was wünscht ihr ? Welcher Grund hat die Schiffe oder

welches Bedürfnis durch so viele tiefblaue Meere

an den Strand Ausoniens [= Italiens] gebracht ?

Ob ihr euch im Wege geirrt habt, ob von Unwettern

getrieben, wie es vielfach auf hoher See die Schiffer erleben,

ihr die Ufer des Flusses betreten habt und im Hafen euch

niederlasst: flieht nicht die Gastfreundschaft, verkennt nicht

die Latiner, den Stamm des Saturn, der gerecht nicht durch

Schranke oder Gesetz, sondern aus eigenem Antrieb und

nach der Sitte des altehrwürdigen Gottes sich treu bleibt.

Und auch ich jedenfalls erinnere mich [die Nachricht verblasst mit den Jahren]

dass Aurunkische [Stamm der Ausoner] Greise so

erzählten, wie Dardanus in dieser Gegend geboren zu den

Städten Phrygiens am Ida [Gebirge in der kleinasiatischen Troas] gelangt sei und nach Samos in Thrakien, welches jetzt Samothrake genannt wird“ [insula in der nordöstlichen Ägais]

 

Und es ist eigener Antrieb (sponte suā), welcher die Latiner die Fremdlinge aufnehmen lässt, noch nicht einmal gesetzlich geregeltes Gastrecht, sondern alter Götterbrauch (Saturnus [griech. Kronos] ist der Gottkönig des Goldenen Zeitalters in Italien), an welchen das uralte Geschlecht sich gebunden fühlt. Die Troianer können entgegnen mit der Aussicht auf Ruhm für solche Verdienste (231 f.), auf sich selbst als andernorts durchaus begehrte Verbündete und auch ihrerseits mit dem Verweis auf den gemeinsamen Urvater Dardanus. Die üblichen Gastgeschenke kommen hinzu.

Den Ausschlag für den König gibt freilich die Rückbesinnung auf ein vormaliges Orakel seines Vaters Faunus, welcher ihm einen Schwiegersohn aus fernem Lande angekündigt hatte und aus der Verbindung seiner Tochter Lavinia mit diesem eine mächtige, weltbeherrschende Nachkommenschaft: es sind also in der Aeneis Vergils stets bereits auch politische – im heutigen Wortsinne – Motive mit ihm Spiel … Die junge Lavinia entspricht übrigens in der Handlungskonstellation auf gewisse Weise der phäakischen Königstochter Nausikaa im sechsten Buch von Homers Odyssee – aber ganz anders ihr ‚(Nicht-)Auftreten‘ gegenüber Aeneas, welchen sie (wieder anders als Nausikaa) schließlich heiraten wird: zusammen mit ihrer Mutter Amata betet sie (im XI. Buch) um seine Vernichtung.

Dementsprechend gewährt Latinus den Ankömmlingen Aufnahme (260 ff.), ruft Aeneas, mit dem er in personā hier nicht zusammentrifft (erst später in Buch XI und zu Beginn von Buch XII), zu Bündnis und Nachfolge im Sinne des Orakels und entlässt sie reichbeschenkt – dass die darüber herzukommende Göttermutter Iuno als unversöhnliche Intimfeindin Troias auch dies wieder, wenn nicht zu verhindern, so doch zu hintertreiben beginnt, eröffnet eine weitere Geschichte – um Turnus, den Fürsten der ortsansässigen Rutuler (ähnlich dem Gaetuler Jarbas Aen. IV 206 ff., nicht zuletzt Auslöser der Dido-Tragödie), den inländischen Thronaspiranten, dem die Königstochter zur Frau und damit die Herrschaft als künftiger König versprochen worden war: ein heftiger Interessenskonflikt, aktuellen im Ansatz und sinngemäß durchaus vergleichbar …

 

Szenenwechsel auf die ‚andere Seite‘ und zur Parallel-Erzählung:

 

Auch Odysseus beruft sich im jüngeren homerischen Epos vor dem Kyklopen Polyphem (Odyssee Buch IX) auf den Göttervater Zeus als Schutzherrn aller Flüchtigen: aber noch bevor er das tun kann, begegnet dieser den Fremdlingen, den Xénoi, vorsorglich und lauthals unfreundlich, unterstellt ihnen gar, als planlose Räuber über die Meere zu kommen:

„Fremde, wer seid ihr ? von woher segelt ihr über nasse Pfade ?

Geht ihr einem Geschäft nach oder irrt ihr aufs Gerate-

wohl wie Räuber übers Meer, die umherschweifen und

ihr Leben aus Spiel setzen, indem sie Fremden Übles bringen ?“

Die demütige und flehentliche Ansprache, mit der Odysseus sich und seine Gefährten vorstellt, um gastliche Aufnahme und Hilfe bittet, welche dem Fremden nach göttlicher Ordnung (Thémis) zustehe, beantwortet der Kyklop mit blankem Hohn. Dessen Verweis auf Zeus, welcher den Gast geleite,

„aber scheue, Bester, die Götter: wir flehen bei Dir um Hilfe,

Zeus aber ist der Rächer der um Hilfe Flehenden und Fremden,

der Schützer des Gastrechts, welcher ehrwürdige Gäste geleitet“.

bedenkt er mit einer hybrisgeladenen Absage an jede Verpflichtung gegenüber den Göttern, denen er und seine Genossen überlegen seien – und das, obwohl die Kyklopen (wie die Giganten und die Phaiaken, s.u.) den Göttern in besonderer Weise nahestehen (so jedenfalls der Phaiakenkönig Alkinoos zu Odysseus im VII. Buch). Polyphem also: „… ein Narr bist du,

der du mich aufforderst, die Götter zu fürchten oder ihren Zorn zu meiden.

Wir Kyklopen kümmern uns nämlich nicht um den im Sturm einherfahrenden Zeus,

und auch nicht um die glückseligen Götter, denn wir sind weit trefflicher“.

Deutlicher kann die Missachtung jeglicher inner- wie überweltlicher sozialer Spielregeln kaum mehr zum Ausdruck gebracht werden – sie sind Ausdruck einzig einer individuellen Willkür, eines kyklopischen Mutwillens:

„und ich dürfte wohl kaum aus Scheu vor Zeus‘ Feindschaft Schonung gewähren,

weder dir noch den Gefährten, wenn nicht das Gemüt es mir befiehlt“.

Der Fortgang dieser unseligen Flüchtlingsgeschichte ist schauerlich: noch ehe der Listenreiche die Existenz seines – sehr wohl noch vorhandenen – Schiffes so recht unterschlagen kann, fällt das Ungeheuer über die Gefährten her und frisst sie zeitversetzt paarweise auf – Gastfreundschaft nach Kyklopenart. Die beantwortet der Gast nicht weniger spektakulär: anders als der Unhold hat er durchaus ein Gastgeschenk im Angebot, einen schweren Rotwein, dessen nachhaltige Wirkung später den Balken im Auge des Gastgebers erst ermöglichen wird – innerhalb der Skulpturengruppe der Tiberius-Grotte von Sperlonga (auf halbem Wege zwischen Neapel und Rom) findet sich diese Szene, also die Blendung des Polyphem durch Odysseus und seine Gefährten (wie auch im III. Buch von Vergils Aeneis und in Ovids Metamorphosen im XIV. Buch) eindrucksvoll nachgestellt.

Am Ende, nach geglückter Flucht aus der Höhle und angesichts einer wütenden Verabschiedung, gibt der Fremdling, welcher sich mit ‚Oútis‘, also mit ‚Niemand‘ vorgestellt hatte, sein Inkognito preis:

„Schändlicher, da du dich nicht scheutest, die Gäste in deinem Hause

zu verschlingen: dafür haben Zeus und die anderen Götter dich bestraft.

[…]

Sag, Odysseus, der Städtezerstörer, habe dich geblendet,

der Sohn des Laërtes, der auf Ithaka sein Haus hat“.

Damit ermöglicht er seinem peinigenden ‚Gastfreund‘ allerdings eine wiederum fatale Verfluchung – vergleichbar derjenigen Didos hinter den Aeneaden her (s.o.) –, welche Grundlage für die Fortdauer seiner Flüchtlingslaufbahn bleiben soll …

Weitere Erlebnisse wie die bei den Lotophagen, dem Windbeherrscher Aiolos, den Laistrygonen, alle erzählt beim Gastmahl im Palast der Phäaken (in den Odyssee-Büchern IX und X), sind Abenteuer sozusagen auf der Durchreise, keine Frage von bleibender Aufnahme oder gar neuer Beheimatung. Überhaupt ist dieser homerische Irrfahrer – erst zusammen mit seinen Gefährten, nach deren Untergang (im XII. Buch) als Folge ihres Frevels an den Rindern des Sonnengottes Helios (die hatten sie entgegen der Warnung ihres Anführers auf der Insel Thrinakia vor Hunger geschlachtet) aber alleinig – eine Dauerexistenz als Fremdling und Flüchtling. Doch wie anders zum Ende der Abenteuer seine Aufnahme bei den Phaiaken: an deren Gestade gestrandet, wird er (Odyssee Buch VI) nach süßlich-schmeichelnden Worten des Flehens von der Königstochter Nausikaa selbstverständlich und mit Verweis auf den Göttervater erstversorgt. Bemerkenswert dabei im Besonderen, mit welch vorbehaltloser Unbefangenheit das Mädchen – von Athene, der Schutzpatronin des Odysseus, bestärkt –, jung an Jahren und von herausgehobener sozialer Stellung, dem völlig unbekannten und, vorsichtig formuliert, verwilderten Mann Odysseus gegenübertritt, während die Mägde vor dem Anblick des nackten und vom Schiffbruch gezeichneten Fremdlings verschreckt fliehen.

Entsprechend ‚erwachsen‘ und abgeklärt Nausikaas Entgegnung auf die Bitten des Fremden: es ist Zeus, welcher dieses Flüchtlingsschicksal gegeben hat, und an Odysseus, es zu tragen:

„Fremder, weil du keinem schlechten noch stumpfsinnigen Manne gleichst,

der olympische Zeus aber persönlich den Menschen Glück und Gedeihen zuweist,

Edlen wie Üblen, wie er es will, einem Jeden,

so hat er auch Dir das gegeben, du aber musst es ertragen, ganz und gar.

Nun aber, da du zu unserer Stadt und Land gekommen bist,

wird es dir nicht an Kleidung mangeln noch an etwas Anderem, was einer, der leidgeprüft um Schutz nachsucht, erhalten sollte“.

Und es ist Zeus, welchem die irrenden Fremdlinge angehören (Nausikaa zu den Mägden):

„aber dieser unglückliche Mensch kommt auf Irrfahrt hierher,

den muss man nun pflegen; denn Zeus gehören alle an, [alle] Fremdlinge und

Arme, und auch die kleine Gabe wird geschätzt.

Aber gebt, Dienerinnen, dem Fremden Speise und Trank,

und wascht ihn im Fluss, wo Schutz vor dem Wind ist.

Nachdem sodann seine Beschützerin Athene gestaltend eingegriffen hat, sieht ihn mit Staunen das junge Mädchen von Neuem und wünscht sich einen solchen gar als Ehemann – das wird später (in Buch VII) auch ihr Vater, nachdem er den Fremden als Bruder im Geiste kennengelernt hat, wiederholen und sich diesen als Schwiegersohn vorstellen.

„Möchte doch auch mir ein solcher Gemahl [vom Schicksal] berufen sein, der [dann] hier wohnt, und ihm gefiele es, an diesem Ort zu bleiben.

Aber gebt, Dienerinnen, dem Fremden Speise und Trank“.

Schließlich macht sich Odysseus, von Nausikaa eindringlich in angemessene Verhaltensregeln eingewiesen, auf in die Stadt ihres Vaters Alkinoos. Auch wenn die dortigen Bewohner Fremden gegenüber nicht eben freundlich gesonnen sind, findet Odysseus, indem er auf Anraten wiederum Athenes zuerst an die Königin Aréte appelliert und sich sodann am Herd des Palastes niederlässt, Aufnahme durch den Kronrat, dessen Sprecher sich gleichfalls wieder auf Zeus als den Schutzwalter der flüchtig Hilfesuchenden beruft:

„Lass‘ Wein nachmischen, damit wir auch dem am Blitze sich freuenden Zeus spenden, welcher die ehrwürdigen Schutzflehenden geleitet;

Aber die Haushälterin gebe dem Fremden eine Mahlzeit von dem, was drinnen sich befindet“.

Allen Rednern gilt Zeus – nicht nur Göttervater, sondern auch Hüter der Rechtsordnung, der Thémis – mithin als Garant der Flüchtlingsfürsorge. Und sogleich nimmt der König den Flehenden vom Herd weg in Ehren auf und stellt die erbetene Heimfahrt in Aussicht. Dabei greift schon hier Alkinoos einen Gedanken seiner Tochter wieder auf: das anschließende Schicksal, von den Moíren (den Schicksalsgöttinnen, lat. Parcae, Parzen) gesponnen, muss Odysseus zuhause dann selbst tragen …

„Den Fremden wollen wir im Hause bewirten

und den Göttern heilige Opfer bringen,

darauf aber auch über die Heimfahrt nachdenken,

damit der Fremde ohne Müh‘ und Plage

mit unserem Geleit in sein Vaterland gelange,

freudig und bald, mag es auch recht ferne gelegen sein,

und er nicht inmitten des Weges ein Übel oder Leid erfahre,

bevor er seine [heimatliche] Erde betritt“.

Die Heimfahrt wird, nicht zuletzt unter dem Eindruck der demütigen Bitte des Odysseus, von allen Anwesenden bekräftigt, und im darauffolgenden Zwiegespräch mit dem Königspaar über die Umstände seiner Ankunft im Phaiakenland sichert Alkinoos endgültig seinem Gast sicheres Geleit für den folgenden Tag zu.

 

Endlich in der Heimat gelandet, ist es der göttliche Schweinehirt Eumaios, welcher dem zunächst Unbekannten Zuflucht und Obdach gewährt (Od. XIV 45 ff.): zwar bellen die Hunde den Eindringling noch an und muss der ‚Hausherr‘ entschieden einschreiten und diese zur Ordnung rufen, doch bietet er ohne jeden Umschweif dem fremden Alten seine Hütte und Mahlzeit an, ohne noch zuvor dessen Herkunft und Vorleben zu kennen. Odysseus wie Eumaios weisen auf Zeus als Gewährsmann und Schutzherrn des Gastes:

Fremder, es ist für mich nicht Recht, auch nicht, wenn ein Geringerer als du kommen sollte,

einen Fremden zu missachten; denn Zeus gehören alle

an, [alle] Fremdlinge und Arme, und auch die kleine Gabe wird geschätzt.

und der Schweinehirt bewirtet den noch immer Unbekannten. Auch dieser ruft abschließend (158) die „xenía trápeza, den gastlichen Tisch“ an.

Erst nach diesem ersten, begrüßenden Schmaus und Trank fragt Eumaios den Fremden zu Identität und Herkunft:

Wer und woher bist du (unter den Menschen) ? Wo sind deine Stadt und deine Eltern?

Auf was für einem Schiff bist du angekommen, wie brachten dich die Seeleute nach Ithaka ? Wer gaben sie vor zu sein ?

Ich glaube nämlich nicht, das du irgendwie zu Fuß hierhergekommen bist.

Der gibt vor, als Kreter zusammen mit seinem König Idomeneus gegen Troia gezogen und seinerzeit auch wieder heimgekehrt zu sein. Auch die darauffolgenden Abenteuer in Ägypten, Libyen und Thesprotien (Landschaft in Epirus, NW-Griechenland), welche Odysseus seinem Gastgeber jetzt auftischt, münden [wenngleich in seiner Fiktion] – in gastfreundlichen Aufnahmen des notleidenden Flüchtlings an den Höfen der Könige – nicht ohne, dass wieder Zeus xeínios die Hand im Spiel hatte.

Odysseus‘ tatsächliche und endgültige Aufnahme in der Heimat hingegen erfolgt beim gemeinsamen abendlichen Mahl der Hirten 402 ff., bis hin zu Dank und der Formel, mit welcher Eumaios ihn – wie zuvor bereits Nausikaa (in Buch VI) und Alkinoos (in Buch VII) – für sein sonstiges Schicksal an den Gott verweist „… der Gott wird das Eine gewähren, das Andere versagen / was immer in seinem Geiste er will; denn Alles vermag er“ (445).

Und für seinen inzwischen (Od. XV) nach Ithaka zurückgekehrten Sohn Telemach ist es hernach selbstverständlich, dass der fremde Gast ‚da‘ ist (XVI 43 ff.). Er fragt Eumaios sogleich nach der Mahlzeit, woher dieser komme und wer dessen Mannschaft sei – das wird später in Buch XX noch einmal der Rinderhirt Philoítios tun und den Fremden freundlich begrüßen – , zögert aber, ihm seinerseits richtiggehende Obhut zu gewähren: Telemach kann Odysseus im eigenen Hause nicht hinreichend vor den Freiern schützen. Die jungen Vornehmen von Ithaka buhlen am Hof um die Hand seiner Mutter und Königin, während der Gatte und rechtmäßige König seit Langem verschollen ist. Die Freier versorgen bzw. bedienen den unerkannten Odysseus eher pflichtgemäß als Bettler, ihre Wortführer Antinoos, Eurymachos und Ktesippos misshandeln ihn aber auch – was die Übrigen zwar missbilligen, doch nicht wegen Verletzung des Gastrechts. Penelope beklagt ausdrücklich das Verhalten des Antinoos. Trotz der mahnenden Worte des jungen Amphinomos, den Gast nicht zu kränken, werden sie ihr übermütiges und hochfahrendes Spiel treiben mit dem Fremden, dem Bettler, dem sozial Schwächeren und Untergeordneten – und folglich spricht Telemach zu Eumaios:

[Telemach spricht]

Denn wie will (soll) ich den Fremden im Hause aufnehmen ?

Ich selbst bin noch jung und vertraue noch nicht

meinen Händen, einen Mann abzuwehren, wenn einer zuvor mich anfeindet […]

Dorthin möchte ich ihn wohl nicht zu den Freiern gehen lassen; denn einen allzu frevelhaften Übermut tragen sie in sich.

Dass sie ja nicht ihren Spott mit ihm treiben, mir aber schlimmer Kummer bleiben wird.

Denn es ist schwer für einen Mann, etwas auszurichten, der gegen Mehrere steht, auch wenn er mit Kraft begabt ist, denn sie sind viel stärker.“

Nur indirekt ist noch Penelope, Ehefrau und Mutter, Aufnehmende: sie sieht in dem Fremden vor Allem den potentiellen Nachrichtenträger über Odysseus. Und als sich dies bestätigt, nimmt sie ihn als dessen Gastfreund in aller Form in ihrem Hause auf (XIX 253 f.)

Nun sollst du, Fremder, wenngleich bisher mir bemitleidenswert,

in meinem Hause geschätzt und geehrt sein.

und ordnet seine Versorgung und Bewirtung an. Schließlich ‚übergibt‘ sie ihn an die alte Amme Eurykleia (die schon die des Odysseus war, und die ihn beim Fußwaschen an einer Narbe wiedererkennt), und anderntags wiederum fragt auch Telemach ausdrücklich danach.

Dem Vater Laërtes hingegen, welcher sich aus Kummer über die Vorgänge im Königspalast aufs Land draußen zurückgezogen hatte, begegnet Odysseus in Buch XXIV mit einer (weiteren) Trugrede als Gastfreund des Sohnes: er hatte inkognito verschiedentlich von seiner eigenen Gastfreundschaft gegenüber (seinem fiktiven) Odysseus gesprochen. Arglos erwidert der Alte in Trauer um den Verlorenen und begrüßt den Fremden mit der gleichen Formel wie zuvor bereits Eumaios und Telemach:

Und sage mir dies noch wahrheitsgetreu, damit ich es wohl wisse:

Wer und woher bist du (unter den Menschen) ? Wo sind deine Stadt und deine Eltern ?

Wo liegt dein schnelles Schiff, welches dich und deine göttergleichen Gefährten hierher gebracht hat ? Oder bist du als Reisender

Auf fremdem Schiffe gekommen, die aber haben dich an Land gesetzt und sind weiter gefahren ?

Der ehemals so hoffnungsfrohe Ausgang der Gastfreundschaft zwischen dem ‚Fremden‘ (also tatsächlich: Odysseus) und seinem Sohn (dem fiktiven Odysseus im Rahmen der jetzigen Trugrede des ‚Fremden‘) hat sich indes nicht erfüllt: dessen Spur bleibt verloren. Die verzweifelte Reaktion des Vaters lässt Odysseus aber spontan und sogleich seine wahre Identität enthüllen:

Jener hier bin ich doch selbst, Vater, nach welchem du fragst, bin

gekommen im zwanzigsten Jahr ins Land der Väter“.

Er ist angekommen und hat das Handeln auf Ithaka – hier: die Bestrafung der Freier – längst wieder fest in die eigene Hand genommen.

 

Sind die bisher behandelten Flüchtlingsstationen des Troia-Heimkehrers integrale Bestandteile der Odyssee-Handlung, so finden sich andere, speziellere Situationen von Ankunft und ‚Angeworfen-Sein‘, welche mehr episodenhaften Charakter tragen und eher nicht zum Ursprungsgerüst der Erzählung gehören:

Von Kalypso auf der westlich gelegenen Insel Ogygia gastlich aufgenommen, wird der ehemals gestrandete Schiffbrüchige im fünften Buch schon lange gegen seinen Willen festgehalten, bis im achten Jahr Zeus selbst durch Hermes seine Heimfahrt anordnen lässt. – Den homerischen Spannungsbogen zwischen Sehnsucht nach Heimat und Familie sowie der Aussicht auf Unsterblichkeit bei der ehemals so verführerischen Nymphe weitet Michael Köhlmeier in seinem Roman Kalypso (München 1997) zu olympischen Reflexionen über die Sterblichkeit aus.

Bei Kirke auf der ostwärts gelegenen Märcheninsel Aiaia im zehnten Buch sucht der fremde Ankömmling nach Hilfe für seine Weiterfahrt. Nachdem sie die Hälfte seiner Gefährten ohne Umschweife eingeladen, verköstigt und sodann in Schweine verwandelt hat, versucht die Hexe dies auf die gleiche Weise auch mit ihm. Durch das Kraut des Hermes geschützt, überwältigt er sie und macht sie zu seiner Vertrauten (s.u.); zudem wird er königlich bewirtet. Nach einem Jahr üppiger Gastfreundschaft drängen die Gefährten zur Heimfahrt, doch Kirke weist den Odysseus zum Haus des Hades, um in der berühmten Nékyia Od. XI, dem Unterweltsbuch, die Seele des thebanischen Sehers Teiresias über sein weiteres Schicksal zu befragen.

Beide Episoden mögen keine ‚klassischen‘ Flüchtlingsschicksale im herkömmlichen Sinne sein, aber mit ihnen überspannt der Erzählreigen letztlich das gesamte Mittelmeer – und darüber hinaus …

Denn am Ende werden – und sollen humoris causā der Abrundung dieser von Epos zu Tragödie zu Komödie mehr als schillernden Figur halber auch hier nicht vorenthalten bleiben – aus Flüchtlingen gar Abenteurer, die erleben, zu welchem Ziel unbändige ‚Wanderlust‘ nun auch führen kann: in der Divina Commedía des Florentiners Dante Alighieri (1265-1321) schildert der im Inferno für seine Listen vor Troia büßende Odysseus dem Dichter und seinem Cicerone Vergil (im Canto XXVI) ihre letzte Fahrt jenseits der Säulen, welche Herakles den Menschen als Grenze gesetzt hatte – zitiert nach der Prosa-Übersetzung von Kurt Flasch (Frankfurt 2013):

(85) […] „Nachdem ich mich getrennt hatte von Kirke, die länger als ein Jahr mich an sich zog dort bei Gaeta, bevor Aeneas der Stadt diesen Namen gab, da konnten weder die Süßigkeit meines kleinen Sohns noch die Pietät für den alten Vater, noch die Liebe, die ich, sie heiter zu machen, Penelope schuldete, die Glut besiegen, die in mir war, die Welt zu erfahren, Menschenwert und Menschenunwert. Sondern ich segelte hinaus aufs hohe offene Meer mit einem einzigen Boot und mit der kleinen Schar, die mich nie im Stich ließ. Beide Ufer sah ich, bis hin nach Spanien, bis hin nach Marokko, und die Insel der Sarden und die anderen, die dieses Meer rings umspült [d.h.: es entfallen alle Abenteuer, die in der homerischen Odyssee nach dem 10. Gesang erzählt werden, dazu die dramaturgisch vorangestellten Ogygia- und Phaiaken-Episoden].

(106) Ich und die Gefährten, wir waren alt geworden und zögernd, als wir zu dem engen Durchlass kamen, wo Herkules seine Warnung gesetzt hat, dass der Mensch nicht weitergehe [= Meerenge von Gibraltar]. Rechts ließ ich Sevilla liegen, links hatte ich Ceuta gelassen.

(112) ‚O Brüder‘, sagte ich, ‚nun seid ihr durch hunderttausend Gefahren zum Westen gelangt, verweigert doch nicht der, ach, so kurzen Nachtwache unserer Sinne, die uns noch bleibt, die Erfahrung der Rückseite der Sonne, der Welt ohne Menschen. Schaut auf euern Ursprung: Ihr seid nicht geschaffen, zu leben wie die Tiere, sondern für richtige Tat und Erkenntnis.‘

(121) Mit dieser kleinen Rede machte ich meine Gefährten so begierig auf die Fahrt, dass ich sie hätte kaum noch zurückhalten können. Wir kehrten unser Heck gen Osten, machten aus unseren Rudern Flügel zum irr-gewagten Flug und kamen zur linken Hand hin immer weiter voran. Schon sah ich des Nachts alle Sterne des anderen Pols [also des Südpols], und unsrer [der Nordpol] lag so tief, dass er sich über die Meeresfläche nicht mehr erhob.

(130) Das Mondlicht war fünfmal neu aufgegangen und erloschen, seit wir die hohe Fahrt begonnen, da erblickten wir einen Berg, in der Entfernung dunkel und so hoch, wie ich noch keinen gesehen hatte. Wir freuten uns, doch bald kam der Jammer, denn von dem neuen Land her brach ein Wirbelsturm los und traf vom Schiff den Bug. Dreimal wirbelte er es herum mit dem Strudel. Beim vierten Mal hob er das Heck und versenkte den Bug, wie Einer es wollte. Bis das Meer sich über uns schloss.“

 

Der Epische Kyklos hält weitere Versionen vom Ende des Rastlosen bereit, welche allerdings das Odyssee-Geschehen erst geschehen lassen, bevor sie dessen noch ‚offene Enden‘ zusammenführen: in der Telegonie wird Odysseus von seinem in der Ferne (tēle-) gezeugten Sohn Telégonos, den seine Mutter, die Zauberin Kirke (s.o.), auf die Suche nach seinem Vater gesandt hatte, beim Rinderraub auf Ithaka unerkannt ermordet – das fatale Aufeinandertreffen von Vater und Sohn wird zur Zeit der Völkerwanderung im Hildebrandslied (aufgezeichnet um 8oo im Kloster Fulda) wiederkehren. Am Ende stehen die Verbindung von Telégonos und Penelope sowie von Telemach und Kirke.

Waren es bei Dante Tatkraft und Entdeckungslust, so lässt auch bei Odysseus‘ modernem Landsmann Nikos Kazantzakis, welcher die Odissia (1938) forterzählt, unbändiger Freiheitsdrang dem von der vorgefundenen Enge seiner wiedergewonnenen Heimat Enttäuschten keine Ruhe. Jean Giono, Naissance de l‘Odyssée (1930) lässt Odysseus, den Lügner, ‚sein eigener Homer‘ werden, welcher die Abenteuer des schiffbrüchigen Heimkehrers selbst erfindet und auf der Rückfahrt die Mären seiner heldenhaften Irrfahrten an den Herden und Lagerfeuern unter die Leute bringt. Und bei Walter Jens, Das Testament des Odysseus (1957, an seinen Enkel Prasidas) gerät der Troia-Kämpfer, Freibeuter und Abenteurer, Wanderer bereits in seinen Jugendjahren ‚vor Helena‘ (und Penelope), schließlich zum Pazifisten: wenn er schon den Trojanischen Krieg nicht hat verhindern können, so verzichtet er doch auf eine Heimkehr und Wiedereinsetzung in seinen alten sozialen Status. Auf diese Weise meidet er die bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen, welche aus den heimischen Verhältnissen zwangsläufig entbrennen müssten, die unterdessen doch ihre Ordnung wiedergewonnen haben: Penelope steht (nach dem Trauerjahr) vor der Vermählung mit dem greisen Amphinomos als Nachfolger des für tot erklärten Odysseus. Diese Weitererzählungen indes heben die Geschichte des Heimkehrers auf eine sublimere Ebene – und von unserer Thematik endgültig weg …

 

All den charakterisierten Partien ist gemeinsam, dass das Recht des Gastes wie des (in aller Regel ‚angespülten‘) Flüchtlings nirgendwo grundsätzlich in Frage gestellt wird: der Aufnehmende und Gastgeber weiß, dass er in der gottgegebenen Pflicht und Ordnung (Thémis) steht. Ein Verweigern dieses Auftrages stellt ihren Auctor außerhalb jedes menschlichen wie göttlichen Kosmos‘, mithin außerhalb jeder zivilisatorischen Struktur – und das leisten sich bewusst und willentlich in der homerischen Welt (zu welcher natürlich auch die Aeneis zählt) allein die ungeheuerlichen Kyklopen, welche „der seligen Götter nicht achten“. Dabei steht gleichfalls außer Frage und geht dem pflichtgemäßen Verhalten des aufnehmenden Gastgebers durchweg voraus, dass der um Hilfe und Aufnahme Ersuchende dieses mit einem respektvollen und angemessenen Auftreten ihm und der Aufnahmegesellschaft gegenüber unterlegt.

Gewiss muss man bei Odysseus wie bei Aeneas zwischen ‚Privat-‘ und ‚Staats-‘Flüchtling unterscheiden, ist die moderne Bannbreite zwischen Wirtschaftsflüchtling und politisch Verfolgtem, zwischen Flucht aus (Natur-)Katastrophen und Flucht aus Krisen- und Kriegsgebieten zwar vorbereitet, keinesfalls aber abgedeckt. Ungeachtet dessen bleibt die condicio humana als solche und in ihren Grundvoraussetzungen über die Jahrhunderte hinweg vergleichbar, sie scheint auch hinter den ‚Alt-Fällen‘ stets hervor. Flucht, Vertreibung und Wanderung aus den behandelten wie angedeuteten Motiven und Konstellationen heraus sind ein dauerhaftes mo(vi)mentum der Menschheitsgeschichte, und ihre Behandlungen in Literatur wie Kunst zeigen verwandte, wiederkehrende‚ ,wandernde‘ Motive – unlängst im Roman Grand Hotel Europa des Niederländers I.L. Pfeijffer (2018) wird ein junger, nordafrikastämmiger Hotelportier bezichtigt, die Geschichte seiner Flucht nach Motiven aus der Aeneis erfunden zu haben.

 

 

Appendix: Wie sehr erzwungener Heimatverlust den Vertriebenen, den Flüchtling, den ‚Ausländer‘ leiden lassen kann, hat in der Antike kaum Jemand eindringlicher beschrieben als der tenerorum lusor amorum, der römische Stadtdichter Ovid in seinen Tristien. In der X. Elegie des vierten Buches beklagt er – autobiographisch und durchaus subtil, daher aber auch wenig konkret – eine angeordnete, in allen Zumutungen standhaft ertragene Flucht aus Italien und sein trauriges Exilantendasein in der provinziellen Ferne an der Westküste des Schwarzen Meeres:

„tacta mihi tandem longis erroribus acto

iunctă pharetratīs Sarmatĭs oră Getīs.

(110)

 

hic ego, finitimis quamvis circumsoner armis,

tristia, quo possum, carmine fata levo.

 

quod quamvis nemo est, cuius referatur ad aures,

 

sic tamen absumo decipioque diem.

ergo quod vivo durisque laboribus obsto,

(115)

nec me sollicitae taediă lucis habent,

 

gratia, Musa, tibi: nam tu solāciă praebes,

tu curae requiēs, tu medicina venīs.

tu dux et comes es, tu nos abducis ab Histro,

in medioque mihi das Helicone locum.

(120)

 

tu mihi, quod rarum est, vivo sublime dedisti

nomen, ab exequiis quod dare famă solet.

 

nec, qui detrectat praesentiă, Livor iniquō

ullum de nostris dente momordit opus.

nam tulerint magnos cum saecula nostra poetas,

(125)

non fuit ingenio fama maligna meo,

cumque ego praeponam multos mihi, non minor illis

dicor et in toto plurimus orbe legor.

 

si quid habent igitur vatum praesagia veri,

prōtinus ut moriar, non ero, terră, tuus“.

(130)

„Erreicht worden sind mir, nachdem ich in langen

Irrfahrten getrieben, die Küsten schließlich Sarmatiens,

die verbunden mit den köchertragenden Geten.

Hier erleichtere ich, obwohl ich ringsum von nahen

Waffen umklirrt werde, mein trauriges Geschick,

soweit ich kann, mit dem Lied.

Wenngleich es Niemanden gibt, zu dessen Ohren

dieses vorgetragen werden könnte

verbrauche ich dennoch und täusche ich so den Tag.

Dass ich also lebe und den harten Mühen widerstehe

und mich [noch] nicht der Überdruss am aufgeregten

Tag[esgeschäft] im Griff hat,

[dafür sei] Dank dir, Muse: denn du gewährst Trost,

du bist die Ruhe von der Sorge, du das Heilmittel für

die Adern. Du bist Führer und Begleiter, du führst uns

weg von der Donau und gibst mir mitten auf dem

Helicon [meinen] Platz.

Du hast mir, was selten ist, [noch] zu Lebzeiten den

erhabenen Namen geschenkt, welchen der Ruhm [erst]

vom Leichenzug an zu geben pflegt.

Auch der Neid, welcher Gegenwärtiges schmälert,

hat kein Werk von den unseren mit gehässigem Zahn

[weg]gebissen. Denn wenn auch unsere Zeitalter

große Dichter hervorgebracht haben,

so war [doch] die Kunde meinem Talent nicht

übelwollend, und wenn ich auch Viele mir voranstelle,

so werde ich nicht geringer als Jene genannt,

und auf dem ganzen Erdkreis am Meisten gelesen.

Wenn also die Vorhersagen der Seher etwas Wahres in

sich tragen, [dann] werde ich, selbst wenn ich alsbald

sterben sollte, Erde, nicht der Deine sein“.

 

Auch wenn hier kein Köcherträger seiner Dichtung ein Ohr leiht, er reell am Unterlauf der Donau (Hister), in Tomi (dem heutigen Constantza in Rumänien) und nicht wie Hesiod am Musenberge Helikon im griechischen Böotien weilt, so trösten ihn doch zu Lebzeiten (!) und unter Gleichrangigen das Ausbleiben von Neid, der Weltenruhm und die Ewigkeit, erfährt er Halt durch die Tochter Iuppiters, behauptet er sich an ihrem heiligen Hügel gegenüber dem Palatin (Wohnsitz des Kaiserhauses) in Rom. Gleichwohl verweigert der prominente Relegat auf Erden nicht die Integration in der Fremde – er unterzieht sich dichterischen Übungen auch in der Sprache der einheimischen Geten, aber das lässt ihn nicht wirklich zum Landeskind werden …

 

 

Der Umgang mit Fremdheit und Ferne, das Ringen um die neue Kultur (und Sprache), verbunden mit der Frage: wechselweise Verfremdung oder bereichernde Ergänzung ? Politisch-gesellschaftlicher Mehrwert versus Eigeninteresse vor Ort ? Die Vertrautheit der gewohnten, weil gewachsenen Lebensumwelt und die Erfahrung ihres Verlustes, die Bemühungen ‚anzukommen‘ wie das Streben nach einem Neuanfang und die (Selbst-) Behauptung darin; das Finden eines neuen, persönlichen Lebensmittelpunktes; die Erkenntnis oder wenigstens doch der Blick auf die condicio humana in der empathischen Begegnung mit dem Schicksal des Flüchtlings (Vergils Aeneas) und dem Dasein als Exilant (Ovid) – diese Alle sind Leitaspekte einer Flüchtlings- wie Exilliteratur jeder Zeit, und sie finden in den Umwälzungen unserer Tage rund um das nach wie vor mare nostrum bedrückende Parallelen, welche einmal mehr den Blick auf historische Konstanten menschlicher Katastrophen seit ihren mythischen Anfängen in der Antike lenken.

Zu-R-Schrott-Homer-Ilias-Buch-I

Zu-R-Schrott-Homer-Ilias-Buch-I

Homer – Ilias, übertragen von Raoul Schrott, kommentiert von Peter Mauritsch  (München, C. Hanser 2008), 631 pp., gebunden 34,95 Euro.

Bereits nach Lektüre des ersten Gesanges von Sch(rott)s Ilias – eingebettet als Zweiter Teil des Troianischen Krieges nach (Inhaltsangaben der) Kypria und vor Aithiopis1 – stellt sich ein ausgesprochen ungutes Gefühl über Sprachform und Diktion dieser Übertragung ein, welche (im hinteren Klappentext) immerhin den Anspruch erhebt, „noch nie zuvor […] dem heutigen Leser dieses große Epos vom troianischen Krieg so nahe [zu bringen], in einer ebenso kraftvollen wie bildhaften Sprache“. Voss (1793), Schadewaldt (1975), Hampe (1979), Ebener (1983), Latacz (2002) haben „wesentlich dazu geführt, daß die Ilias heute kaum mehr gelesen wird …“ (S. XXXII) – man muß solche Verstiegenheit nicht kommentieren. Stattdessen sei der Hinweis erlaubt, daß die Abfolge bei den Homerica zunächst einmal umlaufender, dichtender Volksgeist und seine weitere, jahrhundertelange mündliche Verbreitung durch fahrende Sänger (Rhapsoden) ist, sodann erst (anders Sch. S. XXVIII f.) die Spracharbeit eines Dichters (Homer) deren literarischen Niederschlag schafft – ohne darum doch die Zeugen ihrer Herkunft aus der oral poetry gleich auszumerzen. Ob Platon im Ion diese Entstehungsgeschichte epischer Werke vor Augen hatte, bleibe dahingestellt, der Verweis auf ihn (S. XXXIII) ist wohlfeil – wer wollte seiner Aufforderung an den Rhapsoden seiner Zeit, zu verstehen, „was der Dichter meint“, widersprechen, aber: was er sagt und wie er es meint, bleibt Interpretation und am engsten darin erkennbar, wie er es formuliert: „Homer von seinem Ufer abzuholen, um ihn ins Heute zu bringen“ ist eben nicht mehr genuin Homer, sondern Schrott nach Inhalten der homerischen Ilias, und die von ihm „substituierte“(!) philologische Übersetzung nicht eine „das Wörtliche2 liebende“, sondern eine das Wort des Autors in seinem <Sitz im Leben>. Diese Unterscheidung nimmt Sch.s Übertragung nicht ihren Eigenwert.

Kritikpunkte am literarischen Vorgehen bleiben gleichwohl: So wird eine Veranschaulichung homerischer Figuren – irdischer wie überirdischer – insbesondere durch die bis hin zur Albernheit reichende Banalisierung ihrer Sprachform angestrebt. Völlig unterschiedliche Stilhöhen stehen innerhalb ein und derselben Rede ein und derselben Person in unvermitteltem und unausgewogenem Kontrast nebeneinander; ganz besonders störend wirkt dies in der Rede des Altersweisen Nestor an die Kampfhähne zu Beginn (Il. I 254 ff.). So sprechen keine Heroen des Epos, so spricht der Hanswurst in der Komödie: es ist keinerlei Gespür für eine der jeweiligen literarischen Gattung angemessene Stilebene erkennbar.

Eine Auflistung von schriftsprachlich gezielt und gesucht, bemüht Unpassendem – im Ganzen oder in der Kombination seiner Versatzstücke –  enthielte etwa die Verse Il. I 31, 57, 122, 130, 132, 148, 173, 210, 229, 256, 261, 273, 285, 291f., 300f., 304, 332, 342, 347, 349, 360, 378, 387f., 410f., 521 f., 527, 540, 553, 560, 567, 570, 575f., 581f., 589: welcher jugendsprachliche Mainstream mit diesen (mehr oder minder schweren) verbalen Flapsigkeiten und Redewendungen auch immer bedient werden soll – er wird seine Freude haben an beinahe bürokratischen Gespreiztheiten in vv. 68, 215, 320, sich wenig ereifern über stetig fortlaufende sachliche Ungenauigkeiten wie in vv. 36, 73, 225f., 407, 500, 513, 518, 557 oder 5733 und andererseits brillante Formulierungen, die es natürlich auch gibt, wie in vv. 358, 429, 477 und 607, kaum wahrnehmen. Ein ausgesprochenes Lieblingswort des Übersetzers scheint „Hundsfötterei“ (so in vv. 181, 233) zu sein – wer kennt es, und worin liegt sein Beitrag zum tieferen Verständnis des Gesagten ?  Hierzu fügt sich durchgängig weiter Umgangssprachliches der Art von runter (81), rum (109, 133, 288), drauf (333), was (363, 541, 556)4.

Von diesen einfach zu zahlreichen Mißtönen werden auch die durchaus gelungenen Partien in Frage gestellt: es will im Ganzen nicht recht ‚passen‘ … Und man macht das Geschehen im Epos und die darin handelnden Charaktere nicht dadurch anschaulich(er) oder lebensnäh(er), daß man sie ihrer Eigenart im und für das Epos quā Sprachform entkleidet, welche ihrerseits ja durchaus ihren Beitrag zum platonischen Gebot leistet, „das, was [der Dichter] denkt, in seiner ganzen Breite und Tiefe verstehen zu können“, und ihn derjenige bleiben läßt, der er ist – ein dichtend-gestaltender Rhapsode,  (vielleicht) das Großgriechenland des (frühen) 8. vorchristlichen Jahrhunderts ‚befahrend‘, ein Kollege seines Demodokos und Phemios, von Vergils Iopas, ein Vorfahr Volker von Alzeys und der mittelalterlichen Minstrels ?

Michael P. Schmude, Boppard

 

1Eine ausführliche Inhaltsangabe auch der Ilias selbst (S. 623-31), die Einleitung (S. V-XL) zu Autor und Vortrag, Zeitgeschichte und Gesellschaft, Dramaturgie und Komposition; zu Wörtlichkeit und Interpretation, Sprache und Rhythmik der vorliegenden Fassung (um nur einige Gesichtspunkte zu nennen), sowie ein Anhang (S. 527-621) mit knappem Kommentar und dramatis personae bilden einen Rahmen, in welchen auch Sch.s Monographie: Homers Heimat – der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe (München, C. Hanser 2008) sowie die seit dem 22.12.07 in den Feuilletons namentlich der FAZ und der Süddeutschen Ztg. ausgetragenen Debatten um die dort vorgetragenen Thesen einzubeziehen sind. Eine fächerübergreifende (Kulturgeographie und -geschichte, Sprachwissenschaft und Dichtungstheorie) Zwischenbilanz zieht der Tagungsband eines interdisziplinären Symposions an der Universität Innsbruck von 2008: „Lag Troia in Kilikien ? – Der aktuelle Streit um Homers Ilias“, hg. v. Chr. Ulf / R. Rollinger (Darmstadt, WBG 2011).

2So eindimensional ist die griechische Wortfamilie <Lógos> eben gerade nicht.

3Sind Chryseis und Briseis nun schön-wangig oder haben sie runde Backen – so vv. 143/185, und auch 429 deutet in Sch.s [!] Übertragung darauf hin – , während jene in v. 310 gerötete Wangen hat, diese in v. 346 gleichschön ist: man mag sich dabei Unterschiedliches vorstellen, aber das hängt wohl auch mit Sch.s ganz eigenem Verständnis von festen Epitheta zusammen [S. XXXVII f.], so zu Achills schnellem Schritt vv. 58 gegenüber 84 und 488, zu Heras Kuhaugen in vv. 551 gegenüber 568 und ihren weißen Ellen vv. 569/572 gegenüber 595.

4Mühsam ist auch die Druckgestalt: durchgängige Kleinschreibung, auch der Eigennamen und nach Satzende (mit Punkt), mag Geschmackssache sein. Daß auf Interpunktion vielfach verzichtet, stattdessen aber (die zum Deutschen häufig unterschiedliche) Originalbetonung griechischer Eigennamen (aber auch das nicht konsequent) gegeben wird, verbirgt seinen tieferen Sinn. Die Zeilen-/Verszählung verteilt sich ‚großräumig‘.

Homerische-Motive-in-Vergils-Aeneis

Homerische-Motive-in-Vergils-Aeneis  [überarbeitete und fortlaufend ergänzte Fassung aus: Der Altsprachliche Unterricht 49, 2+3 (2006), 104-107; → auch Scrinium 55, 3 (2010), 23]

Homerische Motive und Entsprechungen in Vergils Aeneis

von   Michael P. Schmude,   Boppard

 [Die vollständige Fassung des hier nur angerissenen Artikels findet sich unter obenstehendem (grünen) Link → auf der ‚Innenseite‘ …]

Vergil sucht durchgängig in der Odyssee- wie Iliashälfte seiner <Aeneis> zugleich Berührung mit seinem Vorbild Homer wie Kontrast: Stationen der <Odyssee>, auch wo die eigene Route dies nicht unbedingt verlangt (Insel der Kyklopen), Bauteile der <Ilias>, auch welche die Handlungsführung der <Aeneis> nicht zwingend fordert (Nisus/Euryalus-Episode – Homers ‚Dolonie‘), Personen- und Handlungskonstellationen mit (mehr oder minder) unmittelbarem homerischen Hintergrund, um sie dann aber eben gerade anders als das offenkundige Vorbild, ganz auf seine eigene Weise zu gestalten.

Eine Sammlung solcher Textpassagen, in denen Vergil Homer bzw. den <Epischen Kyklos> zitiert und seinen Darstellungsabsichten verfügbar macht, möchte die folgende Übersicht bieten, als Grundlage und für eine mögliche Auswahl eines Lektüreganges unter dem Gesichtspunkt „Vergil und Homer – Vorbild und Neugestaltung“. Eine Unterrichtsreihe in diesem Sinne ist grundsätzlich in jedem altsprachlichen Oberstufenkurs denkbar, vor Allem aber wohl auf Leistungsniveau, und ideal, wenn dieser Latein-Leistungskurs mit möglichst vielen auch Griechisch-SchülerInnen besetzt ist. Der Überblick kann aber ebenso den KollegInnen einen bequemen Zugriff auf Einzelsequenzen an die Hand geben, um mittels der Lektüre ausgewählter, begrenzter Beispiele (ggfs. auch in Übersetzung) Vergils Vorgehensweise im Ganzen zu erarbeiten.

Von Eris zu Fama zu Gloria   [aus: Scrinium 55, 3 (2010), 23]

Die rastlos suchende Zwietracht, des männermordenden Ares leibliche Schwester und Gefährtin, die zuerst noch klein sich erhebt, darauf aber das Haupt an den Himmel drängt und auf der Erde wandelt – die warf ihnen auch jetzt den Streit ohne Unterschied mitten unter, das Schlachtgetümmel abschreitend, das Stöhnen der Männer nährend“ – so beschreibt Homer (Il. 4, 440-45) das Aufsteigen der Dämonin Eris aus kleinen Anfängen zum wahllos verderbenden Monstrum (die in den Kyprien mittelbar schon den Anlaß zum trojanischen Krieg liefert). Ebendieses homerische Motiv überträgt und wandelt Vergil in der für ihn ganz typischen Weise1 ab, um das schneeballmäßig-geschwinde Anschwellen der Gerüchteküche um Dido und den fremden Ankömmling und potentiellen Geliebten Aeneas im neuerstehenden Karthago (Aen. 4, 174-77) für seinen eigenen Zweck zu veranschaulichen: „Fama […] mobilitate viget virisque adquirit eundo; parva metu primo, mox sese attollit in auras ingrediturque solo et caput inter nubila condit“ – entsprechend die lithographische Darstellung der Gigantin „Das Gerücht“ von A. Paul Weber (1943/53)2, und auch in Ovids Metamorphosen wächst sie wie die Eris Homers aus kleinstem Beginn durch ihr Werk – eine Mélange von Lügen – an (9, 137-39; auch 12, 54 und Aen. 4, 190), „quae veris addere falsa gaudet et e minimo sua per mendacia crescit3.

Ihr zwiespältiges Wesen noch bei Isidor von Sevilla (Etym. 5, 27, 26 f.: fama felicitatismalarum famanomen certilocum non habet, adiciens multa vel demutans de veritate)4 ‚spezialisiert‘ sich in der Folgezeit gleichwohl in eine Allegorie des Ruhms und mündet insbes. im 18. Jh. synkretistisch in die Verwandtschaft einer Curiosità oder Gloria. Mit dem Aufkommen des Mediums Presse kehrt das sensationslüsterne Moment zurück, und der Bogen spannt sich im 19. und 20. Jh. wieder hin zur dämonischen Seite in der Sensationsnachricht von Zeitung und Internet – wie unlängst die Literaturwissenschaftlerin Uta Kornmeier in einem Vortrag im Berliner Museum für Kommunikation nachgezeichnet hat5.

 1Vgl. AU 49, 2+3 / 2006, S. 104-107.

2In der Aeneis-Ausgabe von E. Bury (Stuttgart/Klett 1987 ff. [Rote Reihe]), S. 45.

3Val. Flacc. Arg. 2, 116-20; Stat. Theb. 3, 426/30; Lucr. Rer. nat. 6, 341.

4Weiter Etym. 2, 30, 2; Diff. 1, 218 gloria … virtutum est, fama vitiorum.

5Vgl. FAZ vom 08.12.2010, S. N3.