Schlagwort-Archiv: Etrusker

Zu-M-Bolder-Boos-Ostia-Hafen-Roms

Zu-M-Bolder-Boos-Ostia-Hafen-Roms

Marion Bolder-Boos: Ostia – Der Hafen Roms, Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Philipp von Zabern) Darmstadt 2014. 144 S., € 29,95 (ISBN 978-3-8053-4819-5).

Ostia Antica – so die heutige Metro-Station und verbunden über die Via Ostiensis mit dem ewigen Rom, Schulgruppen, Studierenden und Altertumsreisenden aus aller Welt bekannt als Hafen- und Handelsstadt an der Mündung des Tiber ins Tyrrhenische Meer, beginnt seine geschichtliche Karriere als überschaubare Militärsiedlung zur Sicherung des Versorgungsweges zu Wasser im 4. Jh. v. Chr. Seit der Zeit der Auseinandersetzungen mit dem epirotischen König Pyrrhus und im Vorfeld der Punischen Kriege in der 1. Hälfte des 3. Jh. v. Chr. wird es zum Flottenstützpunkt, seit 267 durch einen Quaestor vom Rom aus verwaltet, bevor seine Bedeutung parallel zur Expansion der Republik wächst und es in der Kaiserzeit zu dem Handels- und Kriegshafen wird. Im Mythos Anlegestelle für Aeneas und seine Troianer nach ihrer Odyssee im Mittelmeer, der Legende nach (Liv. 1, 33, 6-9) gegründet von Ancus Marcius, dem vierten König Roms (646-616) als erste Kolonie zum Schutz der von ihm dort angelegten Salinen, ist ein Fischernest Ostia erst ab etwa 335 v. Chr. an dieser Stelle archäologisch (Keramik) belegbar.

Vom (früh-)republikanischen castrum bis zur Aufgabe der veritablen Hafenstadt nach Völkerwanderung und Übergang zum Mittelalter – in diese Stationen teilt Bolder-Boos (B.) ihren „Überblick über die Geschichte Ostias und seiner Bauten“ (S. 7) ein: bereits die älteste Siedlung, von deren Mauern aus Tuffquadern noch einige Stellen erhalten sind, wird durch die beiden Hauptstraßen, den west-östlich in die Via Ostiensis übergehenden Decumanus Maximus sowie den vom Tiberhafen herkommenden und in südöstlicher Richtung in die Via Laurentina (die alte Salzhandelsstraße zum Forum Boarium in Rom) einmündenden Cardo Maximus gegliedert. Der Tuff stammt aus den Steinbrüchen von Fidenae (nördlich von Rom), welches in der 2. Hälfte des 5. Jh. erobert worden war und damit einen terminus post quem für die Gründung dieser frühen Zelle liefert. Stadtpatron war von Beginn an der Schmiedegott Vulcanus, aber auch die Zwillinge Castor und Pollux sind als Schutzgötter der Seefahrt schriftlich bezeugt. Auf ein Kultareal republikanischer Tempel an der Via della Foce (= Via Laurentina westlich der Castrumsmauern) weisen Altarreste aus Tuff, auf einen Jupitertempel am Decumanus spätestens seit dem 3. Jh. v. Chr. Livius (32, 1, 10). Die ersten, mit römischem Bürgerrecht (aber ohne eigenständige Stadtverwaltung) versehenen Einwohner waren Kleinbauern, Handwerker und Fischer mit dem militärischen Auftrag, über die Wasserstraße vor Ort zu wachen (S. 9-15). Der hinzuwachsende Handel sprengt die engen Mauern des (viertorigen) Lagers, die Nekropolen an den Hauptstraßen außerhalb des castrum werden überbaut, merkantile wie sakrale Anlagen entstehen im 2. und 1. Jh. v. Chr.: Ladenzeilen und Werkstätten am Decumanus hinter der Porta Romana, dem Osttor, oder horrea, Speicherbauten (etwa des Hortensius im Osten) mit Kammern, die sich um einen rechteckigen Innenhof reihen, bestimmen zunehmend das Bild Ostias. Am (damaligen) Stadtrand, an einer Nebenstraße südlich des Decumanus, wird das Heiligtum der Bona Dea, der keuschen Frau des Gottes Faunus angelegt, die area sacra (s.o.) um Tempel für Apollo, Aesculap und Hercules erweitert, nördlich zum Tiber hin und vom Decumanus durch eine Reihe von tabernae getrennt das Plateau der ‚vier Tempelchen‘ errichtet (S. 16-30). Diese (und weitere) freilich sind in der Kaiserzeit, namentlich Hadrians, überbaut worden und entziehen sich heutigem ‚Zugriff; das gilt auch für die Wohnhäuser, von denen im Süden auf der Westseite des Cardo noch republikanische Reste mit porticus, tablinum und atrium erkennbar sind.

Nekropolen des 1. Jh. v. Chr. vor der Porta Romana und Laurentina führen zum ersten von fünf lehrreichen Themenkästen (S. 34-36): „Tod und Begräbnis“. Weitere solcher Einführungen behandeln, sinnvoll in den jeweiligen Durchgang eingebettet „Das römische Badewesen“ (S. 60 f.), „Ein Hotel in Ostia“ (S. 95), „Das macellum“ (S. 108) sowie den römischen Mithraskult (S. 122 f.). Nachdem im letzten republikanischen Jahrhundert während der Wirren des Bürgerkrieges Soldaten des Marius 87 die Stadt geplündert, Piraten 69/68 sie überfallen und eine Flotte vernichtet hatten, erhält Ostia eine neue (pseudo-sullanische) Mauer (mit drei Haupttoren), die unter Ciceros Konsulat begonnen, unter seinem Erzfeind Clodius Pulcher 58 v. Chr. aber erst vollendet wird und das gesamte, etwa um das Dreißigfache angewachsene Stadtgebiet umfaßt (S. 32).

In julisch-claudischer Zeit (S. 37-51) kommt es nicht zuletzt unter dem Einfluß des augusteischen Baubooms auf Privatinitiative zu einem jüngeren Bona-Dea-Heiligtum vor der (zur Küste hin) im Westen gelegenen Porta Marina. Augustus‘ Schwiegersohn, Feldherr und Architekt Agrippa stiftet am Ostteil des Decumanus ein Theater und den (nördlich) dahintergelegenen Platz; bis Ende des 2. Jh. stark ausgebaut, wird dieses Ensemble des Teatro und der Piazzale delle Corporazioni eine der augenfälligsten Anlagen Ostias bleiben. Unter Tiberius wird im Zentrum des castrum, an der Kreuzung von (horizontalem) Decumanus und vertikalem Cardo Maximus vor dem alten, an der Nordseite gelegenen Jupiter-Tempel (s.o.), dem Capitolium, das Forum angelegt und an dessen südlichem Ende der Tempel der Roma und des Augustus errichtet. Am Tiberufer nördlich der Via della Foce läßt Claudius einen neuen Flusshafen samt Werft anlegen, an der Küste nordwestlich ein Hafenbecken (mit Leuchtturm und Verbindungskanal) für große Handelsschiffe – Portus Augusti Ostiensis, unter Trajan um ein weiteres Becken erweitert (S. 57). Insbesondere die Versorgung Roms mit Getreide (unter Aufsicht eines praefectus annonae) aus dem westlichen Mittelmeerraum, die Ostia von Puteoli (am Golf von Neapel) nunmehr übernimmt, macht die Anlage großer Speicher (Grandi Horrea flußseits des Decumanus) erforderlich (S. 43 f.). Erste Thermen und ein (von Osten herführender) Aquädukt beleben Mitte des 1. Jh. die Infrastruktur, und eine Synagoge in Küstennähe für die (seit dem 1. Jh. v. Chr. inschriftlich belegte) jüdische Gemeinde spiegelt die Internationalität der Hafenstadt.

Unter den Flaviern (S. 52-70) wird der Platz der Korporationen mit einem zentralen Tempel versehen, das Forum (an der Wende vom 1. zum 2. Jh.) um Curia, Basilika und einen Rundbau (für Vulcanus ?) vergrößert, weitere Thermen im Osten des alten Bona-Dea-Heiligtums sowie außerhalb der Porta Marina (die trajanischen Thermae maritimae) angelegt. Neue Wohnformen bietet das medianum-Appartement, ein rechteckiger, mehrgeschossiger Block mit Wohn- und Schlafeinheiten um einen zentralen Verteilerraum (S. 58 f.). Gewerbebetriebe wie Bäckereien und Walkereien (fullonicae), Vereinshäuser (scholae, so die – allerdings jüngere – Schola del Traiano am westlichen Decumanus Richtung Porta Marina) und Schenken (Caseggiato del Termopolio in der Via di Diana, Anfang 2. Jh. – Caupona di Alexander e Helix am Decumanus hinter der Porta Marina, 3. Jh.) entsprechen den gestiegenen Bedürfnissen der wachsenden Handelsstadt. In hadrianischer Zeit (S. 71-95) erfährt das Forum eine prächtige Ausgestaltung (Neubau des Kapitols), und vor der Porta Marina im Westen entsteht eine Art Neben-Forum (S. 75). Überhaupt erhält Ostia in der Regierungszeit Kaiser Hadrians (117-138) seine reichste Gestalt: um 120 n. Chr. das Peristylhaus dei Triclini östlich des Forum, im Nordwesten den Piccolo Mercato, eine Speicheranlage wie die sich westlich anschließenden, wenige Jahrzehnte jüngeren Horrea Epagathiana et Epaphroditiana (benannt nach zwei griechischen Freigelassenen); Kultstätten für östliche Gottheiten, Serapis aus Ägypten (im Westen der Stadt), die Magna Mater aus dem kleinasiatischen Phrygien (an der Porta Laurentina) werden ausgebaut, die Neptunsthermen (im Osten) angelegt. Weitere, für das antike Stadtbild und vor dem Auge des modernen Ostia-Besuchers prominente Anlagen entstehen in nach-hadrianischer, namentlich antoninischer (S. 96-117) Zeit (2. Jh.) – der Tempel der Schiffsbauer gegenüber der Schola del Traiano oder die Kollegiengebäude der Augustalen unweit südwestlich des Theaters, die Terme dei Sette Sapienti (nahe der Via della Foce) sowie die umfangreiche Badeanlage am Forum, Mietskasernen (insulae) wie die Casa di Diana (im Osten von Cardo und Kapitol) und gehobene Stadthäuser wie die Domus della Fortuna Annonaria östlich der Forumsthermen.

Spätere Epochen bauen aus und gestalten (das unter Commodus, dem Sohn Mark Aurels ‚neugegründete‘) Ostia fortlaufend um, überbauen oder erweitern Vorhandenes, im kultischen (Tempio Rotondo, 1. H. 3. Jh. am Decumanus neben der Basilika) wie im privaten (Domus di Amore e Psiche im Nordwesten und D. del Ninfeo an der Porta Marina, beide 1. H. 4. Jh.) Bereich. Kontinuierliche Baumaßnahmen gegen das Verlanden der Tibermündung wie zum Schutz der Hauptstadt vor drohenden Überschwemmungen bezeugen die Ingenieurskunst römischer Architekten. Die innenpolitischen Krisen und äußeren Machtkämpfe Roms zur Zeit der Soldatenkaiser (235-284) berührten zwar auch den Handel der Hafenstädte Ostia und (weiter nördlich) Portus, doch blieben diese zunächst unverzichtbar für die Versorgung der Metropole. Renovierungsarbeiten an der Terme di Porta Marina bis in die Regierungszeit des Gotenkönigs Theoderich (S. 63) weisen auf die Größe der Stadt auch nach der Eroberung Roms 476. Gleichwohl bringen das 3. Jh. (S. 118-128) und die einsetzende Spätantike (S. 129-138) Zeiten des Umbruchs: die Verlegung des Kaiserhofes nach Osten und die Aufwertung von Portus zur Stadt unter Konstantin lassen aus dem Handels- und Gewerbestandort mit sozialer Durchmischung einen Wohnort (besonders im Südteil der Stadt) mit Dienstleistung und Vergnügen für eine Oberschicht werden. Nach den Verfolgungen des 3. Jh. wird zur Zeit Konstantins eine christliche Basilika (an der südöstlichen Stadtmauer) gebaut, weiht seit 336 der Bischof von Ostia den Papst. Die Juden – ihre Synagoge steht außerhalb im Südwesten, fernab von christlichen Bauten – bleiben im Gegensatz zu heidnischen Kulten (Mithras) zumindest geduldet, ihre Gemeinde bis ins 5. Jh. aktiv. Religiös motivierte Gewalt ist nicht belegt (S. 131 f.). Die zunehmende wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit schützte Ostia schließlich vor den Plünderung des 5. Jh. durch Alarichs Goten 410 und Geiserichs Vandalen 455. Monica, die Mutter des Kirchenvaters Augustinus, starb 387 hier vor der Abfahrt nach Nordafrika. Im 9. Jh. wurde die schrumpfende Stadt nach einem Sarazeneneinfall schließlich aufgegeben (S. 137 f.). Ein wesentlicher Teil der heute sichtbaren Hinterlassenschaften, unter denen die Bauten der Republik und des Prinzipats wahrhaft ‚begraben‘ liegen, entstammt der hohen Kaiserzeit; jüngere Bauphasen mußten den Ausgrabungen der Jahre 1938-1942 (!) und deren Blick auf das imperiale Ostia zum Opfer fallen (S. 17, 139).

Die großzügige Darstellung ist überreich mit Fotographien von hoher Qualität, mit Rekonstruktionsskizzen und Plänen baulicher Anlagen wie der gesamten Stätte in ihrer größten Ausdehnung anschaulich versehen und gerade für den Nicht-Fachmann/-frau eingängig und gut verständlich erläutert. Nützlich im Besonderen die Abbildung der Mauerwerks- und Fußbodenarten (S. 141); man vermisst freilich jede Art von Index. Ohne in Konkurrenz zu R. Meiggs umfassendem Standardwerk Roman Ostia (Oxford 21973), den von G. Calza und G. Becatti begründeten Grabungspublikationen Scavi di Ostia (Rom 1953 ff.) oder C. Pavolinis Studienführer Ostia (Rom 22006 [Guide Archeologiche Laterza]) treten zu wollen, ist B.s Durchgang aufgrund seines Formats zwar weniger handlich für das Reisegepäck, dafür aber umso tauglicher zur Vorbereitung auf einen Besuch dieser über Jahrhunderte gewachsenen, kleineren römischen Zwillingsstadt.

Michael P. Schmude, Lahnstein

 

aus: FORUM CLASSICUM 58 (2015), S. 47-50.

Zu-W-Blösel-Die-römische-Republik

Zu-W-Blösel-Die-römische-Republik

Wolfgang Blösel: Die römische Republik – Forum und Expansion, München (Beck) 2015 [C.H. Beck Geschichte der Antike]. 304 S., € 16,95 (ISBN 978-3-406-67413-6).

Der Titel mutet zu eng gefasst an – W. Blösel (B.) beschreibt nicht allein das Rom der republikanischen Epoche seit dem Umsturz unter (L. Iunius) Brutus, sondern beginnt mit der Stadtentstehung im 9. Jh. v. Chr. und endet mit dem Untergang der res publica im zweiten Triumvirat. Wesentlich sind für B. drei Kernbegriffe: das pomerium (Stadtgrenze) als Scheidewand zwischen domi und militiae, das forum als Ausgangspunkt für jede öffentliche Laufbahn sowie das comitium als Versammlungsplatz und Stätte bürgerlicher Machtvergabe auf dem Forum; als religiöses Zentrum thront der Iuppiter-Tempel auf dem Capitol. Den innerstädtischen Comitien zur Wahl der Beamten ohne Gewaltbefugnis stehen solche auf dem Marsfeld (außerhalb des Pomeriums) gegenüber für die künftigen Inhaber eines militärischen Mandats (imperium). Von hier aus entwickelt B. in sieben Schritten die Geschichte der Republik von ihren archaischen Ursprüngen bis zur Einmündung in den Prinzipat des Augustus; Leitgedanke der dynamischen Expansion von einem italischen Stadtstaat zum römischen Weltreich ist die dauerhafte Rückbindung aller Amtsträger an das Forum, das steingewordene politische Herzstück des Imperium Romanum.

Der Gründungsmythos weist Rom als „Stadt ohne Ursprung“ (F. Dupont 2013) aus, als rituell beglaubigte (Plut. Rom. 11) Vereinigung von Fremdankömmlingen unter Führung des Romulus, eines Vertriebenen aus dem nahen Alba Longa (S. 15). Seinem – von Varro auf das Jahr 753 datierten – Akt der Stadtgründung aus Siedlungen auf dem Palatin, dem Quirinal und Esquilin steht die Auffassung einer allmählichen Stadtwerdung als deren Zusammenwachsens (Synoikismós) gegenüber, für griechische und etruskische Poleis vom 9. bis 6. Jh. durchaus üblich (S. 20). Siedlungsspuren in dieser verkehrsgünstig an der Kreuzung von Hirtenroute und Salzstraße gelegenen, von den etruskischen Nachbarn (nordwestlich), den Latinern (südlich), Faliskern und Sabinern (im Osten) heimgesuchten Mündungsregion des Tiber finden sich aus dem 15. und dann aus dem 10. Jh., vor-städtische Hüttenansammlungen und Nekropolen auf den o.g. Hügeln sowie im Forumstal erst aus dem 8. Jh. Die Schaffung der für das klassische Rom kennzeichnenden Institutionen verteilt die literarische Tradition sodann auf die kanonischen Sieben Könige (unterschiedlicher, aber dominierend etruskischer Herkunft) als stadtstaatliche Gründungsheroen. Zeitgleichen griechischen Tyrannen nicht unähnlich, bleiben sie in Zahl wie historischer Bewertung ein Konstrukt seit dem 4. Jh., die Vertreibung des ‚letzten‘ Tarquiniers (509/08) ein gewollter Synchronismus mit den Parallelereignissen in Athen, selbst deren Protagonist, Brutus der Hofnarr, eine Kunstfigur aus den Idealen einer republikanischen Nobilität (S. 29-31).

Wegmarken gliedern den Werdegang der libera res publica bis zur res publica amissa (Chr. Meier 21980), die B. weitgehend in der chronologischen Abfolge von Aufstieg und Fall der republikanischen Einrichtungen beschreitet, einhergehend mit der unaufhaltsamen Ausbreitung des Imperium Romanum über den gesamten Mittelmeerraum hinweg sowie dem zunehmenden Auftreten imperialer Ego’s. Dabei ist der Aufbau der einzelnen Kapitel so gehalten, dass eine Überblickspartie die historischen Verhältnisse, etwa die römischen Magistrate, in ihrer Entwicklung als Ganzes charakterisiert und sodann die einzelnen Phänomene, etwa Prätur oder Tribunat, näher beschrieben werden. Zwischenresümees zum Abschluss der einzelnen Sequenzen wären dem Gesamtzugriff auf den Stoff keineswegs abträglich gewesen.

Die Beseitigung des Königtums bedeutete ausdrücklich nicht die Zerschlagung des monarchischen imperium: dieses wurde vielmehr auf jährlich gewählte Oberbeamte, namentlich das doppelt besetzte Konsulat aufgeteilt; der rex blieb in sacraler Schrumpfform erhalten – auch dies vergleichbar im archaischen Griechenland, namentlich Athen. Innenpolitisch wurde diese erste Phase der Republik von den Ständekämpfen (seit 494: Auszug auf den mons sacer) zwischen Patriziern und Plebejern dominiert. Als überlange Geburtswehen des jungen Staates zumindest fragwürdig, die Standesidentitäten in der Umbruchphase nach der Königszeit zunächst eher offen, gelten als vorläufige Befriedung die Licinisch-Sextischen Gesetze von 367/66 mit der Zulassung der Plebejer zum Konsulat; Livius und Dionys von Halikarnass lassen die Zwistigkeiten gleichwohl noch bis zur letzten plebeischen Sezession 287 (auf den mons Ianiculus) andauern, während sie bei früheren Chronisten wie Fabius Pictor, dem Älteren Cato oder Polybios mit den Zwölftafelgesetzen Mitte des 5. Jh. enden.

Außenpolitisch galt es, sich gegen die etruskischen und latinischen Städte im mittelitalischen Umfeld zu behaupten, und hier tritt Rom zu Beginn der Republik durch zwei Verträge hervor: der erste mit den phönizischen Karthagern regelt die Machtsphäre im westlichen Mittelmeer zugunsten der Nordafrikaner, hält diese andererseits von der Küste Latiums fern; das foedus Cassianum von 493 vereinigt die Städte des schon älteren Latinerbundes (samt coloniae) unter der Führung Roms insbesondere gegen die Äquer, Volsker und Sabiner (S. 51). Die rivalisierende Etruskerstadt Veji wird in drei Kriegen bis zu ihrer Zerstörung und Eingemeindung 396 niedergerungen. Der ungehinderte Einfall der Gallier (390/87) führt zu einer Befestigung der Stadt (‚Servianische‘ Mauer); er unterbricht zwar fürs Erste die römische Expansion tiberaufwärts, nicht aber die konsequente Ausweitung des ager Romanus in Latium (S. 55).

Der zweite Schritt dehnt die Vormacht in der Region auf ganz Italien aus. Zuvor behandelt B. die Konsulatsverfassung von 367/66 (s.o.): in dieser resultiert der seit dem Ende des 5. Jh. wachsende Anspruch der Plebs über Volks- und Militärtribunat, plebeische Ädile und Quästoren hinaus auf politische Mitgestaltung in höchsten Staatsämtern und führt zur Kollegialität wie zur Heranbildung einer patrizisch-plebeischen Oberschicht. Der patrizische ‚Stand‘ als solcher hatte sich indes bereits nach der Mitte des 5. Jh. herausgeschält (S. 47), und auch die „arrivierten“ Plebejer (S. 62) schotteten sich alsbald gegen ambitiones aus der großen Mehrheit ihres Standes (homines novi) ab. Zugangskriterium für einen Sitz im Senat – unter Aufsicht der Zensoren – war nunmehr die Bekleidung eines kurulischen Amtes (S. 59). Schwerpunkte bis zum Jahr 264, regional ausgreifend und fortschreitend, sind für B. hernach neben einer erfolgreichen (und durchaus nicht gewaltfreien) Bündnis- und hierarchisch stark differenzierten Einvernahmepolitik (coloniae, municipia und andere Formen der Abhängigkeit) gegenüber den vielfältigen italischen Stämmen und Gemeinden zum Einen der Latiner- (341-338) sowie drei Kriege gegen die Samniten (343-290), welche ursprünglich aus den Bergtälern des Apennin in die fruchtbare Küstenebene Latiums und Kampaniens drängten. Seit 312 wird die Via Appia sukzessive als Heeresstraße parallel zur Küste ausgebaut und über Capua landeinwärts schließlich (243) bis nach Brundisium an der Adria weitergeführt. Zum Anderen und gleichzeitig zu den laufenden Auseinandersetzungen mit künftigen socii im Norden (Etrusker, Umbrer, Picener) die letztlich (275) siegreiche gegen den epirotischen König Pyrrhos (→ sein ‚Bonmot‘), den die griechischen Bürgerschaften Süditaliens (namentlich Tarent) gegen das Hegemonialstreben Roms zu Hilfe gerufen hatten und der sogleich als Sachwalter auch der Samniten, Lukaner und Bruttier auftrat.

Der dritte Schritt greift in zwei Richtungen auf die Oikuméne über: an sich waren die Machtsphären zwischen italischem Festland und karthagischem Nordafrika geklärt, auch die Zugehörigkeit Siziliens zur karthagischen in einem dritten Vertrag (306) mit Rom geregelt – B. korrigiert das Bild von der bloßen Handelsnation Karthago ohne weitergehende Interessen im jeweiligen Hinterland seiner Häfen (S. 91), und am Ende des 1. Punischen Krieges ist dessen Stellung im westlichen Mittelmeer zumindest angeschlagen. Die Eroberung von Sardinien und Korsika 237 machen das Tyrrhenische zum römischen Binnenmeer, Feldzüge bis in die Poebene (Via Flaminia 220) sichern die Gallia cisalpina, die Illyrer werden zu amici unterworfen. Den 2., von der Iberischen Halbinsel ausgehenden Punischen Krieg teilt B. (S. 110): mit der Kapitulation Capuas 210 vor den römischen Konsuln endet Hannibals Offensivkraft in Italien mangels Nachschub. Die Verlegung des Kriegsschauplatzes durch Scipio ins nordafrikanische Numidien erzwingt 202 die dortige Entscheidungsschlacht bei Zama: Karthago wird zur Regionalmacht zurückgestutzt, im 3. Punischen Krieg schließlich ausgeschaltet. Die Römer erobern den Osten im 2. Jh. vor allem gegen den Seleukidenkönig Antiochos III. sowie Philipp V. von Makedonien: während noch an den Isthmischen Spielen 196 der Konsul Flamininus die ‚Freiheit Griechenlands‘ erklärt, verwirkt Philipps Sohn und Nachfolger Perseus mit der Niederlage im 3. Makedonischen Krieg 168 bei Pydna sein Königreich wie die Eigenständigkeit der griechischen Poleis. Der letzte Aufstand des achäischen Bundes führt 146 zur Auslöschung Korinths und zum Ende griechischer Eigenstaatlichkeit in der Antike (S. 131). Rom ist Weltmacht.

Die Erfolge nach außen hatten Umbrüche im Innern gezeitigt – mit dem Jahr 133 beginnt das Jahrhundert der Bürgerkriege, so dass gerade dieser Teil von B.s Darstellung einen deutlich gesellschaftspolitischen Bezug hat (S. 155 ff.): die Ackergesetzgebung der Gracchen zugunsten der durch ständigen Kriegsdienst von Verelendung bedrohten Bauernsoldaten Roms; der zunächst militärisch (Jugurtha, Kimbern und Teutonen) bedingte, in Stadtrom virulente (Veteranen) Aufstieg des Parvenü Marius, welcher die schon im Spanischen Krieg (154-133) sich abzeichnende militärische „Dequalifizierung“ der Nobilität umso deutlicher machte; der Bundesgenossenkrieg 91-88 um die Verleihung des Bürgerrechts, an Regelungen der Jahre nach 338 anknüpfend – Gewalt wird gesellschaftsfähig im Binnenraum (S. 188). Die Konsulate Cinnas, des Parteifreundes von Marius und (wie er) Gegenspielers des Optimaten Sulla, dessen Ostfeldzug gegen Mithridates VI. von Pontos (87-84) und (zweimaliger) Marsch auf Rom, Diktatur wie Beseitigung des sullanischen ‚Systems‘(S. 211 f.) münden in das Schlusskapitel der Römischen Republik, nach Spartakusaufstand und Seeräuberkrieg, Ostkommando und Gallia ulterior in die Triumviratszeiten unter Pompeius und Caesar (ab 60), M. Antonius und Octavian (also jeweils Ost-West-Konstellationen), denen der letzte Republikaner Cicero trotz catilinarischer Aristie und Tyrannenmord am Ende (43) doch zum Opfer fällt – Augustus begründet 27 den Prinzipat (S. 265).

Dies Alles ist – der aufgezeigten Struktur folgend – detailliert geschildert, nicht immer frei von Sprüngen, den Schauplatzwechseln geschuldet. Kartenmaterial, das gerne auch etwas größerformatig hätte ausfallen können, begleitet anschaulich das machtpolitische Ausgreifen der Tiberstadt (nützliche ‚Sprachen-Karte‘ S. 49). Kurz gehaltene Anmerkungen bieten Quellen, eine kleinschrittige, erläuterte Zeittafel sorgt für chronologische Orientierung. Das Literaturverzeichnis folgt der Kapitelgliederung und nennt jeweils nach einem kompakten Forschungsüberblick die durchweg neueren Titel. Personen- (kein Sach-) und Ortsregister runden diesen ereignisgesättigten und eingehenden Blick auf Gestaltwerdung wie Verlust der res publica Romana ab.

Michael P. Schmude, Boppard

aus: FORUM CLASSICUM 58 (2015), S. 198-201